Schlagwort: Frankreich

Virginie Despentes‘ „Das Leben des Vernon Subutex 2“: Der Gegenwart zu nah auf die Pelle gerückt

Aufmerksamkeit kriegt heute der, der als ein Versteher gilt. Wenn man jemanden schmähen will, nennt man ihn Putinversteher. Wenn man jemand auszeichnen will, ist er ein Gegenwartsversteher. Die meisten Gegenwartsversteher scheinen momentan aus Frankreich zu kommen. Der erste große Gegenwartsversteher der jüngeren Jahre war vermutlich Didier Eribon. Mit seiner autobiographischen Herkunftserkundung traf er einen Nerv – nicht nur weil er das unstillbare zeitgenössische Verlangen nach authentischem Sprechen befriedigte, sondern auch weil er – folgt man der Rezeption – ein Erklärungsmuster für das Phänomen lieferte, dass sich der einfache Franzose von der Linken abwendete, um in den Armen des Front Nationals zu landen. Doch da der Mensch des 21. Jahrhunderts dem Gemeinplatz entsprechend in einer so schnellen und unübersichtlichen Gegenwart lebt, braucht es freilich auch immer neue Versteher. So hat das hiesige Feuilleton Virginie Despentes für sich entdeckt, aus deren „Vernon Subutex“-Reihe nun der zweite Band in deutscher Übersetzung erschienen ist. Weiterlesen

Nadja Spiegelmans „I‘m supposed to protect you from all this“: Meine geniale Mutter

Spiegelman-Memoir

„What Ferrante did for female friends—exploring the tumult and complexity their relationships could hold — Spiegelman sets out to do for mothers and daughters. She’s essentially written ‚My Brilliant Mom’“, konstatiert Katy Waldman in ihrer Rezension zu Nadja Spiegelmans Memoir, das im März unter dem Titel „Was nie geschehen ist“ im Aufbau Verlag in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Wird Spiegelman diesem Maßstab wirklich gerecht? Weiterlesen

Édouard Louis‘ „Im Herzen der Gewalt“: Verbrechen und Strafe

Die französische Soziologie und Philosophie sind sicherlich diejenigen auf dem Kontinent mit der breitesten Strahlkraft. Ihre Hochzeit hatten die französischen Theoretiker in den 60er und 70ern; nun, da die Grandseigneurs mittlerweile abgetreten sind, treten ihre Schüler aus deren Schatten. Allen voran ein gewisser Didier Eribon, der bei Pierre Bourdieu in die Lehre ging und in Frankreich schon länger als öffentlicher Intellektueller präsent ist. In Deutschland sorgte er mit dem Überraschungshit „Rückkehr nach Reims“ für Aufsehen. Gleichsam eifrig, aber hierzulande noch nicht ganz so bekannt ist Geoffroy de Lagasnerie, der sich in der Foucaultschen Tradition mit dem Wesen der Justiz und der Strafe auseinandersetzt. Und dann ist da Édouard Louis. Er ist der jüngste der drei und derjenige, der sich der Literatur zugewandt hat. 2015 kam in der deutschen Übersetzung sein Debütroman „Das Ende von Eddy“. Nun führt er mit „Im Herzen der Gewalt“ seine Auseinandersetzung mit den großen Theorielinien der französischen Soziologie weiter. Weiterlesen

Wie Gott in Frankreich: Anne Webers „Kirio“

Weber-Kirio

„Nichts ist sicher in diesem funkensprühenden Roman, der von einem Wunderwesen und dessen Wanderungen quer durch Frankreich bis nach Deutschland erzählt. Ein moderner Schelmenroman voller Sprachphantasie und Komik.“ So begründet die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse die Nominierung von „Kirio“, dem neuen Roman von Anne Weber. Gewonnen hat am Ende Natascha Wodin. Vielleicht, weil der Text sich nicht als Schelmenroman, sondern als „Heiligenlegende“ versteht, wie es der Klappentext verkündet? Weiterlesen

Franzobels „Das Floß der Medusa:“ Die Titanic, die eine Arche war

Wer heute den Louvre in Paris besucht und sich an den Touristenmassen vor der Mona Lisa vorbeigedrückt hat, für den ist die zweite Hürde, die es zu überwinden gilt, der Trubel vor Géricaults „Floß der Medusa“. Zu seiner Zeit ein Skandal ist es heute eines der berühmtesten Gemälde der frühen Moderne. Nicht nur für Besucherströme ist es ein Fixpunkt, auch die Literatur hat die Geschichte um die hilflos auf dem Meer herumtreibenden Seeleute und vor allem deren mediale Repräsentation fast zu jeder Epoche bewegt. Peter Weiss las in seiner „Ästhetik des Widerstands“ das Schicksal der Seeleute als Verrat an der Arbeiterklasse, Julian Barnes ulkte über Géricaults Versuch, über Gespräche mit Überlebenden und Leichenschauen ein authentisches Bild der Vorkommnisse zu fixieren. Nun hat sich der österreichische Schriftsteller und Klarnamenverweigerer Franzobel sich dem Stoff gewidmet und mit „Das Floß der Medusa“ das Buch der Stunde geschrieben, ohne sich dem Aktualitätswahn zu verschreiben. Weiterlesen

Eine Festung im Krieg: Franziska Greisings „Am Leben“

Ein Schloss in Südfrankreich am Fuße der Pyrenäen aus dem frühen 16. Jahrhundert, kleine Türme überragen die massive Anlage, die von Außen mit seinen Zinnen und dem Eingangstor wie eine Festung wirkt: das ist Château de la Hille. Während ‚La Hille‘ heute ein Bed&Breakfast-Hotel beherbergt, war das Anwesen zwischen 1941 und 1943 tatsächlich eine Festung unter Schweizer Leitung, die Kindern und Jugendlichen aus Deutschland und Österreich mit jüdischer Herkunft Schutz bot. Knapp fünfhundert Seiten stark ist Franziska Greisings Roman „Am Leben“, der von eben jenem Chateau de la Hille, seinen Bewohnern und deren Geschichte während des Zweiten Weltkriegs erzählt. Weiterlesen

Louis-Ferdinand Céline: Expedition zur Kehrseite der Zivilisation

Als im letzten Jahr die sonst so belesene Sibylle Lewitscharoff in ihrer Dresdener Rede gegen unnatürliches Leben wetterte und Kinder, die aus künstlicher Befruchtung entstanden sind, als Halbwesen bezeichnete, war die Aufregung zurecht groß. Dabei unterlag die Empörung einem alten Missverständnis: Der poetische Mensch müsste auch ein intelligenter Mensch sein. Nun ist Lewitscharoff eine gute, aber keine epochenmachende Schriftstellerin und mit ihrem in der schwäbischen Provinz gegorenen Unmut gegen die Moderne steht sie im Land der Verschwörungstheoretiker und Reichsbürger nicht alleine da. Schwerer wiegt der Fall Louis-Ferdinand Céline. Denn dem 1894 geborenen Schriftsteller gelang mit seinem Debütroman „Reise ans Ende der Nacht“ ein Meisterwerk. Hätte ihn nach der Publikation der Blitz getroffen, er wäre als einer der größten Franzosen in die Geschichte eingegangen. Doch er lebte weiter. Und arbeitete zeitlebens daran, die schlimmste Version seiner selbst zu werden. Weiterlesen