Schlagwort: Flucht und Exil

Verliebt, verlobt, verfeindet: Robert Prossers „Phantome“

Das 20. Jahrhundert ist als das Jahrhundert der Gewalt in die Geschichtsbücher eingegangen. Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg – die Literatur hat seit jeher an der Aufarbeitung der Schreckensjahre teil. Einen der letzten Kriege des vergangenen Jahrhunderts thematisiert die deutschsprachige Literatur jedoch bislang vergleichsweise selten: die Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren. Der Österreicher Robert Prosser hat sich in seinem auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis stehenden Roman „Phantome“ nun dem Thema angenommen: Ein Roman, der heute im Angesicht der Flüchtlingsbewegung aus dem Nahen Osten an erschreckender Aktualität gewinnt. Weiterlesen

Der Großmeister der Kritik: Deborah Vietor-Engländers Alfred Kerr-Biographie

Wenn er das Theater betrat, erstarrte der Saal in ehrfürchtiger Stille. Dramatiker und Schauspieler zitterten, wenn sie am Tag nach der Premiere die Zeitung aufschlugen, um seine Besprechung zu lesen. Millionen von Lesern zwischen Königsberg und Paris berichtete er wöchentlich über die kleinen und großen Verfehlungen der Berliner Kulturelite, aber auch aus seinem Privatleben: Vor 100 Jahren gehörte Alfred Kerr zu den prominentesten Berlinern seiner Zeit. Endlich hat Deborah Vietor-Engländer dem Großmeister der Kritik eine ausführliche Biographie gewidmet. Weiterlesen

Zwischen den Welten: Feridun Zaimoglus „Siebentürmeviertel“

Feridun Zaimoglu hat es mit seinem Siebentürmeviertel nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2015 geschafft. Trotzdem ist sein Roman von Relevanz und Aktualität: Zaimoglu erzählt die Geschichte eines Flüchtlings in einer multikulturellen Exilgesellschaft aus einer neuen Perspektive, die ihn von der Konkurrenz abgrenzt: der Asyl suchende Protagonist und Ich-Erzähler ist Deutscher.

Der sechsjährige Wolf flieht mit seinem Vater vor den Nationalsozialisten, sie finden Zuflucht im kulturellen Schmelztiegel Istanbul. Yedikule, das titelgebende Siebentürmeviertel, in dem das Ich aufwächst, entspricht den Stereotypen von Neukölln in Berlin: es ist ein Einwandererbezirk mit Banden- und Jugendkriminalität, in dem Menschen aus verschiedenen Kulturen mit verschiedenen Religionen aufeinander treffen. In zwei Romanteilen, die zeitlich zwischen 1939 und 1949 angesiedelt sind, und insgesamt neunundneunzig Kapiteln erzählt Zaimoglu vom Aufwachsen in einer fremden Kultur und dem Identitätskonflikt, der damit einhergeht.  Weiterlesen