Schlagwort: Dorfgeschichte

Das Trauma der Provinz: Lize Spits „Und es schmilzt“

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Wer die Debütromane der letzten Jahre verfolgte, der konnte beobachten, dass junge Autoren vor allem zwei Topographien bevorzugen: Die anonyme, kalte und brutale Großstadt wie in Fatma Aydemirs „Ellbogen“ oder das periphere Dorf, meist namenlos, zuletzt in Luise Maiers Debüt „Dass wir uns haben“ und Andreas Mosters „Wir leben hier, seit wir geboren sind“. Auch die flämische Literatur hat eine Vorliebe für die Provinz. Einer der erfolgreichsten Romane der letzten Jahre ist Lize Spits Debüt „Und es schmilzt“, der von einem Sommer in einem belgischen Dorf erzählt, der für die Ich-Erzählerin alles verändern soll. Weiterlesen

Regretting Fatherhood: Luise Maiers „Dass wir uns haben“

„Ich darf niemals Kinder haben.“ – Ein ganzes Notizheft füllt die namenlose Ich-Erzählerin in Luise Maiers Debüt „Dass wir uns haben“ mit diesem Satz in der ersten Szene des Romans, in der das Ich szenisch auf eine traumatische Kindheit zurückblickt: In einem grünen Haus, irgendwo im Nirgendwo, wächst sie mit Vater, Mutter und Bruder alles andere als behütet auf. Wer in diesem Erstling der Absolventin des Schweizer Literaturinstituts auf ein Happy End wartet, der wartet vergebens. Weiterlesen

„wir leben hier, seit wir geboren sind“: Ein Gespräch mit dem Autor Andreas Moster

Andreas Mosters Roman „wir leben hier, seit wir geboren sind“ ist vielleicht die Entdeckung der letzten Monate. Sein Debütroman ist mutig, weil er gegen den allgemeinen Trend des Autobiographischen anschreibt, er ist kunstvoll, weil er eine Sprache findet, die den Leser zum Fremden macht und er eine Erzählung schafft, die eine höhere Wahrheit in sich birgt. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was für ihn Literatur ausmacht, was er von manchen Blüten der Gegenwartsliteratur hält und wann er Erfahrungen mit der Fremde macht. Weiterlesen

Andreas Mosters „wir leben hier, seit wir geboren sind“: Wir, Ich und das Andere

Die Gegenwartsliteratur ist fest in der Hand eines tristen Realismus‘. Die ganze Gegenwartsliteratur? Nein, ein paar wenige leisten Widerstand. Doch die großen Helden unserer Tage sind die Knausgards mit ihren realistischen Klogangchroniken, die Glavinics und Meyerhoffs. Wiedererkennen möchte sich der Leser in diesen meist autobiographischen Stoffen, anschlussfähig soll es sein, an die eigene Lebenswelt. Früher hat die Literatur einmal die Aufgabe übernommen, den Leser mit dem Fremden zu konfrontieren, heute ist gute Literatur jene, die einen Alltag vorführt, der genauso öde ist, wie der des Lesers. Dabei ist es gerade die Fähigkeit der Kunst, dem Konsumenten mit Differenzerfahrungen zu konfrontieren, ihre große Leistung – wie Gesellschaften reagieren, die den Umgang mit dem Fremden verlernt hat, sieht man im Europa dieser Tage. Weil Andreas Moster, Übersetzer und Romandebütant, es wagt, die Literatur an den Punkt des Unbekannten zu führen, ist ihm ein echter Wurf gelungen. Weiterlesen

Guntram Vespers „Frohburg“: Ein literarischer Messie

Frohburg ist eine sächsische Kleinstadt, sie verfügt über rund 10.000 Einwohner, ist Teil des Landkreises Leipzig und liegt an der Grenze zu Thüringen. Otto Nuschke, der Vorsitzende der DDR-CDU, ist in Frohburg geboren, Frauke Petry soll auch mal dort gewohnt haben. Normalerweise wäre das das einzige, was der durchschnittliche Deutsche sich gerade noch von dem sächsischen Örtchen merken würde, wäre da nicht am 17. März 2016 etwas Eigentümliches geschehen: Der in Vergessenheit geratene Guntram Vesper war mit einem Ziegelstein von Buch nach Leipzig gekommen, für den ganz großen Wurf. Mit dem Gewinn des Preises der Leipziger Buchmesse stand der fünfundsiebzigjährige Schriftsteller plötzlich im Rampenlicht und mit ihm seine Heimatstadt Frohburg. In der Begründung der Jury heißt es über Vespers Roman: „Die Sätze in diesem Buch sind lang, oft bringen sie gleich mehrere Perspektiven zusammen, und sie sind stets konkret, geatmet, nah dran an der Mündlichkeit.“ Lang sind die Sätze tatsächlich, genauso wie der Roman ein langer ist. Ein furchtbar langer Roman, bei dem die Zeit noch viel länger wird. Weiterlesen

Juli Zehs „Unterleuten“: Die Hölle, das sind die anderen

Die Beziehung zwischen Berlin und Brandenburg war schon immer eine ganz besondere. Normalerweise interessiert sich das Zentrum nicht besonders für die Peripherie, solange sich das Umland – ganz im marxistischen Sinne – nur freigiebig vom Zentrum ausbeuten lässt. Anders hier. Die Mark Brandenburg hat die Hohenzollern groß gemacht, mit Berlin wurden nicht alle auf dem Preußenthron warm, zeitweise war Potsdam der politisch wichtigste Ort für das Königreich. Spätestens im 20. Jahrhundert schien sich dieses Zentrum-Peripherie-Gefüge zu normalisieren – bis zur Wende. Plötzlich strömten aus dem Westen Gutbetuchte in die Hauptstadt, die vor lauter Zuzug bald selbst schon wieder die Nase voll hatten, denn wer will schon da wohnen, wo alle wohnen. Und so suchten sie sich ein neues Ziel und fanden es im Brandenburger Speckgürtel. Seit dem versuchen sich Naturverliebte, Impfgegner und andere Wohlstandsverrückte in alternativen Lebensentwürfen und haben eine neue Form der Ausbeutung gefunden. Denn den politischen Ansichten der Neubewohner haben sich die Eingesessenen zu fügen. So könnte man die Geschichte erzählen. Oder ganz anders. Genau darum geht es Juli Zeh in ihrem neuen Roman „Unterleuten“. Weiterlesen