Schlagwort: Familienroman

Die Leiche im Keller: Birgit Müller-Wielands „Flugschnee“

Sitzt da etwa ein Peter Weiss-Liebhaber in der diesjährigen Jury des Deutschen Buchpreises? Gleich zwei der Romane der Longlist weisen eklatante intertextuelle Bezüge zum  epischen Jahrhundertwerk des deutsch-schwedischen Schriftstellers auf. Während der Verweis bei Franzobels „Das Floß der Medusa“ indirekt ist – sowohl die „Ästhetik des Widerstands“ als auch dieser Roman beziehen sich auf das gleichnamige Gemälde von Théodore Géricault –, verweist Birgit Müller-Wieland in ihrem neuen Roman „Flugschnee“ gleich mehrfach und alles andere als subtil auf das Hauptwerk von Peter Weiss. Weiterlesen

Regretting Fatherhood: Luise Maiers „Dass wir uns haben“

„Ich darf niemals Kinder haben.“ – Ein ganzes Notizheft füllt die namenlose Ich-Erzählerin in Luise Maiers Debüt „Dass wir uns haben“ mit diesem Satz in der ersten Szene des Romans, in der das Ich szenisch auf eine traumatische Kindheit zurückblickt: In einem grünen Haus, irgendwo im Nirgendwo, wächst sie mit Vater, Mutter und Bruder alles andere als behütet auf. Wer in diesem Erstling der Absolventin des Schweizer Literaturinstituts auf ein Happy End wartet, der wartet vergebens. Weiterlesen

Aus dem Osten: Kathrin Schmidts „Kapoks Schwestern“

Kathrin Schmidt, die vor sieben Jahren mit „Du stirbst nicht“ den Deutschen Buchpreis gewann, hat einen neuen Roman vorgelegt. „Kapoks Schwestern“ lässt sich wohl ohne weiteres als Berlin-Roman identifizieren. Schauplatz ist jedoch kein hipper Szenebezirk wie Mitte, Neukölln oder Friedrichshain, sondern eine Einfamilienhaus-Siedlung am Baumschulenweg im Südosten von Berlin, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Die Siedlung in Köpenick ist Ausgangspunkt für eine Erinnerungsreise in die Geschichte des letzten Jahrhunderts, die anhand zweier Familien erzählt wird und von Berlin aus in den Osten führt, um am Ende nach Berlin zurückzukehren.

Weiterlesen

Flucht in den Westen: Alexandra Friedmanns „Besserland“

Die Thematik von „Besserland“ ist tagesaktuell, nur der historische Kontext ist ein anderer: Sanja, aus deren Ich-Perspektive berichtet wird, emigriert mit ihren Eltern und sucht in Deutschland Asyl. Auf der Odyssee durch Europa lassen sie Habseligkeiten zurück, sie vertrauen auf Schlepper, um die Grenzen Europas zu überwinden und werden über den Tisch gezogen. In ihrem Debütroman „Besserland“ erzählt Alexandra Friedmann die Geschichte einer (jüdischen) Emigration von 1986 bis 1991, die von Weißrussland in die USA führen soll, dann aber doch in Deutschland endet.

Weiterlesen

Lässt mich kalt: Rolf Lapperts „Über den Winter“

Rolf Lapperts aktueller Roman „Über den Winter“ steht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und gehört im Wettbewerb vergleichsweise zu den konservativeren Kandidaten: Erzählt wird in einem klassischen, durchgängigen Vergangenheits-Tempus entlang einer einzelnen Figur, Lennard Salm, vordergründig aus personaler, passagenweise aus auktorialer Perspektive. Im Zentrum von „Über den Winter“ steht die erzählte Handlung und nicht die Sprache, die sich ihrerseits lediglich durch den detailverliebten Wirklichkeits-Realismus auszeichnet.  Weiterlesen

Zeitgeist-Studien: Mirna Funks „Winternähe“

Winternähe heißt der in diesem Sommer erschienene Debütroman von Mirna Funk, der von Lola, einer jüdischen Berlinerin in ihren frühen Dreißigern, ihrer Familie und der Suche nach ihrer Identität erzählt, die sie zunächst in Tel Aviv, später in Bangkok zu finden hofft. Winternähe ist ein Text über Selbstfindung und Genealogie, aber vor allem ein Gesellschaftspanorama, das den Zeitgeist [die erzählte Zeit reicht von 2012 bis 2014] in junger, ungezwungener Sprache einfängt und neueste Geschichte literarisiert. Zu dieser Zeit hielt sich Funk selbst in Israel auf und berichetete für das Magazin Interview; die Schilderungen in Tel Aviv können durchaus als Zeitzeugnis gelesen werden. „Winternähe“ – mit diesem titelgebenden Neologismus umschreibt Mirna Funk in ihrem literarischen Debüt „ein Band“, dass „alle haben zu jemandem oder irgendwas“ und das den gewordenen Menschen mit einem Stück Vergangenheit, einer Erinnerung oder Erfahrung, verbindet.  Weiterlesen

Das rote Jahrhundert: Nino Haratischwili’s „Das achte Leben“

Eintausendzweihundertachtzig Seiten umfasst Nino Haratischwilis 2014 erschienener Familienepos Das achte Leben (Für Brilka). Erzählt wird die Geschichte der georgischen Familie Jaschi, die im Jahr 1900 mit der Geburt Stasias beginnt und im Jahr 2007 mit der 14-jährigen Ururenkelin Brilka endet. Über sechs Generationen und acht Leben erzählt Haratischwili das sowjetische 20. Jahrhundert aus georgischer Sicht anhand einer turbulenten Familiengeschichte, die vor allem von den Frauen bestimmt wird. Die erzählten Schicksale sind vielfältig, gemeinsam haben sie jedoch eine gewisse Tragik, die stets von männlicher Gewalt auszugehen scheint. Trotzdem ist die Geschichte der Familie Jaschi die Geschichte eines Matriarchats. Eintausendzweihundertachtzig Seiten – wer die Herausforderung annimmt, der wird belohnt mit einem fesselnden Familienepos, einem historischen Roman über das vergangene Jahrhundert und einer Erzählstimme, die sich deutlich von der Konkurrenz abhebt. Haratischwilis Ton ist kein kalter, möglichst wirklichkeitsnaher Realismus mit detaillierten Schilderungen von Gewaltakten oder Sexszenen, wie er derweil vielfach zu finden ist, die Erzählstimme nähert sich vielmehr dem magischen Realismus an, der etwas märchenhaftes hat.  Weiterlesen

Eugen Ruge: Den Blick nach Osten

Die deutsche Literatur schaut in den Osten – und der Osten schaut zurück. Olga Grjasnowa, Katja Petrowskaja oder Nino Haratischwili sind Repräsentantinnen einer unübersehbaren Bewegung von deutschen Schriftstellerinnen, die ihre Wurzeln in Osteuropa haben und in deutscher Sprache die verlassene oder verlorengegangene Heimat thematisieren. Auch Eugen Ruge hat seine ersten Lebensjahre in Russland verbracht und passt gleichzeitig so gar nicht in diese Reihe. Er ist in jenem sibirischen Tiefland geboren, in das sein Vater, Wolfgang Ruge, deportiert wurde. Damit bildet seine Biographie das Muster für eine intrikate Konstellation: Die Sowjetunion als Vorbild realsozialistischen Welt, das gleichzeitig dessen Schlächter ist.

2011 kam sein Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ heraus, der genau diese Konstellation aufgreift. Weiterlesen