Schlagwort: Fremde

Saša Stanišić‘ „Fallensteller“: Der große Zampano

Saša Stanišić ist ein eigentümliches Phänomen in der deutschsprachigen Literatur. Größer als bei anderen Autoren ist bei dem mittlerweile nur noch so halbjungen Senkrechtstarter die Lust verbreitet, kategorische Urteile über sein Werk zu fällen. Die eine Seite wirft ihm vor – bekanntestes Beispiel Maxim Biller – seine bosnischen Wurzeln für den literarischen Ruhm in Deutschland zu verleugnen, den anderen schreibt er noch zu bosnisch. Für andere wiederum ist er die Personifizierung der gleichgeschalteten Leipziger-Institut-Schreiberei. Seinem Erfolg haben all diese Angriffe keinen Abbruch getan, nach einem ersten Ausrufezeichen beim Bachmann-Wettbewerb erhielt er 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse für seinen jüngsten Roman „Vor dem Fest“. Nun ist sein Erzählband „Fallensteller“ erschienen. Höchste Zeit über den konkreten Text zu sprechen. Das ist ein zweifelhaftes Vergnügen. Weiterlesen

Jan Böttcher: Gefangener der Perspektive

Jeder Erzählakt ist ein Gewaltakt. Die Gewalt besteht darin, sich das Recht herauszunehmen, die Stimme zu erheben und die Geschichte jemandes zu erzählen. Nun könnte man einwenden, dass im autobiographischen Erzählen diese Gewaltstrukturen nicht zu Tage treten, da man von sich spricht. Aber immer dort, wo einer spricht, müssen andere schweigen. Seit den neunziger Jahren beschäftigt sich die Kulturwissenschaft in all ihren Ausformungen mit der Frage der Sprecherpositionen: Wer spricht? Wer kommt im Diskurs vor? Und wer nimmt sich das Recht heraus, das Wort für andere zu ergreifen? Das Ergebnis dieser Beschäftigung ist eine allgemeine Verunsicherung des Denkens und Sprechens. Aussagen müssen sich nicht mehr nur auf ihre argumentative Konsistenz prüfen lassen, sondern auch darauf, ob sie die Erfahrungen anderer miteinschließen. Wenn Jennifer Lawrence die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen fordert, dann tut sie das aus der Erfahrungswelt einer weißen, wohlstandsverwöhnten Hollywood-Schauspielerin. Der Realität einer indischen Frau aus der Kaste der Unberührbaren entspricht dies nicht, zudem hat sie Jennifer Lawrence nicht das Mandat dafür gegeben, in ihrem Namen zu sprechen. In solchen Diskussion ist der Vorwurf des Rassismus schnell erhoben. Weiterlesen

Zwischen Exil und Heimat: Shida Bazyars „Nachts ist es leise in Teheran“

Shida Bazyar ist in ihrem Debütroman etwas Besonderes gelungen: Sie erzählt einerseits eine Flüchtlingsgeschichte, die ihren Text – wie es auch der Buchumschlag stolz verkündet – „hochaktuell“ macht, andererseits ist „Nachts ist es leise in Teheran“ aber nicht nur Flüchtlingsgeschichte, sondern ein Generationen- und ein gesellschaftspolitischer Epochenroman. Aus den verschiedenen Ich-Perspektiven der Mitglieder einer iranischen Familie, die aufgrund von politischer Verfolgung in den 1980er Jahren ins deutsche Exil flieht, erzählt Bazyars Roman vom Bedürfnis nach Freiheit, von der Sehnsucht nach der Heimat, davon, wie es ist, in der Fremde zu leben, und davon, wie es ist, nach Hause zu kommen. Weiterlesen