Schlagwort: Erinnerung

Thorsten Nagelschmidts: „Der Abfall der Herzen“: Monoton, trist-romantisch, irgendwie urban

Jeder möchte von sich glauben, sein eigener Lebensweg wäre etwas ganz besonderes, würde auf unbefahrenen Bahnen verlaufen, gleicht keinem anderen. Gleichzeitig gibt es wohl in jeder Generation Konstanten, die sich immer wiederholen. Früher waren das vielleicht mal kirchliche Initiationsriten wie die Kommunion/Konfirmation und der Wehrdienst. Und heute? Zwar trügt das Gefühl der Berliner Glasglocke, mittlerweile wohne eigentlich jeder in Berlin, trotzdem begegnet einem an jeder Ecke der Satz: „Ich zieh nach Berlin.“ Daran ist nun erst mal nichts verwerfliches, doch was macht das mit den Orten, die man zurücklässt? Und was sagt das über eine Stadt aus, die ja gerade das Versprechen birgt, Individualität frei ausleben zu können? Thorsten Nagelschmidt, ehemaliges Bandmitglied der Muff Potters, zieht literarische Linien durch seinen Lebensweg, der auch ein vorläufiges Ende in Berlin nimmt. Weiterlesen

Aharon Appelfelds „Meine Eltern“: Der letzte Sommer

Appelfeld-Meine Eltern

Aharon Appelfeld, der 1932 als Erwin Appelfeld bei Czernowitz geboren wurde, gehört zu den wichtigsten Schriftstellern der israelischen Gegenwartsliteratur. Nur wenige Wochen vor seinem Tod Anfang Januar 2018 ist sein Roman „Meine Eltern“ in der deutschen Übersetzung von Mirjam Pressler erschienen. Darin erinnert er den letzten Sommerurlaub mit seinen Eltern in einer Welt von gestern. Weiterlesen

100 Jahre Mutter sein: Ada Dorians „Schlick“

Von den Buddenbrooks bis zu Haratischwilis Epos „Das achte Leben“ – die Familiensaga hat Tradition und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Kaum ein anderes Genre ermöglicht es dem Leser, so tief in die literarische Fiktion einzutauchen, wie es der Familienepos vermag. Das liegt vor allem an der erzählerischen Dichte, den motivischen Details und der Ausführlichkeit, die auch und vor allem über die Länge der erzählten Zeit ein scheinbar vollständiges, ‚wirkliches‘ Bild zeichnet. Auch Ada Dorian erzählt in ihrem neuen Roman „Schlick“ von einer Familie, von zwei Müttern und einem Jahrhundert, mit einem Unterschied jedoch: In ihrer Familiengeschichte dominieren die Zäsuren und das Ungesagte.

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Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“: Immer der Sonne entgegen

Erst „Die Witwen“, jetzt „Widerfahrnis“: Ein Trend, der sich auf der diesjährigen Longlist zum Deutschen Buchpreis beobachten lässt, manifestiert sich im Motiv des Roadmovie. Diesmal sind nicht vier Frauen und ein Mann am Moselufer entlang, sondern eine Frau und ein Mann, in ihrem Cabrio Richtung Süden unterwegs: Ein spontaner Kurztrip, drei Tage lang immer dem Meer entgegen. Auch wenn die Figurenkonstellationen unterschiedlich sind, „Die Witwen“ und „Widerfahrnis“ verbindet, dass ihre Protagonisten nicht abenteuerlustige Jugendliche wie etwa in Herrndorfs „Tschick“, sondern gestandene Männer und Frauen in ihren Sechzigern sind, die sich auf die Reise machen und die vor allem vor etwas wegzulaufen scheinen.

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