Schlagwort: deutschsprachige Literatur

Elias Hirschls „Hundert schwarze Nähmaschinen“: Dinner for one

Hundert schwarze Nähmaschine

Nerdig sein ist cool geworden. Serien wie „The Big Bang Theory“ oder „Silicon Valley“ haben den Nerd, Freak oder Geek als gesellschaftlichen Typus in die Mitte gebracht. Der Erfolg dieser Trendbewegung zeigt sich daran, dass sich junge, hübsche, hippe Menschen plötzlich das Gesicht mit übergroßen Brillen verbauen oder Nintendo-Controller zu Halsketten umfunktionieren. Das könnte Anlass zu großer Freude sein, wenn es denn bedeuten würde, dass diejenigen, die schon immer im Abseits standen, nun auch in die Mitte der Gesellschaft genommen würden. Stattdessen hat sich jedoch die Mitte einfach nur die Ästhetik des Nerdigen angeeignet, so wie sie sich turnusmäßig immer wieder Elemente von Subkulturen aneignet, um frisches Blut zu saugen. Aus dem gleichen Grund liegen in H&M-Läden T-Shirts von Metalbands rum und DocMartens sind zu Modeaccessoires geworden. Weiterlesen

Im tiefen, dunklen Wald: Jovana Reisingers „Still halten“

Reisinger_Stillhalten

Er ist der ultimative Sehnsuchtsort der Deutschen: der Wald. Spätestens seit der Romantik und den Grimmschen Märchen weiß jedes Kind, das im Dickicht Gefahren in Form von bösen Wölfen und noch böseren Hexen lauern. Gleichzeitig aber ist dieses Archaische, dieses Gegenbild zur vom Menschen geprägten, kultivierten Landschaft zum überhöhten Ideal geworden, das bei der Reichsgründung 1871, so zeigt sich am Hermannsschlacht-Denkmal im Teutoburger Wald, zum Symbol nationaler Identität erklärt wurde, das die Nazis dankend für ihre Propaganda nutzten. In Jovana Reisingers literarischem Debüt ist der Wald nicht Sehnsuchtsort, sondern gefürchteter Schreckensraum. Dennoch läuft der Roman zielstrebig auf eben jenen zu. In „Still halten“ erobert die Natur die Topographie zurück. Weiterlesen

Vom Kampf gegen die Väter: Theresia Enzensbergers „Blaupause“

Enzensberger-Blaupause

Eine junge Frau beendet die Schule. Sie beschließt, ihr Elternhaus zu verlassen und in einer anderen Stadt zu studieren – sie möchte Architektin werden. Was im Jahr 2017 wie selbstverständlich klingt, war es vor knapp 100 Jahren, im Herbst 1921, noch lange nicht. Hier entschieden nicht die Abiturientin für sich selbst, sondern ihre Eltern über die Zukunft der Tochter. In ihrem Debütroman „Blaupause“ erzählt Theresia Enzensberger, ihres Zeichens bislang selbst vor allem Tochter, nämlich von niemand geringerem als Hans Magnus Enzensberger, von einer jungen Frau, die am legendären Bauhaus in den 1920ern Architektur studiert. Weiterlesen

Ohne Herkunft, ohne Heimat: Lana Lux’ „Kukolka“

Lux_Kukolka

Ein immer wiederkehrerender Topos der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, dem sich in den vergangenen Jahren vor allem viele Debütromane gewidmet haben, ist die Verhandlung der in der Kindheit erlebten Migration nach Deutschland in den Jahren der Jahrtausendwende, vornehmlich aus osteuropäischen Ländern: So erzählen Alexandra Friedmann und Tijan Sila auf tragikomische Weise von den dramatischen Umständen und den kuriosen Kindheitserinnerung, die der Kulturschock mit sich brachte. Am Ende steht jedoch meist das Happy End, die Integration – vor allem durch Bildung – und der persönliche Erfolg. Auch Lana Lux erzählt in ihrem Roman „Kukolka“ die Geschichte eines Mädchens, das in den 2000er Jahren nach Deutschland kommt – jedoch auf radikal andere Art und Weise als ihre Kolleginnen und Kollegen. Weiterlesen

„Auserwählt, um Widerstand zu leisten“: Jan Wehns „Morgellon“

Wehn-Morgellon

Noah Zimmermann hat ein Urlaubssemester genommen und sich in die – noch unveränderte – Wohnung seines kürzlich verstorbenen Großvaters einquartiert. Die unter der Matratze versteckten Bargeldreserven sorgen für das leibliche Wohl des Studenten, der von dem Geld Pizza bestellt oder seinen alten Freund und Ärztesohn Sven dafür bezahlt, dass dieser ihm mit Vatis Rezeptblock bei der Beschaffung von Medikamentennachschub hilft, seit die Vorräte des Großvaters an Benzodiazepinen zur Neige gehen. In seiner Debütnovelle „Morgellon“ erzählt Jan Wehn vom Abschied aus der Realität und dem neuen Weltbild zwischen Chemtrails und der ‚GmbH Deutschland‘, der immer mehr Menschen Glauben schenken. Weiterlesen

Lukas Bärfuss‘ „Hagard“: Zu Fuß durch den Untergang

Hagard

Die Literatur ist eine Verfolgungsjagd. Ständig haftet jemand an den Fersen der handelnden Figuren, auf Schritt und Tritt werden sie verfolgt. Mal mit gar göttlicher Allmacht, mal mit eingeschränktem Wissen darüber, was das Handlungspersonal als nächstes machen wird. Die Rede ist natürlich vom Erzähler, der eine manische Präsenz in der Literatur ist. Manche Figur in der Weltliteratur ist über die ständige Anwesenheit eines Zweiten wahnsinnig geworden, andere wiederum nehmen sie mit besonnener Gelassenheit hin. Die Hatz des Erzählers ist ein altes Motiv, der voyeuristische Charakter des Erzählens ist ein beliebtes Thema, mit dem sich die Literatur selbst thematisiert. In diese Tradition tritt Lukas Bärfuss mit seinem neuen Roman „Hagard“, bei dem gleich zwei auf die Verfolgungsjagd gehen: Protagonist Philip und eben der Erzähler selbst. Bärfuss macht daraus eine zivilisatorische Abrechnung, die nur müde an dessen Vorbilder erinnert. Weiterlesen

Regretting Fatherhood: Luise Maiers „Dass wir uns haben“

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„Ich darf niemals Kinder haben.“ – Ein ganzes Notizheft füllt die namenlose Ich-Erzählerin in Luise Maiers Debüt „Dass wir uns haben“ mit diesem Satz in der ersten Szene des Romans, in der das Ich szenisch auf eine traumatische Kindheit zurückblickt: In einem grünen Haus, irgendwo im Nirgendwo, wächst sie mit Vater, Mutter und Bruder alles andere als behütet auf. Wer in diesem Erstling der Absolventin des Schweizer Literaturinstituts auf ein Happy End wartet, der wartet vergebens. Weiterlesen

Von Damaskus nach Berlin: Olga Grjasnowas „Gott ist nicht schüchtern“

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Wie nah darf und wie nah muss Literatur sein? Darf man von ungeheurem Leid erzählen, wenn man es selbst nicht erlebt hat? Und wie kann man das Unaussprechliche verbalisieren? Olga Grjasnowa, die neuerdings bei Aufbau verlegt wird, erzählt in ihrem dritten Roman „Gott ist nicht schüchtern“ die Geschichte einer jungen Frau und einem jungen Mann aus Syrien, vom Bürgerkrieg und der Flucht nach Europa. Weiterlesen

Tex Rubinowitz‘ „Lass mich nicht allein mit ihr“: Meta!

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Die Schriftstellerei ist ein schizophrenes Gewerbe. Autoren denken sich Erzähler aus, die wiederum über Figuren sprechen. Der Autor kann in seinen eigenen Romanen vorkommen oder auch völlig abwesend sein, es gibt einen privaten Autor und einen öffentlichen. Seine Texte sind immer selbstbestimmt und gleichzeitig durchdrungen von Fremdzitaten, darüber hinaus darf auch der Einfluss Zweiter und Dritter – wie der von Lektoren – nicht unterschätzt werden. Kurzum: der Autor ist eine Matroschka-Puppe, unter dem einen Figürchen wartet immer noch ein weiteres. Dass das so ist, ist keine rasante Neuigkeit. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts entdeckte die Postmoderne die Lust gerade an dieser Konstellation herumzuprobieren und schrieb Literatur, die die literarische Form selbst zum Thema hatte. Zwar wurde dieser literarische Spieltrieb mittlerweile von der neuen Sehnsucht nach authentischen, lebensnahen Stoffen abgelöst, hin und wieder räuspert sich die Postmoderne jedoch noch einmal – in Tex Rubinowitz‘ Roman „Lass mich nicht allein mit ihr“ zum Beispiel, in dem das Verwirrspiel um Identitäten zum müden Witz verkommt. Weiterlesen

Gewachsen auf Beton: Fatma Aydemirs „Ellbogen“

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Berlin ist grau, und der Berliner Wedding ganz besonders. Spätestens seit den Boateng-Brüdern, die es „herausgeschafft“ haben, ist der Arbeiterbezirk auch deutschlandweit bekannt. Hier lebt die 17-jährige Hazal, die aus einer unmittelbaren Ich-Perspektive in Fatma Aydemirs Debütroman „Ellbogen“ vom Sommer erzählt, in dem sie ihren 18. Geburtstag feiert, bis zur Eskalation.  Weiterlesen