Schlagwort: Erster Weltkrieg

Volker Weidermanns „Träumer“: Die Prinzessin Lillifee-Revolution

Die Novemberrevolution, die das Ende des Ersten Weltkriegs besiegeln sollte, schaffte in Deutschland ein politisches Vakuum. Die alte Hohenzollern-Dynastie musste abdanken, genauso wie die Landesmonarchen. Damit war auch endlich in Deutschland jahrhundertelange monarchische Tradition gebrochen. Die Frage, die politisch entschieden musste, war: Wie soll Deutschland sich künftig regieren? 1918 gab es dazu viele Ideen, in Berlin wurden gleich zwei verschiedene Republiken parallel ausgerufen. Und auch das eigensinnige Bayern war sich nicht sicher, wie es in eine Zeit ohne Wittelsbacher treten sollte. Einer, der dazu eine klare Meinung hatte, war Kurt Eisner, der am 8. November 1918 den Freistaat Bayern ausrief und diesen künftig als Räterepublik organisieren wollte. Ganze fünf Monate sollte dieser politische Feldversuch Bestand haben, bevor reaktionäre Kräfte dem Projekt ein Ende setzten. „Träumer“, das neue Buch von Volker Weidermann, versucht sich der Stimmung dieser Zeit zu nähern. Leider nimmt es aber weder das politische Projekt, noch dessen Akteure ernst. Weiterlesen

100 Jahre Mutter sein: Ada Dorians „Schlick“

Von den Buddenbrooks bis zu Haratischwilis Epos „Das achte Leben“ – die Familiensaga hat Tradition und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Kaum ein anderes Genre ermöglicht es dem Leser, so tief in die literarische Fiktion einzutauchen, wie es der Familienepos vermag. Das liegt vor allem an der erzählerischen Dichte, den motivischen Details und der Ausführlichkeit, die auch und vor allem über die Länge der erzählten Zeit ein scheinbar vollständiges, ‚wirkliches‘ Bild zeichnet. Auch Ada Dorian erzählt in ihrem neuen Roman „Schlick“ von einer Familie, von zwei Müttern und einem Jahrhundert, mit einem Unterschied jedoch: In ihrer Familiengeschichte dominieren die Zäsuren und das Ungesagte.

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Boris Sawinkows: „Das schwarze Pferd“: Die Mitte verloren

Die Sowjetunion hat zahlreiche Künstlerbiographien verschlungen. Die bekanntesten sind die Solschenizyns, Isaak Babels oder Boris Pasternaks – manche von ihnen wurden ermordet, andere eingekerkert oder in die Verstummung getrieben. Sie alle eint, nicht auf der verordneten ästhetischen Linien zu wirken, ihr Vergehen war poetische Dissidenz. Einer der in Deutschland unbekannteren war Boris Sawinkow. Sein Schicksal besiegelte sich in dem Moment, als er entschied, Anhänger der Kerenski-Regierung zu werden, jenem Übergangsregime, das zwischen Zarismus und Kommunismus die Hoffnung auf demokratische Reformen in Russland weckte. Seine Gegnerschaft zum Kommunismus machte ihn, nachdem die Bolschewiki im Bürgerkrieg obsiegten, zum Staatsfeind. Seine Haft sollte er lebend nicht verlassen. Nun erscheint sein Werk in deutscher Übersetzung im Galiani Verlag. Weiterlesen

Stefan Zweigs „Buchmendel“ & „Die unsichtbare Sammlung“: Die Sammler von Gestern

Stefan Zweig ist der Meister der Nostalgie. Mit „Die Welt von Gestern“ hat er ein ganzes Programm dieses nostalgischen Blicks vorgelegt. Dabei gilt es zwischen zwei Varianten der Nostalgie zu unterscheiden: der Verklärenden und der Bewahrenden. Die verklärende Nostalgie kann gefährlich sein, man trifft sie gerade überall an. Sie beschwört das vermeintlich zu Unrecht Vergangene, um die Gegenwart abzulehnen. Auch Stefan Zweigs Blick auf die Vergangenheit ist davon nicht gänzlich frei. Die bewahrende Nostalgie erfüllt jedoch eine wichtige Aufgabe und hatte vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg Konjunktur. Die Rückschauen Stefan Zweigs, aber auch die eines Friedrich Torbergs sind ein Versuch, über die finale Zäsur, die die Zerstörungswut der Nationalsozialisten hervorgebracht hat, einige wenige Brücken zu bauen. Im Topalian & Milani Verlag sind nun zwei Erzählungen Zweigs neu erschienen, die auch von Zäsuren und dem, was es zu erhalten gilt, erzählen. Weiterlesen

Gustav Meyrinks „Walpurgisnacht“: Der Tod ist im Haus

Das Bild des alten kakanischen Habsburgerreichs ist voller Nostalgie und Verklärung. Dabei werden vor allem zwei Städte der sentimentalen Rückschau unterzogen: Wien und Prag. Während in Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“ oder Joseph Roths „Radetzkymarsch“ das prunkvolle und liberale Zentrum der Donau-Monarchie noch einmal kurz aufscheint, findet man das alte Prag bei den Prager Kreislern um Max Brodt und Autoren wie Leo Perutz oder Gustav Meyrink. Anders als die Wien-Nostalgie ist das Gedenken an ein untergegangenes Prag von Schatten überzogen: die Stadt an der Moldau war viel stärker als Wien von seinen mittelalterlichen Strukturen geprägt, was bis heute sichtbar ist. Mit seinem aus der Zeit gefallenen Antlitz haben sich die vielen Sagen und Mythen um die Stadt erhalten, Prag ist sozusagen die dunkle Kehrseite des hellen Wiens. Von der dunklen Seite des Mondes erzählt auch Gustav Meyrinks „Walpurgisnacht“, das zu Unrecht hinter dem allseits bekannten „Golem“ im Vergessenen liegt. Weiterlesen

Hermann Brochs „Die Schlafwandler“: Von Beruf Mensch

Den Begriff des „Schlafwandlers“ hat in jüngerer Zeit ein gewisser Christopher Clark besetzt, ein etwas kauziger australischer Historiker, der in Cambridge lehrt und mit seinem umfassenden Werk zum Ersten Weltkrieg einen wahren Megaerfolg hatte, was in der Wissenschaftsliteratur selten genug ist. Danach ist ihm der Ruhm zu Kopf gestiegen und er hat sich vom ZDF in Wanderstiefel stecken lassen, um den Deutschen im deutschen Wald die Deutschen zu erklären. Hinter all der Aufregung ist derjenige untergegangen, der den Titel „Die Schlafwandler“ ein Jahrhundert zuvor geprägt hat: Hermann Broch. Der österreichische Schriftsteller, der zu einem der großen Autoren der Moderne gezählt wird und von seinen Zeitgenossen bewundert wurde, veröffentlichte die Romantrilogie in den dreißiger Jahren. Broch erzählt darin, von Kulturpessimismus beseelt, vom Niedergang einer Epoche und wurde damit zur Kassandra seines eigenen Schicksals: 1938 inhaftiert entging er nur knapp dem Schicksal vieler anderer Juden in Österreich. Zeitlebens sollte sich Hermann Broch damit beschäftigen, wie der moderne Mensch in der Masse vereinsamt. Weiterlesen

Louis-Ferdinand Céline: Expedition zur Kehrseite der Zivilisation

Als im letzten Jahr die sonst so belesene Sibylle Lewitscharoff in ihrer Dresdener Rede gegen unnatürliches Leben wetterte und Kinder, die aus künstlicher Befruchtung entstanden sind, als Halbwesen bezeichnete, war die Aufregung zurecht groß. Dabei unterlag die Empörung einem alten Missverständnis: Der poetische Mensch müsste auch ein intelligenter Mensch sein. Nun ist Lewitscharoff eine gute, aber keine epochenmachende Schriftstellerin und mit ihrem in der schwäbischen Provinz gegorenen Unmut gegen die Moderne steht sie im Land der Verschwörungstheoretiker und Reichsbürger nicht alleine da. Schwerer wiegt der Fall Louis-Ferdinand Céline. Denn dem 1894 geborenen Schriftsteller gelang mit seinem Debütroman „Reise ans Ende der Nacht“ ein Meisterwerk. Hätte ihn nach der Publikation der Blitz getroffen, er wäre als einer der größten Franzosen in die Geschichte eingegangen. Doch er lebte weiter. Und arbeitete zeitlebens daran, die schlimmste Version seiner selbst zu werden. Weiterlesen

„Risiko“: Mit Kriegsausbruch ist zu rechnen

Steffen Kopetzky ist etwas sehr seltenes gelungen: Er hat einen Roman geschrieben, der über seinen historischen Stoff hinausgewachsen ist. Mit „Risiko“ legt er in diesem Jahr einen fulminanten Text auf, vor der jede Beschreibungsleistung kapitulieren muss. Ein Buch über den Ersten Weltkrieg? Auch. Ein Buch über Deutschland? Sicherlich. Ein Buch über den Nahen und Fernen Osten? Absolut. Ein Buch über die weltpolitische Gegenwart? Unbedingt!

Es hat etwas länger gedauert, bis der Erste Weltkrieg in der Belletristik angekommen ist. Nachdem der gefeierte Christopher Clark mit seinen „Schlafwandlern“ stürmische Reaktionen eingeheimst und der verfemte Herfried Münkler in dessen Windschatten seine ungleich weniger thesenstarke Publikation platziert hat, liegt der Staffelstab nun in den Händen des Schriftstellers. Weiterlesen