Schlagwort: Exil

Auftakt zum 16. internationalen literaturfestival berlin: The Poetry Project

Heute Abend wird das 16. internationale literaturfestival in Berlin mit einem Vortrag des argentinischen Schriftstellers César Aira offiziell eröffnet. Bis zum 17. September werden auf rund 365 Veranstaltungen etwa 200 Autoren und Autorinnen aus ihren Werken lesen, aber auch über aktuelle Problematiken diskutieren. Im Fokus stehen dabei die Gefahren des Terrorismus und des Populismus. Weiterlesen

Kein Neuanfang nach ’45: Christian Adams „Der Traum vom Jahre Null“

Im Sommer 1945 liegt Deutschland in Trümmern: Der Krieg ist verloren, der NS-Staat zusammengebrochen, der Bevölkerung fehlt es am Nötigsten. Die einzige Hoffnung für viele Menschen: Im Ende des Alten sehen sie eine Chance auf einen Neuanfang, einen radikalen Umbruch, eine ‚Stunde Null‘. Die Entnazifizierungsverfahren der Alliierten scheinen ihnen auf den ersten Blick Recht zu geben. Die alten Eliten werden aus ihren leitenden Positionen entlassen und müssen Rechenschaft ablegen. Doch gab es diesen Neuanfang nach 1945 wirklich? In seiner Studie „Der Traum vom Jahre Null“ befasst sich Christian Adam mit dem deutschen Literaturbetrieb nach 1945, den Lesegewohnheiten der Deutschen, dem Umgang der Literatur mit dem Krieg und dem Personal des Literaturbetriebs und stellt fest: Der Traum von der Stunde Null ist nur ein Mythos. Weiterlesen

Träumst du noch oder lebst du schon? Gaito Gasdanows „Die Rückkehr des Buddha“

Viel Kafka und ein bisschen Bulgakow – das ist „Die Rückkehr des Buddha“ von Gaito Gasdanow. Der Text wurde erstmalig als zweiteiliger Fortsetzungsroman in der russischen Exil-Literaturzeitschrift „The New Review“ in New York zwischen 1949 und 1950 veröffentlicht. Der Hanser Verlag, der bereits 2012 Gasdanows bekannteren Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ herausgab, hat den Roman erneut zugänglich gemacht und trägt damit maßgeblich zur Wiederentdeckung von Gasdanows Werk im deutschsprachigen Raum bei. Weiterlesen

Ich, Ingeborg: Hans Weigels „Unvollendete Symphonie“

Hans Weigel gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten im Wiener Nachkriegs-Literaturbetrieb. Seine literarische Tafelrunde im Café Raimund ist legendär. Hier versammelten sich spätere Größen wie Milo Dor, Reinhard Federmann, Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann, um von den vielfältigen Verbindungen Weigels zu profitieren, der ihre Texte an Verleger und Zeitungsredaktionen vermittelte. Der Literaturmanager Weigel, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft im März 1938 ins Schweizer Exil ging, kehrte bereits im Sommer 1945, wenige Wochen nach Kriegsende, in seine Heimatstadt Wien zurück. 1951 veröffentlicht er den Roman „Unvollendete Symphonie“, in dem er die Jahre nach der Rückkehr nach Österreich thematisiert. Aufsehen erregte nicht die literarische Qualität des Textes, sondern seine Beziehung zu Ingeborg Bachmann, die er in seinem Roman ebenfalls verarbeitet.

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„Vor der Morgenröte“: Ein Flaneur im Dschungel

Da stehen sie auf einmal zusammen auf der Veranda eines schlichten Appartements und blicken auf den brasilianischen Dschungel – der deutsche Journalist Ernst Feder und der Epochen-Schriftsteller Stefan Zweig. Ergriffen von dem Anblick der verschwenderischen Natur, von dem Gedanken geleitet, in Brasilien das Land der Zukunft zu sehen, kann der Exilant Zweig doch nur eines in den grünen Hügeln erkennen: den Semmering, diesen malerischen Pass, der den Wienern seit je her als Ausflugsziel dient. Das Gefühl, das den Berliner und den Wiener an diesem Ort verband, war das Gefühl einer ganzen Generation: die europäischen Exilanten des Zweiten Weltkriegs hatte keine Abenteuerlust an die entlegensten Orte geführt, sondern die pure Not. Die Heimat, die sie verlassen hatten, betrachteten sie immer noch als die eigene. Trotz aller politischen Schönverfärberei seitens Stefan Zweigs – Brasilien sollte nie seine neue Heimat werden. Dieser Phase seines Lebens hat die Regisseurin Maria Schrader nun den fantastischen  Film „Vor der Morgenröte“ gewidmet. Weiterlesen

Vermisst: Pierre Jarawans „Am Ende bleiben die Zedern“

Der Eine oder Andere wird Pierre Jarawan bereits kennen. Als Poetry Slammer feierte er in den vergangenen Jahren große Erfolge und wurde unter anderem im Jahr 2012 als Internationaler deutschsprachiger Meister im Poetry Slam ausgezeichnet. Nun wagt er sich an eine gänzlich andere Literaturform heran: Mit „Am Ende bleiben die Zedern“ legt Jarawan sein Romandebüt vor, in dem das Ich Samir auf die Suche nach seinem Vater geht, der die im deutschen Exil lebende, libanesische Familie unter mysteriösen Umständen verließ und ohne jede Spur verschwand. Weiterlesen

Zwischen Exil und Heimat: Shida Bazyars „Nachts ist es leise in Teheran“

Shida Bazyar ist in ihrem Debütroman etwas Besonderes gelungen: Sie erzählt einerseits eine Flüchtlingsgeschichte, die ihren Text – wie es auch der Buchumschlag stolz verkündet – „hochaktuell“ macht, andererseits ist „Nachts ist es leise in Teheran“ aber nicht nur Flüchtlingsgeschichte, sondern ein Generationen- und ein gesellschaftspolitischer Epochenroman. Aus den verschiedenen Ich-Perspektiven der Mitglieder einer iranischen Familie, die aufgrund von politischer Verfolgung in den 1980er Jahren ins deutsche Exil flieht, erzählt Bazyars Roman vom Bedürfnis nach Freiheit, von der Sehnsucht nach der Heimat, davon, wie es ist, in der Fremde zu leben, und davon, wie es ist, nach Hause zu kommen. Weiterlesen

Irmgard Keun: Kindermund tut Unsinn kund

Auf der letzten Seite von Anna Seghers atemberaubenden Roman „Transit“ heißt es: „Sie läuft noch immer die Straßen der Stadt ab, die Plätze und Treppen, Hotels und Cafés und Konsulate auf der Suche nach ihrem Liebsten. Sie sucht rastlos nicht nur in dieser Stadt, sondern in allen allen Städten Europas, die ich kenne, selbst in den phantastischen Städten fremder Erdteile, die mir unbekannt geblieben sind. Ich werde eher des Wartens müde als sie des Suchens nach dem auffindbaren Toten.“ Das Leben im Wartestand, das Verharren in Transiträumen waren Schicksale, die viele der Exilanten während des Dritten Reichs erleiden mussten. Sie wurden zu Kosmopoliten wider Willen: Weltreisen als Fluchtgeschichten. Auch Irmgard Keun war eine dieser Exilanten, obgleich sie noch während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland zurückkehrte. Dieses Thema verarbeitete sie im 1938 erschienen Roman „Kind aller Länder“, der nun von Kiepenheuer & Witsch neuaufgelegt wurde. Weiterlesen

Ernst Lothar: „Heim in die Fremde“

Die meisten Entdeckungen, die Verlage heutzutage machen, sind ein Versprechen an die Zukunft. Verlagsvertreter und Literaturagenten tummeln sich auf Literaturwettbewerben und um die Schreibschulen herum, um den nächsten Literaturstern nicht zu verpassen: Der Gegenwartsliteratur eine funktionierende Infrastruktur zu bieten, ist immer noch die Hauptaufgabe der Literaturverlage. Doch manchmal lohnt auch ein Blick ins Archiv, denn viel zu oft scheitern gute Texte auf dem steinigen Weg in den literarischen Kanon.  Der Fall Ernst Lothar zeigt: Manchmal gehen echte Schätze verloren, auch wenn Eva Menasse völlig recht hat, wenn sie im Nachwort des nun wiederaufgelegten Romans schreibt: „‘Der Engel mit der Posaune‘ ist kein erstklassiger Roman; das dürfte auch zu seinem Vergessen beigetragen haben.“ Weiterlesen

Zwischen den Welten: Feridun Zaimoglus „Siebentürmeviertel“

Feridun Zaimoglu hat es mit seinem Siebentürmeviertel nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2015 geschafft. Trotzdem ist sein Roman von Relevanz und Aktualität: Zaimoglu erzählt die Geschichte eines Flüchtlings in einer multikulturellen Exilgesellschaft aus einer neuen Perspektive, die ihn von der Konkurrenz abgrenzt: der Asyl suchende Protagonist und Ich-Erzähler ist Deutscher.

Der sechsjährige Wolf flieht mit seinem Vater vor den Nationalsozialisten, sie finden Zuflucht im kulturellen Schmelztiegel Istanbul. Yedikule, das titelgebende Siebentürmeviertel, in dem das Ich aufwächst, entspricht den Stereotypen von Neukölln in Berlin: es ist ein Einwandererbezirk mit Banden- und Jugendkriminalität, in dem Menschen aus verschiedenen Kulturen mit verschiedenen Religionen aufeinander treffen. In zwei Romanteilen, die zeitlich zwischen 1939 und 1949 angesiedelt sind, und insgesamt neunundneunzig Kapiteln erzählt Zaimoglu vom Aufwachsen in einer fremden Kultur und dem Identitätskonflikt, der damit einhergeht.  Weiterlesen