Schlagwort: Dystopie

Who’s watching? „Die Hochhausspringerin“ von Julia von Lucadou

Höher, schneller, weiter: Im Big Data-Zeitalter ist so gut wie alles messbar. Vom Schritt- und Stockwerkzähler am Handgelenk oder im Smartphone über die Smartwatch, die nicht nur die körperliche Betätigung, sondern auch Puls und Schlafrhythmus dokumentiert, bis zur Auswertung der eigenen ’sozialen Performance‘ in den sozialen Netzwerken über Likes und Shares – der Mensch des 21. Jahrhunderts ist gläsern, vor sich selbst, aber auch vor anderen. Wohin das führen könnte erzählt Julia von Lucadou in ihrem Roman „Die Hochhausspringerin“. Weiterlesen

Juli Zehs „Leere Herzen“: Was ist Populismus?

Haben Sie auch so eine Angst? Glauben Sie, dass mit dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen das Ende der Demokratie gekommen ist? Dass Angela Merkel die letzte aufrechte Regierungschefin sein wird, bevor der faschistische Sturm der Barbaren das Land übernimmt? Möglicherweise ist das der Grund, weshalb Sie sich hinter einer frischgezapften Bio-Rhabarberschorle auf dem schwedischen Design-Sofa verkriechen? Ist die Gegenwart nicht furchtbar hektisch geworden? Und diese neuen Medien! Machen alles so furchtbar schnell, chaotisch und unübersichtlich. Vielleicht sollte man nach draußen ziehen, aufs Land. Aber das wäre ja auch schon wieder so zeitgenössisch! Diese schreckliche Landlust mit artgerechter Tierhaltung und zwei Kind-Familie – natürlich mit klassischen Namen wie Charlotte-Sophie und Maximilian-Friedrich. Ist schon verrückt unsere Gegenwart, gell? Hat sich auch Juli Zeh gedacht und den vielleicht dümmsten Roman des Jahres geschrieben. Weiterlesen

Omar El Akkads „American War“: Beim Benzin hört der Spaß auf

A house divided against itself cannot stand – so beschrieb Abraham Lincoln einst die politische Situation, die in den USA zum Bürgerkrieg führte. Die gesellschaftliche Polarisierung, die sich an der Frage der Sklaverei entzündete, brachte die amerikanische Gesellschaft schließlich in eine Situation, in der schließlich nur noch die militärische Auseinandersetzung eine Lösung bringen sollte. Lösung – ja und nein. Der Bürgerkrieg schaffte die inhumane Institution der Sklaverei ab und befreite Abertausende aus der Willkür der reichen Plantagenbesitzer des Südens. Auf der anderen Seite, schaut man heuer nach Charlottesville, sind die Tiefenspuren dieses Konflikts immer noch erkenn- und spürbar. Kein Wunder also, dass die Thematik der Sklaverei und des Bürgerkriegs omnipräsent sind in Film und Literatur. So wie in Omar El Akkads „American War“. Weiterlesen

Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“: Im inneren Salon

Bei den diesjährigen Emmy-Verleihungen gab es viele Sieger, wie sollte es auch anders sein, bei einer Verleihung, die Preise mit der Gießkanne ausschüttet. Doch einer der großen Sieger war sicherlich „The Handmaid’s Tale“. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood und zieht einen mittellangen Roman auf die Länge von zehn Folgen. Die im Text so dominante Ich-Erzählerin June Osborn bzw. Offred wird in der Serie ausgerechnet von der so talentiert wie religiös verwirrten Elisabeth Moss verkörpert. Doch dass die Hauptdarstellerin einer Serie, die eine totalitär-religiöse Gesellschaft zeichnet, sich der Humbug-Gemeinschaft von Scientology angeschlossen hat, ist nicht die größte Krux. Wer heute noch mal Atwoods Roman „The Handmaid’s Tale“ liest, kann verstehen, warum dieser Stoff als Serie nur scheitern konnte – und warum Atwood eine große Schriftstellerin ist. Weiterlesen

Im sauren Regen: Hendrik Otrembas „Über uns der Schaum“

Otremba-Über uns der Schaum

Dass Songtexte auch literarisch sein können, ist spätestens seit der Debatte um die lyrische Qualität von deutschsprachigen Raptexten im Jahr 2015 Konsens. Warum da weiterhin nur auf wenige Verse beschränken?, dachten sich in den letzten Jahren immer mehr Musiker, die nach und nach ihre Debütromane veröffentlichten. Nach Tomte-Sänger Thees Uhlmann und seinem nach amerikanischer Popcorn-Komödie der 1990er klingendem Buch „Sophia, der Tod und ich“ hat nun auch Hendrik Otremba, Sänger der Band „Messer“ mit „Über uns der Schaum“ sein Romandebüt vorgelegt. Weiterlesen

Ulrich Holbeins „Knallmasse“: Per Identitätskrise durch die Galaxie

Holbein_Knallmasse

Die ZEIT nannte ihn „Dandy mit Adorno-Ohren“, die taz einen „Einsiedler im prallen Leben“, er sich selbst „Mutter Theresa“ – Ulrich Holbein ist eine der ungewöhnlichsten Figuren im deutschen Literaturbetrieb. Sein Werk wurde immer mit den Größten verglichen, mal Arno Schmidt, mal Jean Paul. Seine ersten Texte sind bei Suhrkamp erschienen, seit der Entzweiung mäandert das Werk Holbeins durch die deutsche Verlagsgeschichte. Nun ist der Autor im homunculus Verlag angekommen, was wie die perfekte Ehe wirkt. Mit „Knallmasse“ wurde dort ein früher Roman Holbeins wiederaufgelegt, in schönem neuen Gewand. Weiterlesen

Don DeLillos „Zero K“: An involuntary man

Die Menschen können dem Religiösen nicht entfliehen. Die halbe westliche Welt klopft sich wegen ihres vernunftsgesteuerten Atheismus auf die Brust und verlacht die frommen Kirchengänger, die jeden Sonntagmorgen zu früh aufstehen müssen und dann noch den Rest der Welt mit ihrem Glockengeläut zur Weißglut treiben. Das sind jedoch die gleichen Leute, die trotz ihrer rationalen Aufgeklärtheit, in den Apple Store pilgern, als sei der Heiland erschienen und in der Kapelle des Kapitalismus ihr Opfer darbringen, um das neue, seelenheil-versprechende Produkt ihr eigen nennen zu können. Der Kapitalismus hat verstanden, wie wirkungsvoll religiöse Sinnstiftung ist, weswegen unsere Welt voll von solchen Strukturen und Mustern ist, obgleich sie sich nicht als diese auszeichnen. Der momentan mächtigste Kult hat sich in einem kalifornischen Tal versammelt und hat Großes vor. Im Silicon Valley soll nicht nur der neue Mensch geschaffen, sondern auch der Tod überwunden werden. Den Menschen bis an sein Äußerstes zu optimieren, ist der Leitstern, der die Gemeinde der Technikgläubigen an ihr Ziel führt. Denn – so formuliert es Don DeLillo in seinem neusten Roman „Zero K“ – „Everbody wants to own the end of the world.“ Weiterlesen

Anja Kümmels „V“: Orpheus dreht sich nicht um

Wie die Digitalisierung unseres Alltags die Ästhetik und Bildsprache der verschiedenen Kunstrichtungen beeinflusst, ist eine Diskussion die erst langsam so richtig in Fahrt gekommen ist. In den letzten Jahren haben sich viele Filme mit dem Thema beschäftigt: von Michael Manns „Blackhat“, über die neusten James Bond-Filme bis hin zu „Jurassic World“ finden sich viele kluge und weniger kluge Reflexionen darüber, wie man das Unsichtbare darstellbar macht. Denn eine Welt, in der die großen Raubüberfälle sich nicht mehr in maskierten Bankplünderungen, sondern in wenigen Hackerclicks manifestieren, muss unweigerlich eine ganz neue Formsprache produzieren. Konsum, politische Ereignisse, Kriminalität, Kommunikation und Kriegsführung wandern (zu Teilen) immer mehr in den Bereich des Digitalen und damit ins Nichtdarstellbare ab. Die Literatur hat zum Nichtsichtbaren freilich ein anderes Verhältnis, ihre Kernaufgabe ist die Sichtbarmachung der Welt. Damit könnte das alte Medium Buch die Antwort auf die ästhetischen Herausforderungen der Zukunft darstellen. Denn fest steht: dort, wo sich das Äußerliche unsichtbar macht, werden allegorische Formen umso wichtiger, die die Dinge aus den Schatten zurückholen. Weiterlesen

Das Ende der Welt: Nis-Momme Stockmanns „Der Fuchs“

Nis-Momme Stockmann, der bislang mit seinen Theaterstücken Erfolge feiern konnte, hat mit „Der Fuchs“ sein erstes Prosawerk vorgelegt und es gleich auf die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse geschafft. Seine Thematik passt zum Zeitgeist der deutschen Gegenwartsliteratur: In dystopischer Manier wird die Apokalypse durchgespielt, als eine große, alles auslöschende Flut auf das norddeutsche Dorf Thule trifft, welcher der Protagonist und Chronist Finn Schliemann nur entgehen kann, weil er sich mit zwei Freunden auf das Dach eines Hauses rettet. Was „Der Fuchs“ von Texten wie „Eigentlich müssten wir tanzen“ oder „Winters Garten“ unterscheidet, ist seine Radikalität und sein Mut zum allumfassenden Erklärungsmodell. Stockmann erschreibt auf über siebenhundert Seiten die Entstehung des Universums, dessen Schicksal sich mythisch in einer deutschen Kleinstadt verdichtet. Weiterlesen

Die Spielarten der Angst: Juan S. Guses „Lärm und Wälder“

Mit „Pelusa“ , einem Text, den er selbst als „Teil einer Studie zu einem Projekt“ bezeichnete, gewann Juan S. Guse 2012 den open mike-Wettbewerb. Jenes Projekt wurde nun vollendet: Mit „Lärm und Wälder“ legt Guse sein Debüt vor, in dem die Pelusa des open mike zusammen mit ihrer Familie im Zentrum des Erzählten steht. Wer nach dem open mike begeistert von Guse und seinem Text war, wird diesen Roman lieben. Hier wird aus- und weitererzählt, was in „Pelusa“ nur schemenhaft angedeutet wurde. Juan S. Guse schafft es mit ungewöhnlichen Motiven und einer raffinierten Erzähltechnik von einer Gesellschaft und ihren Individuen zu erzählen, die auf den ersten Blick dystopisch anmutet, auf den zweiten Blick jedoch nicht mehr so fremd scheint. Weiterlesen