Schlagwort: Familie

100 Jahre Mutter sein: Ada Dorians „Schlick“

Von den Buddenbrooks bis zu Haratischwilis Epos „Das achte Leben“ – die Familiensaga hat Tradition und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Kaum ein anderes Genre ermöglicht es dem Leser, so tief in die literarische Fiktion einzutauchen, wie es der Familienepos vermag. Das liegt vor allem an der erzählerischen Dichte, den motivischen Details und der Ausführlichkeit, die auch und vor allem über die Länge der erzählten Zeit ein scheinbar vollständiges, ‚wirkliches‘ Bild zeichnet. Auch Ada Dorian erzählt in ihrem neuen Roman „Schlick“ von einer Familie, von zwei Müttern und einem Jahrhundert, mit einem Unterschied jedoch: In ihrer Familiengeschichte dominieren die Zäsuren und das Ungesagte.

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Kerstin Preiwuß’ „Nach Onkalo“: Es war einmal ein Muttersöhnchen

Während der eine Teil der diesjährigen Longlistromane von großen historischen Ereignissen erzählen – man denke da an den Schiffbruch in Franzobels „Floß der Medusa“ oder Zaimoglus Reformationsroman „Evangelio“ –, schlagen andere Romane eher die leiseren Töne an, erzählen die Geschichten einfacher Leute, die keine Helden sind, wie Julia Wolfs Walter Nowak oder Ingo Schulzes Peter Holtz. Zu letzterer Kategorie gehört auch „Nach Onkalo“. In ihrem zweiten Roman erzählt Kerstin Preiwuß von den großen Themen des Lebens in einem kleinbürgerlichen Milieu: dem Tod und dem Weiterleben. Weiterlesen

Alexander Kluge: Zirkusdirektor des Zufalls

Alexander Kluge ist das große Hintergrundrauschen unserer Zeit: Schlafverweigerern führt er mit seinen Formaten wie „10 vor 11“ oder „News & Stories“ durch die Nacht, seit er sich durch seinen Husarenstreich erfolgreich im Privatfernsehen festgesetzt hat und ihn bislang niemand vom Hof jagen konnte. Er drehte richtungsweisende Filme, schreibt Bücher, ist im Spiegel zu lesen und produziert andere Fernsehformate. Alexander Kluge war immer anwesend, wenn sich in der Nachkriegs-BRD Orte der Relevanz ausgebildet haben: So war er 1962 auf der Tagung der Gruppe 47, war einer der Mitverfasser des Oberhausener Manifests und darüber hinaus im Umfeld der Frankfurter Schule umtriebig. Kaum ein Intellektueller kann den Werdegang des 20. Jahrhunderts so glaubhaft bezeugen wie Alexander Kluge. Dass er nicht das kulturelle Aushängeschild Deutschlands ist, liegt wohl weniger daran, dass er nicht mit dem genialischen Rüstzeug gewappnet wäre, sondern eher an der Tatsache, dass die Person Kluge hinter seinen zahlreichen Formaten unsichtbar bleibt. Er ist, wie in seinen Fernsehsendungen, die Stimme aus dem Off, die die Menschen zum Reden und die Gedanken zum Kreisen bringt. Weiterlesen

Flucht in den Westen: Alexandra Friedmanns „Besserland“

Die Thematik von „Besserland“ ist tagesaktuell, nur der historische Kontext ist ein anderer: Sanja, aus deren Ich-Perspektive berichtet wird, emigriert mit ihren Eltern und sucht in Deutschland Asyl. Auf der Odyssee durch Europa lassen sie Habseligkeiten zurück, sie vertrauen auf Schlepper, um die Grenzen Europas zu überwinden und werden über den Tisch gezogen. In ihrem Debütroman „Besserland“ erzählt Alexandra Friedmann die Geschichte einer (jüdischen) Emigration von 1986 bis 1991, die von Weißrussland in die USA führen soll, dann aber doch in Deutschland endet.

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Charlotte Roches „Mädchen für alles“: Literatur als Programmzeitschrift

Charlotte Roche hat kürzlich in einem Interview mit der FAZ beachtenswertes Kund getan: „Ich treffe bei Lesungen Leute, die sagen, dass sie es noch nie geschafft haben, ein Buch ganz durchzulesen, außer meins. Das heißt, ich erreiche Leute, die sonst nicht lesen.“ Sie hat damit ziemlich treffend ihre Rolle im Literaturbetrieb beschrieben. Die Bücher von Charlotte Roche zeigen der Kritik regelmäßig die Grenzen auf: So sehr das Feuilleton auch über ihre Bücher herfallen mag, sie verkaufen sich dennoch wie geschnitten Brot. Wenn man es positiv beschreiben wollte, hat man es hier also mit einer besonders mündigen Leserschaft zu tun. Im Umkehrschluss könnte dies aber auch bedeuten, die Kritik hat ihre Rolle als Literaturvermittlung – zumindest in diesem Fall – längst aufgeben müssen. Anstatt also auch ihren neusten Roman „Mädchen für alles“ in Bausch und Bogen zu verreißen, muss wohl eher der Versuch einer Annäherung an das Phänomen Roche gewagt werden. Weiterlesen

Das rote Jahrhundert: Nino Haratischwili’s „Das achte Leben“

Eintausendzweihundertachtzig Seiten umfasst Nino Haratischwilis 2014 erschienener Familienepos Das achte Leben (Für Brilka). Erzählt wird die Geschichte der georgischen Familie Jaschi, die im Jahr 1900 mit der Geburt Stasias beginnt und im Jahr 2007 mit der 14-jährigen Ururenkelin Brilka endet. Über sechs Generationen und acht Leben erzählt Haratischwili das sowjetische 20. Jahrhundert aus georgischer Sicht anhand einer turbulenten Familiengeschichte, die vor allem von den Frauen bestimmt wird. Die erzählten Schicksale sind vielfältig, gemeinsam haben sie jedoch eine gewisse Tragik, die stets von männlicher Gewalt auszugehen scheint. Trotzdem ist die Geschichte der Familie Jaschi die Geschichte eines Matriarchats. Eintausendzweihundertachtzig Seiten – wer die Herausforderung annimmt, der wird belohnt mit einem fesselnden Familienepos, einem historischen Roman über das vergangene Jahrhundert und einer Erzählstimme, die sich deutlich von der Konkurrenz abhebt. Haratischwilis Ton ist kein kalter, möglichst wirklichkeitsnaher Realismus mit detaillierten Schilderungen von Gewaltakten oder Sexszenen, wie er derweil vielfach zu finden ist, die Erzählstimme nähert sich vielmehr dem magischen Realismus an, der etwas märchenhaftes hat.  Weiterlesen