Schlagwort: französische Literatur

Delphine de Vigans „Loyalitäten“: Wer vom Ich sprechen kann

Die französische Schriftstellerin Delphine de Vigan ist mit Romanen bekannt geworden, die gemeinhin als autobiografisch gelten: Von „Das Lächeln meiner Mutter“ bis zu ihrem verfilmten Bestseller „Nach einer wahren Geschichte“ – ihre Romane tangieren durch die Parallelen zwischen ihrem Lebenslauf und denen ihrer Figuren immer auch den Authentizitätsdiskurs der Gegenwartsliteratur. Als Frau ist sie dabei neben ihren männlichen Kollegen Knausgård, Glavinic oder Meyerhoff die Ausnahme und beinahe die einzige Autorin, die über authentisches Erzählen mit explizit weiblicher Erzählstimme nachdenkt. In ihrem neuen Roman „Loyalitäten“ nimmt de Vigan gleich vier Erzählperspektiven ein. Weiterlesen

„Nach einer wahren Geschichte“: Polanski verfilmt Delphine de Vigan

Von epischen, mehrteiligen Blockbustern wie dem Herrn der Ringe, bei denen ein nicht unbedeutender Teil der Kinobesucher die literarischen Vorlagen wohl nicht gelesen hat, über die deutschsprachigen Bestseller der vergangenen Jahre, darunter „Die Vermessung der Welt“, „Tschick“ oder „In Zeiten des abnehmenden Lichts„: Was sich als Buch verkaufen lässt, verkauft sich auch als Film – oder? Das dachte sich wohl auch Roman Polanski, der mit „Nach einer wahren Geschichte“ nun einen der erfolgreichsten französischen Romane der vergangenen Jahre verfilmt hat. Weiterlesen

Éric Vuillards „Die Tagesordnung: „Die Literatur erlaubt alles, heißt es.“

Wer Vuillards Werk begleitet, folgt einem faszinierenden literarischen Blick in die Geschichte. In „Kongo“ erzählte er von der aufgeblasenen Art, wie die europäischen Mächte die letzten Reste Afrikas unter sich aufteilten und wie sie in ihrem grausamen Hochmut Millionen von Menschen in den Hungertod trieben. In „Die Traurigkeit der Erde“, seinem wohl bislang besten Buch, betreibt er eine großartige Reflexion über das Wesen des Spektakels und Medienwandel. Nun, in „Die Tagesordnung“, das durch den Gewinn des Prix Goncourt mit einigen Vorschusslorbeeren in Deutschland angekommen ist, nimmt er sich den Anschluss Österreichs vor und entschleiert ein treibendes Prinzip der Historie: die Hochstapelei. Weiterlesen

Virginie Despentes‘ „Das Leben des Vernon Subutex 2“: Der Gegenwart zu nah auf die Pelle gerückt

Aufmerksamkeit kriegt heute der, der als ein Versteher gilt. Wenn man jemanden schmähen will, nennt man ihn Putinversteher. Wenn man jemand auszeichnen will, ist er ein Gegenwartsversteher. Die meisten Gegenwartsversteher scheinen momentan aus Frankreich zu kommen. Der erste große Gegenwartsversteher der jüngeren Jahre war vermutlich Didier Eribon. Mit seiner autobiographischen Herkunftserkundung traf er einen Nerv – nicht nur weil er das unstillbare zeitgenössische Verlangen nach authentischem Sprechen befriedigte, sondern auch weil er – folgt man der Rezeption – ein Erklärungsmuster für das Phänomen lieferte, dass sich der einfache Franzose von der Linken abwendete, um in den Armen des Front Nationals zu landen. Doch da der Mensch des 21. Jahrhunderts dem Gemeinplatz entsprechend in einer so schnellen und unübersichtlichen Gegenwart lebt, braucht es freilich auch immer neue Versteher. So hat das hiesige Feuilleton Virginie Despentes für sich entdeckt, aus deren „Vernon Subutex“-Reihe nun der zweite Band in deutscher Übersetzung erschienen ist. Weiterlesen

Éric Vuillards „Traurigkeit der Erde“: Spektakuläre Wirklichkeit

Die USA sind ein so großes Land, dass sie sich mit gutem Gewissen mehrere Gründungsmythen leisten können. Da wäre die Boston Tea Party, dicht gefolgt von der Unabhängigkeitserklärung. Das Ende des Bürgerkriegs kommt wohl noch dazu, wenn auch mit dunklen Untertönen. Und dann wäre da natürlich die – durch den kolonialen Blick gesehen – Eroberung des Wilden Westens. Die Besiedlung des Westens hat schon immer kunststiftend gewirkt, schließlich hat sich ein ganzes Genre danach benannt. Wie medienträchtig dieser Teil der amerikanischen Geschichte ist, hat wohl niemand so schnell begriffen wie Buffalo Bill, der ein ganzes Showbusiness um seine Wild West-Aufführungen aufgebaut hat. Diesem Thema hat sich der diesjährige Prix Goncourt-Träger Éric Vuillard in seiner Erzählung „Traurigkeit der Erde“ angenommen. Er stellt darin die faszinierende Frage, worin der Gründungsmythos des modernen Amerikas eigentlich steckt: im Ereignis selbst oder in dessen medialer Wiederaufführung. Weiterlesen

Mathias Menegoz‘ „Karpathia“: „Toto, I’ve a feeling we’re not in Kansas anymore.“

Kaum eine Region in Europa ist wohl so bekannt und gleichzeitig so unbekannt wie die Karpaten und deren angrenzendes Gebiet Siebenbürgen oder Transsilvanien. Jeder kennt es, weil es Heimat von Graf Dracula ist, der seit Bram Stokers Roman aus der westlichen Kulturgeschichte nicht mehr wegzudenken ist. Kaum einer kennt es, weil sich die westliche Öffentlichkeit kaum für den postsozialistischen Staat interessiert, in dessen Grenzen es sich real heute befindet. Selbst als es noch nicht hinter dem Eisernen Vorhang weggesperrt war, dürfte sich kaum eine breitere Öffentlichkeit für den Schwarzmeerstaat erwärmt haben. Das mag daran liegen, dass seine jüngere Geschichte Annektionen, Gebietsabtrennungen und Marginalisierung geprägt ist. Die Spannung zwischen diesem Rumänien der Fiktion und dem Rumänien der Wirklichkeit hat Mathias Menegoz in seinem Debütroman „Karpathia“ nun aufgenommen. Weiterlesen

Édouard Louis‘ „Im Herzen der Gewalt“: Verbrechen und Strafe

Die französische Soziologie und Philosophie sind sicherlich diejenigen auf dem Kontinent mit der breitesten Strahlkraft. Ihre Hochzeit hatten die französischen Theoretiker in den 60er und 70ern; nun, da die Grandseigneurs mittlerweile abgetreten sind, treten ihre Schüler aus deren Schatten. Allen voran ein gewisser Didier Eribon, der bei Pierre Bourdieu in die Lehre ging und in Frankreich schon länger als öffentlicher Intellektueller präsent ist. In Deutschland sorgte er mit dem Überraschungshit „Rückkehr nach Reims“ für Aufsehen. Gleichsam eifrig, aber hierzulande noch nicht ganz so bekannt ist Geoffroy de Lagasnerie, der sich in der Foucaultschen Tradition mit dem Wesen der Justiz und der Strafe auseinandersetzt. Und dann ist da Édouard Louis. Er ist der jüngste der drei und derjenige, der sich der Literatur zugewandt hat. 2015 kam in der deutschen Übersetzung sein Debütroman „Das Ende von Eddy“. Nun führt er mit „Im Herzen der Gewalt“ seine Auseinandersetzung mit den großen Theorielinien der französischen Soziologie weiter. Weiterlesen

Claude Simons „Das Pferd“: Lob der kleinen Form

Simon-Das-Pferd

Lange Zeit war ein ungeschriebenes Gesetz in der deutschen, vielleicht internationalen Verlagslandschaft: Bitte nicht zu lang! Romane, die eine bestimmte Seitenanzahl überschritten, galten als unverkäuflich. Zwischen Arbeit, Glotze und sich Anschreien haben die Leute keine Zeit, Tausendwälzer mit sich durch den Alltag zu schleppen. Doch die Zeiten scheinen sich in den letzten Jahren gewaltig zu ändern. Parallel mit dem (neuerlichen) Aufstieg der Serienkultur ist die epische Länge in der Gegenwartsliteratur der heißeste Scheiß. An die Literatur wird eine Erwartungshaltung herangetragen, die sich auch im Serienkonsum wiederfindet: Ein Sog muss sich einstellen, nur wer durch die Seiten fliegt, hat die höchste Stufe des Lesens erreicht. Der neue Leser möchte sich von Literatur in die Schwachsinnigkeit quatschen lassen, bis ein Zustand der ekstatischen Besinnungslosigkeit erreicht wird, anders kann man sich die Erfolge von Knausgård oder Yanagihara nicht erklären. In diesem kulturellen Umfeld liest sich das nun erstmals in Buchform publizierte „Das Pferd“ wie ein Loblied auf die kleine Form. Weiterlesen

Jérôme Ferraris „Ein Gott ein Tier“: Im Krieg mit sich selbst

Ferrari-Ein Gott ein Tier

Ein Mann kehrt zurück in sein Heimatdorf, irgendwo in der Peripherie Frankreichs. Nichts hat sich dort verändert, nur er selbst. Er kommt aus dem Ausland, nicht aber aus einer Großstadt, er kommt aus der Wüste, aus dem Krieg. Der namenlose Protagonist blickt in „Ein Mensch ein Tier“, dem erstmals 2009 veröffentlichten Kurzroman von Jérôme Ferrari, der nun in deutscher Übersetzung im Secession Verlag vorliegt, auf sein Leben zurück und stellt die existenzialistischen Fragen des Daseins. Weiterlesen

Louis-Ferdinand Célines „Von einem Schloß zum andern“: Einer flog übers Kuckucksnest

Louis-Ferdinand Célines Roman „Bis ans Ende der Nacht“ ist eine der wenigen, wirklich wichtigen Wegmarken der Weltliteratur. Kaum jemand hat es wie Céline verstanden, die Schrecken der Moderne so einzufangen, der Dialektik des Fortschritts eine literarische Form zu geben. Sein Meisterwerk katapultierte ihn in eine Liga mit Balzac, Flaubert und Proust – doch Céline war ein verstörter und verstörender Geist. Seine Radikalisierung hin zur antisemitischen Rechten blieb für seinen Nachruhm nicht folgenlos. Während des Zweiten Weltkriegs sympathisierte der Autor mit dem französischen Vichy-Regime, an dessen Seite er die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs verbrachte. Über diese letzten Tage schrieb Céline unter anderem seinen autobiographischen Roman „Von einem Schloß zum andern“ – ein bizarres Schreckensschauspiel und die Demolierung eines Jahrhunderttalents.


Es ist eine der obskureren Randgeschichten des Zweiten Weltkriegs: Als 1944 das bislang besetzte Frankreich von den Alliierten befreit wurde, flüchtete die Vichy-Regierung nach Sigmaringen, um dort eine Exilregierung zu bilden. Untergebracht im Hohenzollernschloss (und damit Familiensitz des einflussreichsten deutschen Adelsgeschlechts) saßen nun Marschall Petain und sein Premierminister Laval als Herren ohne Untertanen in Deutschland und mussten dabei zusehen, wie die alliierten Streitkräfte immer näherrückten. Unter ihnen befand sich auch Louis-Ferdinand Céline, der das merkwürdige Treiben als Burgarzt mitverfolgte. Mittlerweile völlig abgewirtschaftet, hatte er für sich und alle anderen nur noch Spott übrig.

Offen gesagt, hier, unter uns – ich ende noch schlimmer als ich angefangen habe …

Seiner Biographie folgend ist auch die Erzählsituation in „Von einem Schloss zum andern“ angelegt. Céline erzählt aus den letzten Tagen des Krieges, die er im Hohenzollernschloss verbringt und seiner beruflichen Ausbildung gemäß als Arzt für das leibliche Wohl der illustren Gesellschaft zuständig ist. Der Autor ist sich seiner schwierigen Stellung bewusst, selbst führende Leute des Vichy-Regimes haben schon von ihm Abstand genommen, im Nachkriegs-Frankreich wird ihm als Kollaborateur kein gemäßer Platz eingeräumt: „Ich habe nur eins voraus!… für die Franzuskis das Kreuz genommen zu haben, ich hätte ganze Mauern voll Plakate verdient, weil ich der vollkommene Verräter bin, der Judenzerfleischer, Verschacherer der Maginotlinie, und Indochinas und Siziliens …“

Genug gebabbelt!

Céline nimmt die Rolle des Parias an und wendet sie gegen seine Widersacher: „Aber ich habe vielleicht keinen Grund, mich zu beklagen … denn ich lebe noch … und jeden Tag verliere ich Feinde!“ Der Wille zum Überleben ist überhaupt das einzige, was diese totgeweihte Gesellschaft noch zusammenhält und auch dieses Vorhaben scheint bedroht. Célines Blick auf seine Umwelt ist, wie auch in „Bis ans Ende der Nacht“, der eines Arztes: alles fault, verwest, steht nur noch mit einem Bein im Diesseits. Politisch, so könnte man behaupten, ist der Schriftsteller am Nullpunkt angekommen: seine antisemitischen und rassistischen Ausfälle hat er zwar nicht hinter sich gelassen, aber zumindest kennt er keine Verbündeten mehr – Deutsche, Franzosen beider Seiten, alles der gleiche Auswurf: „Pißkrüstchen- und Hostienfresser, immer wieder sieht man sie sybillenhaft, immer wieder tauchen sie auf, von Jahrhundert zu Jahrhundert…. Kontinuität der Staatsgewalt!“

„Oh, Sie übertreiben, Céline! Sie übertreiben immer!… alles!“

Seinem Gemüt nach wird in „Von einem Schloss zu andern“ auch nichts mehr erzählt. Der Text ist eine Aneinanderreihung von wüsten Beschimpfungen, Vulgaritäten und Pöbelein. Céline geriert sich hier als Größenwahnsinniger, der von seiner historischen Rolle als Lichtgestalt überzeugt ist: „ich bin der Mann in Europa, der am meisten recht hat! und der freiwilligste! fünfzig Nobelpreise stünden mir zu!“ Wenn der Text überhaupt noch etwas darstellen will, dann die Atmosphäre von Tagen einer Zäsur. Historische, wenn auch abgründige, aber dennoch historische Gestalten schrumpfen in diesem Text zu Witzfiguren zusammen, deren einstiges Bedrohungspotential in einer morbiden Komik endet. Währenddessen schildert der Erzähler immer wieder die dröhnenden Fluggeräusche der Royal Air Force, die das vermeintlich tausendjährige Rauch in Schutt und Asche legt.

Entschuldigen Sie, daß ich so viel von mir spreche … ich trete die Sache breit … sind’s die Verdrießlichkeiten? …. Sie haben auch welche! diese Literaten sind entsetzlich! so geknickt von ihrem Ichichismus!

So könnte man „Von einem Schloss zum andern“ auch als Abschied vom Erzählen verstehen, denn in einer Welt, die in Flammen steht, gibt es nichts mehr zu erzählen: „Ah, ich machte mir nichts vor, wir waren wirklich da! im Bahnhof…. Aber in einem ‚nichtvorhandenen‘! wir hielten: man war da! ein Pfahl… aber kein Ulm mehr!…. ein Schild ULM…. Das war alles!“ Von der Welt, die Céline kannte, sind nur noch leere Bezeichnungen übrig geblieben, das, was sie einstmals benannten, liegt in Trümmern. Louis-Ferdinane Céline bleibt von einer Radikalität beseelt, die ihn einst in den literarischen Olymp katapultierte und immer noch aufregende Früchte trägt. Doch leider ist „Von einem Schloss zum andern“ auch ein Zeugnis von einer Selbstdemontage, einem Feldzug gegen die ganze Welt und gegen sich selbst, vor den Augen der Welt. Davon in diesem Roman Zeuge zu werden, ist ein zweifelhaftes, ein morbides Vergnügen.