Schlagwort: Frankfurter Verlagsanstalt

Mathias Menegoz‘ „Karpathia“: „Toto, I’ve a feeling we’re not in Kansas anymore.“

Kaum eine Region in Europa ist wohl so bekannt und gleichzeitig so unbekannt wie die Karpaten und deren angrenzendes Gebiet Siebenbürgen oder Transsilvanien. Jeder kennt es, weil es Heimat von Graf Dracula ist, der seit Bram Stokers Roman aus der westlichen Kulturgeschichte nicht mehr wegzudenken ist. Kaum einer kennt es, weil sich die westliche Öffentlichkeit kaum für den postsozialistischen Staat interessiert, in dessen Grenzen es sich real heute befindet. Selbst als es noch nicht hinter dem Eisernen Vorhang weggesperrt war, dürfte sich kaum eine breitere Öffentlichkeit für den Schwarzmeerstaat erwärmt haben. Das mag daran liegen, dass seine jüngere Geschichte Annektionen, Gebietsabtrennungen und Marginalisierung geprägt ist. Die Spannung zwischen diesem Rumänien der Fiktion und dem Rumänien der Wirklichkeit hat Mathias Menegoz in seinem Debütroman „Karpathia“ nun aufgenommen. Weiterlesen

Anfang oder Ende? Julia Wolfs „Walter Nowak bleibt liegen“

Bei den 40. Tagen der deutschsprachigen Literatur im letzten Sommer las Julia Wolf in Klagenfurt ihren Text „Walter Nowak bleibt liegen“. Mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis wurde sie nicht ausgezeichnet, wohl aber mit dem 3sat-Preis. Nun ist unter dem gleichen Titel der vollständige Roman erschienen. Weiterlesen

Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“: Immer der Sonne entgegen

Erst „Die Witwen“, jetzt „Widerfahrnis“: Ein Trend, der sich auf der diesjährigen Longlist zum Deutschen Buchpreis beobachten lässt, manifestiert sich im Motiv des Roadmovie. Diesmal sind nicht vier Frauen und ein Mann am Moselufer entlang, sondern eine Frau und ein Mann, in ihrem Cabrio Richtung Süden unterwegs: Ein spontaner Kurztrip, drei Tage lang immer dem Meer entgegen. Auch wenn die Figurenkonstellationen unterschiedlich sind, „Die Witwen“ und „Widerfahrnis“ verbindet, dass ihre Protagonisten nicht abenteuerlustige Jugendliche wie etwa in Herrndorfs „Tschick“, sondern gestandene Männer und Frauen in ihren Sechzigern sind, die sich auf die Reise machen und die vor allem vor etwas wegzulaufen scheinen.

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Das rote Jahrhundert: Nino Haratischwili’s „Das achte Leben“

Eintausendzweihundertachtzig Seiten umfasst Nino Haratischwilis 2014 erschienener Familienepos Das achte Leben (Für Brilka). Erzählt wird die Geschichte der georgischen Familie Jaschi, die im Jahr 1900 mit der Geburt Stasias beginnt und im Jahr 2007 mit der 14-jährigen Ururenkelin Brilka endet. Über sechs Generationen und acht Leben erzählt Haratischwili das sowjetische 20. Jahrhundert aus georgischer Sicht anhand einer turbulenten Familiengeschichte, die vor allem von den Frauen bestimmt wird. Die erzählten Schicksale sind vielfältig, gemeinsam haben sie jedoch eine gewisse Tragik, die stets von männlicher Gewalt auszugehen scheint. Trotzdem ist die Geschichte der Familie Jaschi die Geschichte eines Matriarchats. Eintausendzweihundertachtzig Seiten – wer die Herausforderung annimmt, der wird belohnt mit einem fesselnden Familienepos, einem historischen Roman über das vergangene Jahrhundert und einer Erzählstimme, die sich deutlich von der Konkurrenz abhebt. Haratischwilis Ton ist kein kalter, möglichst wirklichkeitsnaher Realismus mit detaillierten Schilderungen von Gewaltakten oder Sexszenen, wie er derweil vielfach zu finden ist, die Erzählstimme nähert sich vielmehr dem magischen Realismus an, der etwas märchenhaftes hat.  Weiterlesen