Schlagwort: FAZ

Dietmar Daths „Der Schnitt durch die Sonne“: „Guten Morgen, falsche Welt.“

Dietmar Dath ist das Schweizer Taschenmesser des deutschsprachigen Feuilletons. Im Grunde kann man ihn auf jedes Thema loslassen, er wird es meistern. Vom Kommunismus über Iggy Pop bis zu „My Little Pony“ bespricht Dath wöchentlich alles weg, was man zwischen Popkultur und Mathematikpromotion einordnen kann. Und ganz nebenbei schreibt er noch gefühlt jedes Jahr einen Roman. Dass er als überzeugter Marxist schon seit Jahren Redaktionsmitglied der FAZ sein kann, zeugt entweder davon, dass die FAZ dem Marxismus kein Bedrohungspotential mehr zuspricht oder aber, dass er ideologisch nicht verbrämt ist. Denn sein Interesse gehört immer beidem: der Politik und der Kunst. Beides ist nicht zu trennen, doch Daths Kunstverständnis zielt nicht darauf ab, mit Literatur Politik zu machen, sondern mit Literatur das Politische zu erkunden. Das beweist auch „Der Schnitt durch die Sonne“, Dietmar Daths neustem Roman. Der versucht sich an einer avancierten Zukunftsvision, scheitert aber an der Überforderung des Lesers. Weiterlesen

Gerhard Stadelmaiers „Umbruch“: Druckfarbenschwarzes Lamento

Gerhard Stadelmaier kann mit Stolz von sich behaupten, eines der letzten Schlachtrosse der guten alten FAZ gewesen zu sein. Unter dem langjährigen FAZ-Herausgeber und Feuilletonchef Joachim Fest hat er eine Zeit erlebt, in der sich Zeitungschefs wie Fürsten fühlten und das Innere einer Zeitungsredaktion ein mystischer Raum war, der nur über wilde Gerüchte und noch wildere Anekdoten zugänglich war, als die Besprechung eines wichtigen Romans oder einer aufsehenerregenden Theaterinszenierung noch herbeigesehnt und gefürchtet wurde. Kurzum: Eine Zeit, in der es den traditionellen Medien noch gut ging. Stadelmaier hat diese Ära mit seiner Theaterkritik geprägt, nun, mittlerweile im Ruhestand, hat er sich als Romanautor versucht. „Umbruch“ ist ein Buch geworden, das Stadelmaier zerfetzt hätte, hätte man ihm so etwas auf die Bühne gesetzt. Weiterlesen

Der Briefwechsel: Marcel Puntilla und sein Knecht Rühmkorf

Als 1974 der FAZ-Literaturchef Marcel Reich-Ranicki an den damals zwar bekannten, aber keineswegs erfolgreichen Schriftsteller Peter Rühmkorf schrieb, war dieser Brief mit einem Versprechen verbunden, das Jahrzehnte Bestand haben sollte: „Was das Finanzielle betrifft: Sie können sich sicher sein, daß ich Sie so gut behandeln werde, wie Sie es verdienen – und ich meine das nicht etwa ironisch.“ Das mag einem prosaisch vorkommen, aber tatsächlich hat es den Autor mit ermöglicht. Rühmkorf schrieb in all der Zeit viel und eifrig für die FAZ und konnte so jene Phasen überbrücken, die nicht mit Literaturpreisen gepflastert waren. Der in diesem Jahr publizierte Briefwechsel zwischen Literaturpapst und Lyrikkönig wirft ein Licht auf zwei zentrale Personen der deutschen Nachkriegsliteratur, aber noch viel mehr auf ein gut geöltes Literaturfördersystem unter Reich-Ranickis Ägide. Weiterlesen

Rainald Goetz: Protokollant! der Gegenwart?

Rainald Goetz erhält den Büchner-Preis. In ihrer Begründung teilt die Jury unter anderem mit: „Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung zeichnet einen Autor aus, der sich mit einzigartiger Intensität zum Chronisten der Gegenwart und ihrer Kultur gemacht hat.“ Das Label des Chronisten wurde dankend von medialer Seite angenommen. Da war mal vom Protokollanten die Rede oder aber von der einzigartigen Gabe, einen gewissen Sound zu verstehen. Einig waren sich alle, dass Rainald Goetz sich wie kaum ein anderer in der Gegenwart bewegt. Nur Georg Diez beschwerte sich lieber über Literaturpreise an sich als sich mit Goetz auseinanderzusetzen.

Doch worin besteht dieser besondere Draht zur Gegenwart?  Weiterlesen