Schlagwort: Essay

Götz Aly (Hrsg.): Siegfried Lichtenstaedter – Prophet der Vernichtung: U.R. Deutsch

Finanzbeamten hängt nicht der Ruf nach, über prophetische Fähigkeiten zu verfügen. Doch an diesem Siegfried Lichtenstaedter war so gut wie nichts gewöhnlich. Denn der studierte Orientalist trat neben seiner beruflichen, eher spröden Tätigkeit als kluger, weitsichtiger Essayist auf und gilt – so zumindest die Verlagsankündigung des S. Fischer Verlags, wo nun Schriften Lichtenstaedters unter Herausgeberschaft von Götz Aly erschienen sind – als derjenige, der „den Holocaust vorhersagte“. Die Lektüre der nun wiederaufgelegten Texte scheinen diesen Eindruck zu bestätigen. Denn Lichtenstaedter wusste als jemand, der sich intensiv mit dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches beschäftigte: Der Verlauf des 20. Jahrhunderts wird sich an der Frage entzünden, ob ein gesellschaftlicher Friede zwischen Mehrheitsregimen und Minderheitengruppen möglich sein wird. Weiterlesen

Édouard Louis‘ „Wer hat meinen Vater umgebracht“: Wir sind, was wir nicht getan haben

Der heißeste Scheiß kommt derzeit aus Frankreich: Despentes‘ Subutex-Trilogie, die Reims-Rückkehren des Didier Eribons, die hippe Philosophie des Tristan Garcia, die wiederentdeckte, großartige Annie Ernaux, der ewig unangenehme Houellebecq und eben Édouard Louis. Zusammen mit Eribon und dem vielleicht etwas weniger bekannten Geoffroy de Lagasnerie bildet er in Europa ein philosozioliterarisches Triumvirat, das medienwirksam den Diskurs versucht mitzubestimmen – und das kommt an, vielleicht nirgendwo so gut wie in Deutschland. Die Erfolgswelle will geritten werden, bevor sie bricht und so surft auch in diesem Jahr ein neues Louis-Buch in den Buchmarkt. Weiterlesen

Thomas Hettches „Unsere leeren Herzen“: „So schönes Wetter, und – ich noch dabei“

Gibt es eine allgemeine, zeitlose Funktion der Literatur? Die Antwort auf diese Frage lauter ganz klar: Jein! Literatur, wie sie aus dem westlichen Verständnis kommt, hat sich schon immer mit den Gesellschaften, derer sie entspringt, verändert. Mal neigt sie sich ins politische Engagement, mal zieht sie sich in den Ästhetizismus zurück, mal wird sie gar von Ideologien gekapert. Literatur ließe sich anders auch schwer denken – auch wenn die Poststrukturalisten gelehrt haben, den Autor hinter dem Text verschwinden zu lassen, können (und wollen) auch sie nicht die menschliche und damit gesellschaftliche Hand hinter dem Text leugnen. Auf der anderen Seite hat die Literatur auch immer eine, unveränderliche Aufgabe übernommen: Unsere leeren Herzen (und Köpfe) zu füllen. Darüber, was es heißt, im 21. Jahrhundert Literatur zu denken und vor allem sie gegen ihre Gegner zu verteidigen, hat Thomas Hettche nun einen grandiosen Essayband geschrieben. Weiterlesen