Schlagwort: Erzählungen

Lorenz Justs „Der böse Mensch“: Böse ist der, der Böses tut?

Einem Debüt gegenüberzutreten ist eine reizvolle wie schwierige Aufgabe. Wer Brillanz gleich erkennt, kann sich für sein literarisches Gespür rühmen, schließlich möchte jeder den neuen Shootingstar als erstes ausgemacht haben. Gleichzeitig ist das kritische Annähern an ein Debüt ein Flug auf Sicht: Kein Werk, aus dem heraus sich etwas erklären lassen könnte, keine Kritikermeinung, an die man sich anlehnen könnte. Klar: Irgendwoher lassen sich immer Stützen holen – vielleicht gibt es einen vergleichbaren Autor oder Text. Und wenn man nicht über das Debüt selbst sprechen will, kann man immer noch darauf ausweichen, es als Symptom auszudeuten. Wie wäre es zum Beispiel mal wieder mit einer Debatte über Literaturinstitute? Weiterlesen

Clemens Meyers „Die stillen Trabanten“: Nichts passt mehr zusammen

Wer die immer noch spürbaren Folgen der Wende erkunden möchte, der darf nicht in die Innenstädte Ostberlins, Leipzig oder Dresden schauen. Dort wird der Umbruch nur noch über die deutlich, die nicht mehr da ist. Vielmehr muss man in die Trabantenstädte gehen, dort, wo die sozialistischen Machthaber dachten, sie könnten eine neue Gesellschaft auf dem Reisbrett entwerfen, fernab von dem kulturellen Erbe, das sich in den verfallenden Altstadtbezirken transportierte. Heute sind sie Ruinenstädte, von Geistern bevölkert. Mit „Die stillen Trabanten“ bringt Clemens Meyer diese abseitig-jenseitigen Orte wieder zum Sprechen. Weiterlesen

Eva Menasses „Tiere für Fortgeschrittene“: Die Literatur ist eine demente Frau

Wenn Eva Menasse nicht mit ihrem eigenen Werk in Erscheinung tritt, fällt sie vor allem als Botschafterin Heimito von Doderers auf, als dessen Expertin sie den Autor auch weit über die Grenzen Österreichs im kulturellen Gedächtnis hält. Wer bei Doderer in die Schule geht, hat ein Verständnis für das Formprinzip von Literatur. Kein literarischer Technokrat, aber ein verspielter Autor war er, der das Schreiben auch immer als Experiment verstand. Eva Menasse teilt diese Lust am literarischen Spiel, deren neuestes Ergebnis der Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ ist und wieder einmal beweist, wie unterschätzt die Gattung ist. Weiterlesen

Auf der Reise: Chaim Nolls Erzählband „Schlaflos in Tel Aviv“

Chaim Noll, der als Hans Noll 1954 in Ost-Berlin geboren wurde, lebt nun seit über zwanzig Jahren in Israel. Er hat sich gegen das Leben in einer der Großstädte entschieden und sich zurückgezogen in der Wüste Negev niedergelassen. Sein neuestes Buch „Schlaflos in Tel Aviv“, das im Frühjahr 2016 im Verbrecher Verlag erschien, umfasst vierzehn Erzählungen aus den letzten dreißig Jahren. Stilistisch und motivisch bleibt Noll sich treu, die Perspektiven verschieben sich jedoch. Weiterlesen

Judith Hermanns „Lettipark“: Bruchware Leben

Es gibt nur wenige Autoren, die von sich behaupten können, sie haben den Ton einer ganzen Generation, einer Zeit gleichzeitig aufgefangen und geprägt. Von Goethes „Werther“, über Döblins „Berlin Alexanderplatz“ bis hin zu Jack Kerouacs „On the road“ kann man sagen: Wer wissen möchte, wie sich eine Zeit angefühlt hat, muss in diese Bücher schauen. Auch Judith Hermann ist 1998 mit ihrem Erzählband „Sommerhaus, später“ ein solcher Paukenschlag gelungen. Der programmatische Titel, der das Begehren in eine vage Zukunft verlegt, beschreibt das Lebensgefühl der sich dem Ende zuneigenden Neunziger: Der kalte Krieg war gewonnen, das Ende der Geschichte wurde proklamiert, Frieden und Wohlstand, so glaubte man, würde sich nun überall durchsetzen. Solch ruhige Zeiten sind keine politischen Zeiten, weswegen sich eine ganze Generation junger Menschen ins Private zurückzog, entweder in die Leere der Spaßgesellschaft oder aber ins Reihenhaus am Stadtrand. Es war diese politische Windstille in die Judith Hermann mit ihren Erzählungen reinplatzte und, wenn man ihrem neusten Erzählband „Lettipark“ folgen möchte, hat sich seit dem nicht viel verändert. Weiterlesen

Vom Ende her auf das Ende hin: Ilse Aichingers frühe Erzählungen

Erzählungen erfreuen sich im deutschsprachigen Raum in der gegenwärtigen Rezeption keiner großen Beliebtheit. Verlage und Buchhändler berichten gleichsam, Kurzprosa sei schwer an den Leser zu bringen, weil dieser viel lieber zum Roman greift. Die Tatsache, dass Erzählungen vom heutigen Leser stiefmütterlich behandelt werden, ist keineswegs allgemeingültig oder selbstverständlich. In den USA sind „short stories“ ein fester Bestandteil der Gegenwartsliteratur; man denke beispielsweise an Don DeLillo oder Alice Munro, und auch in Deutschland war die Situation vor 70 Jahren noch eine andere. Die deutschsprachige Nachkriegsliteratur wurde maßgeblich von Kurzprosa geprägt, darunter die frühen Erzählungen von Ilse Aichinger, welche im Band „Der Gefesselte“ zusammengestellt wurden und zwischen 1946 – 1952 entstanden sind.  Weiterlesen

Der amerikanische Archivschatz: Truman Capotes „Wo die Welt anfängt“

Es ist der Traum eines jeden Literaturwissenschaftlers, Editionsphilologen und Verlegers: man geht ins Archiv und findet Manuskripte eines namenhaften Schriftstellers, die noch nie veröffentlicht wurden. Eben dieses Glück hatten Anuschka Roshani und Peter Haag, als sie im Sommer 2014 nach New York reisten und in der Public Library auf die Jugenderzählungen und -gedichte von Truman Capote in dessen Nachlass stießen. Im Erzählband „Wo die Welt anfängt“ werden vierzehn eben jener Kurzgeschichten erstmalig veröffentlicht. Die Qualität der Texte, die Capote zwischen seinem 14. und 17. Lebensjahr verfasste, ist beeindruckend.

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