Schlagwort: Frank Witzel

Billy Hutters „Karlheinz“: Wer schreibt, der bleibt

Welche Geschichte ist es wert, erzählt zu werden? Jede Epoche beantwortet diese Frage auf ihre Weise. Früher waren es die großen Männer mit ihren großen Reichen, dessen Glorie als Exempel festgehalten werden sollte, irgendwann waren es die sozial Geknechteten, dann die Frauen. Im 20. Jahrhundert traten die Kulturwissenschaften auf den Plan und postulierten: Die Geschichte einer Gesellschaft lässt sich im Grunde über jeden Gegenstand erzählen – die Geschichte der Pferde, die Geschichte des Mülleimers, die Geschichte der Banane. Seit gut einem Jahr geistert der Begriff der „BRD Noir“ durch die Literatur, 26 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung wird die alte Bundesrepublik wiederentdeckt. So auch in Billy Hutters „Karlheinz“, wo sich Geschichte aus einem übrig gebliebenen Koffer konstruiert. Weiterlesen

Frank Witzel: Die Ästhetik des Widerständigen

Frank Witzel hat den diesjährigen Buchpreis gewonnen und ganz Deutschland frohlockt: Die Jury hat Schneid bewiesen und ist nicht dem schon sicher geglaubten Sieger Ulrich Peltzer gefolgt. Sie hat auch keine gefühlige Entscheidung für Erpenbeck gefällt, die das Buch der Stunde geschrieben zu haben scheint. Die Wahl ist auf den Outsider Witzel gefallen, dessen megalomanischen Roman das Feuilleton schon lange vor der Entscheidung in den Literaturolymp gehoben hat. Die Jury hat damit nicht nur Courage gezeigt, sondern vor allem – so könnte man meinen – auf den Vorwurf reagiert, der schon lange an sie herangetragen wird: Der Buchpreis sei eine riesige Marketingmaschine, in dessen Jury zu viele sitzen, die direkt oder indirekt an der Vergabe des Preises profitieren: Der Buchhändler als Entscheidender darüber, welches Buch ausgezeichnet wird, das er danach dann auch noch verkaufen darf. Mit Witzels Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ haben sie nun alles, aber keinen potentiellen Beststeller ausgezeichnet. Zu dornig, zu sperrig ist der Text für den Durchschnittsleser. Die Jury hat damit die wirtschaftliche Konjunkturspritze für das eigene Prestige geopfert. Weiterlesen