Schlagwort: Franz Kafka

Auguste Hauschners „Der Tod des Löwen“: Böhmens Sonne ist im Niedergang

Ein Jahr ist es schon wieder her, da erinnerte sich die europäische, aber vor allem die deutsche Öffentlichkeit an vierhundert Jahre Dreißigjähriger Krieg. Ausgangspunkt wie Zentrum dieses Konflikts war die Stadt Prag, in deren Stadtmauern böhmische protestantische Stände auf katholische Herrscher stießen und aus dem Fenster warfen. Die Gewalt verließ diese Stadt nicht, dreihundert Jahre später war die Stadt schon wieder zu klein für zwei geworden: dieses Mal für Tschechen und Habsburgerdeutsche. Wer in die Geschichte Prags schaut, der entdeckt eine unruhige Stadt – das gilt auch für „Der Tod des Löwen“ von Auguste Hauschner. Weiterlesen

Hanns Zischlers „Kafka geht ins Kino“: Kaum gestohlen, schon im Kino

Als das Kino zur Jahrhundertwende aufkam, galt es zuerst als Kuriosität. Das Kino fand man nicht auf den großen Boulevards, sondern auf den Jahrmärkten, gestaunt wurde nicht über den künstlerischen Gehalt der kurzen Filme, sondern über die Tatsache ihrer Existenz an sich. Doch dass das Kino mehr als eine Kuriosität war, deuteten schon die ersten Schnipsel an: die berühmte Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof von La Ciotat. Der Film war eng mit dem technischen Fortschritt verbunden; das Kino ist nicht einfach nur eine moderne Kunstform, sondern sollte die gesamte Wahrnehmung der Welt verändern. Das aufgenommene Bild wurde plötzlich flüchtig, so wie der Blick aus dem Zug ein flüchtiger wurde. Franz Kafka, der Jahrhundertschriftsteller, war vom Tempo der Jahrhundertwende angezogen und gleichzeitig verschreckt. Nachzulesen ist das nirgendwo so aufregend wie in dem neuaufgelegten Text von Hanns Zischler: „Kafka geht ins Kino“. Weiterlesen

Wolfgang Koeppens „Amerikafahrt“: Republikanische Pracht

Die Geschichte Wolfgang Koeppens ist die des Verstummens. Der Autor aus Greifswald galt unter seinen Zeitgenossen als einer der avanciertesten Nachkriegsschriftsteller, obgleich sein literarischer Werdegang schon in der Weimarer Republik begann. Mit Marcel Reich-Ranicki hatte Koeppen einen wortmächtigen Fürsprecher an seiner Seite; eine Verbindung, die in der Nachbetrachtung unterschiedlich bewertet wurde. Während die einen Reich-Ranicki für seine Errungenschaften um Koeppen preisen, haben andere dem Großkritiker stets vorgehalten, das Verstummen des Autors mit seinem ständigen Drängen auf den nächsten großen Roman noch befördert zu haben. Wer es mit einfachen psychologischen Schlüssen hält, könnte vermuten, der Grund für Koeppens spätere Konzentration auf Reiseberichte ist genau in diesem Spannungsverhältnis erwachsen: die Reise als Flucht vor einem Kulturbetrieb, der ständig Erwartungen an einen Autoren herantrug, die dieser nicht mehr erfüllen konnte oder wollte. Einer der Texte dieser Zeit ist Koeppens „Amerikafahrt“, die Reise eines Enthusiasten. Weiterlesen