Schlagwort: Galizien

Isaak Babel: Pogrom ist ein russisches Wort

Um die Jahrhundertwende schien es für einen Moment so, als wäre das Judentum in Mitteleuropa angekommen. In England, Frankreich, Deutschland und Österreich war die jüdische Bevölkerung ein elementarer Teil des bürgerlichen Lebens und die Geistesgrößen der Zeit hatten nicht selten einen jüdischen Hintergrund. Schreckensnachrichten kamen hingegen aus dem Osten: Im zaristischen Russland kam es immer wieder zu tödlichen Übergriffen auf die jüdischen Gemeinden – das Wort „Pogrom“ (russisch für „Verwüstung“ oder „Zerstörung“) war geboren. Dass ein paar Jahrzehnte später die Deutschen das osteuropäische Judentum fast vollständig auslöschen sollten, ist eine der bitteren historischen Volten, die die Geschichte schreiben sollte. Als 1917 die erklärt atheistischen Bolschewiki das Ruder in Russland übernahmen, verhieß das keine Verbesserung für die praktizierenden Juden. Zwei Jahre später versuchten die Machthaber in Moskau die Weltrevolution nach Polen zu tragen, die Leidtragenden waren wieder sie. Aus den Verheerungen des Kommunismus ist der Welt ein Zeugnis erhalten geblieben, Isaak Babels „Budjonnys Reiterarmee“, das von seiner erschreckenden Eindrücklichkeit nichts verloren hat. Weiterlesen

Zurück zur (Ur-)Sprache: Marjana Gaponenkos „Wer ist Martha?“

Der Moment, in dem Luca Lewadski im Alter von 96 Jahren erfährt, dass ein Karzinom in seiner Lunge gefunden wurde und seine Tage gezählt sind, eröffnet den zweiten Roman von Marjana Gaponenko. Die ersten vier Phasen des Sterbens sind jedoch schnell überwunden: Lewadski akzeptiert sein Schicksal und beschließt, die letzten Tage seines langen Lebens in Luxus zu schwelgen und in die Stadt seiner Kindheit zurückzukehren. „Wer ist Martha?“ ist nichts für Handlungsversessene, dieser Roman lebt von Dialogen, Symbolen und Metaphern. Der Protagonist von Gaponenkos Roman ist nicht Lewadski, sondern die Sprache. Weiterlesen

Thomas Manns böser Zwilling: Maxim Billers „Im Kopf von Bruno Schulz“

Im April 2016 erscheint der neue Roman „Biografie“ von Maxim Biller bei Kiepenheuer & Witsch. Seit seiner letzten literarischen Publikation, dem schmalen Novellenbändchen „Im Kopf von Bruno Schulz“ aus dem Jahr 2013, steht Biller seit einigen Monaten vor allem durch seine launigen Auftritte im Literarischen Quartett im Fokus des Literaturbetriebs und wird dafür gleichermaßen gelobt und angefeindet. Dabei gerät sein eigenes literarisches Werk immer weiter aus dem Blickfeld – vollig zu Unrecht, wie sich an der Bruno Schulz-Novelle zeigen lässt. Weiterlesen