Schlagwort: Drittes Reich

Éric Vuillards „Die Tagesordnung: „Die Literatur erlaubt alles, heißt es.“

Wer Vuillards Werk begleitet, folgt einem faszinierenden literarischen Blick in die Geschichte. In „Kongo“ erzählte er von der aufgeblasenen Art, wie die europäischen Mächte die letzten Reste Afrikas unter sich aufteilten und wie sie in ihrem grausamen Hochmut Millionen von Menschen in den Hungertod trieben. In „Die Traurigkeit der Erde“, seinem wohl bislang besten Buch, betreibt er eine großartige Reflexion über das Wesen des Spektakels und Medienwandel. Nun, in „Die Tagesordnung“, das durch den Gewinn des Prix Goncourt mit einigen Vorschusslorbeeren in Deutschland angekommen ist, nimmt er sich den Anschluss Österreichs vor und entschleiert ein treibendes Prinzip der Historie: die Hochstapelei. Weiterlesen

Peter Suhrkamp/Annemarie Seidel: Der schlichte Ostfriese

Der Begriff „Suhrkamp“ hat eine merkwürdige Unverhältnismäßigkeit produziert: Wer heute „Suhrkamp“ sagt, denkt zunächst „Unseld“. Das mag daran liegen, dass Siegfried Unseld in einer neuentstandenen Medienumwelt es besonders verstand, sich in Szene zu setzen oder aber, dass der Verlag erst unter seiner Regentschaft zu einer Kulturinstitution von Weltruhm geworden ist. Logischer wäre freilich bei Suhrkamp zunächst an Suhrkamp zu denken, an eben Peter Suhrkamp, Gründer des Verlags. Als Leiter des in Deutschland verbliebenen Teil des S. Fischer-Verlags – nachdem Bermann Fischer aufgrund der antisemitischen Politik der Nationalsozialisten ins Exil gehen musste – baute er seine Hausmacht aus, die er schließlich ausspielte, als nach dem Krieg zwischen Suhrkamp und Fischer Lizenz-Streitigkeiten ausbrachen. Mit Brecht und Hesse hatte Peter Suhrkamp ein echtes Pfund für den Start gewinnen können; die zwei Autoren ebneten den Weg für eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte. Trotz des allzu hell strahlenden Unseld-Sterns möchte das Berliner Verlagshaus das Andenken Suhrkamps hochhalten. Wie mit dem nun erschienen Briefwechsel zwischen ihm und seiner Frau Annemarie Seidel. Weiterlesen

Irmgard Keun: Kindermund tut Unsinn kund

Auf der letzten Seite von Anna Seghers atemberaubenden Roman „Transit“ heißt es: „Sie läuft noch immer die Straßen der Stadt ab, die Plätze und Treppen, Hotels und Cafés und Konsulate auf der Suche nach ihrem Liebsten. Sie sucht rastlos nicht nur in dieser Stadt, sondern in allen allen Städten Europas, die ich kenne, selbst in den phantastischen Städten fremder Erdteile, die mir unbekannt geblieben sind. Ich werde eher des Wartens müde als sie des Suchens nach dem auffindbaren Toten.“ Das Leben im Wartestand, das Verharren in Transiträumen waren Schicksale, die viele der Exilanten während des Dritten Reichs erleiden mussten. Sie wurden zu Kosmopoliten wider Willen: Weltreisen als Fluchtgeschichten. Auch Irmgard Keun war eine dieser Exilanten, obgleich sie noch während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland zurückkehrte. Dieses Thema verarbeitete sie im 1938 erschienen Roman „Kind aller Länder“, der nun von Kiepenheuer & Witsch neuaufgelegt wurde. Weiterlesen

Ernst Jünger: Das Dritte Reich als Schrebergarten

Kaum ein Schriftsteller kann so ausführlich vom 20. Jahrhundert Zeugnis ablegen wie Ernst Jünger – und das nicht nur aufgrund seines methusalemischen Alters. Ernst Jüngers Lebenslauf könnte man als Parabel der jüngeren deutschen Geschichte lesen: Seine soldatische Begeisterung für den Krieg, sein ambivalentes Verhältnis zum Dritten Reich und sein Rückzug in die Privatheit nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine Sonderstellung nimmt dabei sein 1939 erschienener Roman „Auf den Marmorklippen“ ein – eine Parabel auf Nazideutschland oder (wofür Ernst Jünger stets plädierte) auf totalitäre Gesellschaften im Allgemeinen. Im Dritten Reich nicht verboten, aber verpönt erzählt er die Geschichte einer fiktiven Gesellschaft am Rande des Untergangs. Weiterlesen