Schlagwort: Film

Hanns Zischlers „Kafka geht ins Kino“: Kaum gestohlen, schon im Kino

Als das Kino zur Jahrhundertwende aufkam, galt es zuerst als Kuriosität. Das Kino fand man nicht auf den großen Boulevards, sondern auf den Jahrmärkten, gestaunt wurde nicht über den künstlerischen Gehalt der kurzen Filme, sondern über die Tatsache ihrer Existenz an sich. Doch dass das Kino mehr als eine Kuriosität war, deuteten schon die ersten Schnipsel an: die berühmte Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof von La Ciotat. Der Film war eng mit dem technischen Fortschritt verbunden; das Kino ist nicht einfach nur eine moderne Kunstform, sondern sollte die gesamte Wahrnehmung der Welt verändern. Das aufgenommene Bild wurde plötzlich flüchtig, so wie der Blick aus dem Zug ein flüchtiger wurde. Franz Kafka, der Jahrhundertschriftsteller, war vom Tempo der Jahrhundertwende angezogen und gleichzeitig verschreckt. Nachzulesen ist das nirgendwo so aufregend wie in dem neuaufgelegten Text von Hanns Zischler: „Kafka geht ins Kino“. Weiterlesen

Heike-Melba Fendels „Zehn Tage im Februar“: Die PRisierung der Literatur

Wer gewisse Dinge zu lange macht, glaubt irgendwann, sie wären die Welt. Anders kann man „Zehn Tage im Februar“ von Heike-Melba Fendel nicht erklären. Die Journalistin, Kolumnistin, Moderatorin und Autorin ist seit Jahren fester Bestandteil der deutschen Filmindustrie. Wer ihre Zeitungsbeiträge liest, trifft eine Beobachterin der Filmbranche an, die den Film nicht nur über sein ästhetisches Ergebnis zu vermitteln versucht, sondern auch über dessen Randphänomene: die roten Teppiche der Filmfestspiele, Flurgespräche und die Irrungen und Wirrungen der Infrastruktur, die hinter den Filmen steht. Das Problem daran ist, dass das alles von dem eigentlich Wichtigen ablenken kann – der Kunst selbst. Daran krankt auch Fendels zweiter Roman „Zehn Tage im Februar“, der sich mehr für Aftershow-Partys als für den Film interessiert. Weiterlesen

„Vor der Morgenröte“: Ein Flaneur im Dschungel

Da stehen sie auf einmal zusammen auf der Veranda eines schlichten Appartements und blicken auf den brasilianischen Dschungel – der deutsche Journalist Ernst Feder und der Epochen-Schriftsteller Stefan Zweig. Ergriffen von dem Anblick der verschwenderischen Natur, von dem Gedanken geleitet, in Brasilien das Land der Zukunft zu sehen, kann der Exilant Zweig doch nur eines in den grünen Hügeln erkennen: den Semmering, diesen malerischen Pass, der den Wienern seit je her als Ausflugsziel dient. Das Gefühl, das den Berliner und den Wiener an diesem Ort verband, war das Gefühl einer ganzen Generation: die europäischen Exilanten des Zweiten Weltkriegs hatte keine Abenteuerlust an die entlegensten Orte geführt, sondern die pure Not. Die Heimat, die sie verlassen hatten, betrachteten sie immer noch als die eigene. Trotz aller politischen Schönverfärberei seitens Stefan Zweigs – Brasilien sollte nie seine neue Heimat werden. Dieser Phase seines Lebens hat die Regisseurin Maria Schrader nun den fantastischen  Film „Vor der Morgenröte“ gewidmet. Weiterlesen