Schlagwort: Friedrich Torberg

Eva Menasses „Tiere für Fortgeschrittene“: Die Literatur ist eine demente Frau

Wenn Eva Menasse nicht mit ihrem eigenen Werk in Erscheinung tritt, fällt sie vor allem als Botschafterin Heimito von Doderers auf, als dessen Expertin sie den Autor auch weit über die Grenzen Österreichs im kulturellen Gedächtnis hält. Wer bei Doderer in die Schule geht, hat ein Verständnis für das Formprinzip von Literatur. Kein literarischer Technokrat, aber ein verspielter Autor war er, der das Schreiben auch immer als Experiment verstand. Eva Menasse teilt diese Lust am literarischen Spiel, deren neuestes Ergebnis der Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ ist und wieder einmal beweist, wie unterschätzt die Gattung ist. Weiterlesen

Klaus Nüchterns „Kontintent Doderer“: Ein verspäteter Autor

Mit „Ein Jahr mit Thomas Bernhard“ ist Karl Ignatz Hennetmairs ein wahrer Husarenstreich gelungen. Ein Jahr machte sich Bernhards enger Freund jeden Abend Notizen über den Tag, den er mit Österreichs begabtesten Grantlers verbrachte. Das mag ethisch zwar zweifelhaft sein, denn Bernhard sagte er davon nichts, doch es ist der Grund, wieso der Nachwelt eine ganz besonders aufschlussreiche Anekdote überliefert ist: Hennetmair und Bernhard sitzen im Jahr 1966 vor dem Fernseher und schauen die Nachrichten. Plötzlich springt Bernhard auf, klatscht in die Hände und ruft: „Jetzt ist die Bahn frei, jetzt komm ich.“ Grund seiner Freude war makabererweise der Tod Heimito von Doderers. So viele diese kleine Szene über Bernhard verraten mag, noch viel mehr offenbart sie über die österreichische Nachkriegsliteratur. Denn tatsächlich schien bis zu seinem Tod kein Weg an Doderer vorbeizuführen – er war der letzte übriggebliebene Großschriftsteller der Vorkriegszeit. Damit es soweit kommen konnte, brauchte Doderer mehr Glück als er vielleicht verdiente, der deutschsprachigen Literatur wären sonst jedoch brillante Texte entgangen. Heimito von Doderers Werk ist ausufernd, weswegen die Bezeichnung „Kontinent“ keinesfalls übertrieben scheint. Diesen Kontinent entdeckt Klaus Nüchtern, der an die Bernhard-Anekdote erinnert, in seinem neuen Buch für den Leser neu. Weiterlesen

Friedrich Torberg: Das alte Tanten-Prinzip

Ich bin ein Jud. Ich lebe in Österreich. Ich war in der Emigration. Ich hab was gegen Brecht… Etwas davon schadet mir immer.

Friedrich Torberg ist der große Unbekannte in der deutschsprachigen Literatur. 1908 als Friedrich Ephraim Kantor-Berg in Wien geboren, gehörte er im jungen Erwachsenenalter schnell zu den Stammgästen der literarischen Kaffeehäusern und verkehrte mit der literarischen Prominenz der Zeit: Robert Musil, Max Brod, Alfred Polgar, Leo Perutz und Franz Werfel.

Sein größter Erfolg war der Roman „Der Schüler Gerber“ – ein Text wie Musils „Törleß“ oder Hermann Hesses „Unterm Rad“ über die Mechanismen der Grausamkeiten, in der Bildungsinstitutionen ihre Schüler einspannen. Nach dem Krieg und der Rückkehr nach Wien wird aus dem Schriftsteller Torberg ein Literaturkritiker, -förderer und –funktionär. So setzt er unter anderen zusammen mit Hans Weigel den Wiener Brecht-Boykott in den 50ern durch. Weiterlesen