Schlagwort: Feuilleton

Alexander Schimmelbuschs „Hochdeutschland“: „This is not an exit.“

Wohin treibt der Neoliberalismus? Und wohin reißt er die Gesellschaft mit sich? Hinter dem Zusammenbrechen der nahöstlichen Nicht-Ordnung der Nachkriegsära und den daraus resultierenden Fluchtbewegungen ist fast in Vergessen geraten, dass in den frühen Zehnerjahren ein ganz anderes Problem die meisten Gesellschaften vor eine existenzielle Bewährungsprobe stellte: ein heiß gelaufener Finanzkapitalismus. Wer die verheerende Wirkung dieses Finanzcrashs und die verfehlte politische Reaktion darauf besichtigen möchte, sollte beim nächsten Griechenlandurlaub mal einen kurzen Zwischenaufenthalt in den Außenbezirken Athens und Thessalonikis einplanen. Doch die nächste Krise ließ nicht lange auf sich warten und so atmeten New York, London und Frankfurt auf: Es darf wieder auf den Putz gehauen werden. Weiterlesen

Dietmar Daths „Der Schnitt durch die Sonne“: „Guten Morgen, falsche Welt.“

Dietmar Dath ist das Schweizer Taschenmesser des deutschsprachigen Feuilletons. Im Grunde kann man ihn auf jedes Thema loslassen, er wird es meistern. Vom Kommunismus über Iggy Pop bis zu „My Little Pony“ bespricht Dath wöchentlich alles weg, was man zwischen Popkultur und Mathematikpromotion einordnen kann. Und ganz nebenbei schreibt er noch gefühlt jedes Jahr einen Roman. Dass er als überzeugter Marxist schon seit Jahren Redaktionsmitglied der FAZ sein kann, zeugt entweder davon, dass die FAZ dem Marxismus kein Bedrohungspotential mehr zuspricht oder aber, dass er ideologisch nicht verbrämt ist. Denn sein Interesse gehört immer beidem: der Politik und der Kunst. Beides ist nicht zu trennen, doch Daths Kunstverständnis zielt nicht darauf ab, mit Literatur Politik zu machen, sondern mit Literatur das Politische zu erkunden. Das beweist auch „Der Schnitt durch die Sonne“, Dietmar Daths neustem Roman. Der versucht sich an einer avancierten Zukunftsvision, scheitert aber an der Überforderung des Lesers. Weiterlesen

Marcel Reich-Ranicki: Die Verteidigung der Kritik

Bloggern wird mitunter vorgeworfen, sie führen zu selten die theoretische Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Tätigkeit. Dabei ist diese zu bestimmen gar nicht so einfach, schließlich könnte das Bild, das alleine die deutschen Buchblogger ergeben, heterogener kaum sein. Zwar ist den professionellen Feuilletons längst eine ernstzunehmende Konkurrenz erwachsen – auch darüber ließe sich so manch wütender Angriff aus den journalistischen Reihen erklären – doch wo die Reise am Ende hingeht, ist offen: schließlich sind so gut wie alle Blogs immer noch im Freizeitstatus und dadurch stetig von Zeitnot oder Perspektivlosigkeit bedroht. Doch die Bekanntheit, die manch ein Vertreter der neuen Zunft mittlerweile erlangt hat, entlässt nicht aus der Verantwortung, sich ständig zu fragen: Was soll das ganze eigentlich? Wen könnte man da besser befragen als den schmerzlich vermissten Marcel Reich-Ranicki. Weiterlesen