Schlagwort: Gegenwartsliteratur

Isabelle Lehns „Frühlingserwachen“: Die Autofiktion wird erwachsen

Das Leben ist gut – solange wir es nicht daran messen, wie wir es uns vorgestellt haben. Isabelle Lehn schreibt über eine Frau namens Isabelle Lehn. Poetisch, selbstironisch und umwerfend offen.“ So lautet die kurze und knappe Verlagsankündigung zu Isabelle Lehns neuem Buch „Frühlingserwachen“. „Isabelle Lehn schreibt über eine Frau namens Isabelle Lehn“ klingt erst mal kryptischer als es sein müsste. Bei anderen Verlagen hieße es an dieser Stelle schließlich irgendwas von schonungslosem Einblick in das Leben der Autorin. Bei Knausgård sprach der Verlag von „radikaler Ehrlichkeit“. Wozu also diese distanzierende Formulierung? Und wer ist diese Isabelle Lehn, von der Isabelle Lehn erzählt? Weiterlesen

Anna Giens & Marlene Starks „M“: Mit dem Strapon in die Welt schlagen

Ist Berlin-Neukölln der eigentliche Mittelpunkt Deutschlands? Kaum eine Woche vergeht, in der man nicht irgendetwas über den ehemaligen Arbeiter- und Migrantenbezirk Westberlins hört. Mal wird er als das neuste Beispiel einer voranschreitenden Gentrifizierung deutscher Innenstadtbezirke angeführt, mal ist er der Hort der hippen, digitalen Boheme und dann ist er immer wieder auch der Ort, an dem sich Deutschlands Kampf gegen kriminelle Clans entscheiden soll. Vermutlich ist Neukölln auch der einzige Ort, in dem man auf der niedrigschwelligen Ebene des Bezirksbürgermeisters bundesweite Prominenz erreichen kann. Im Herzen der jungen Berlinliteratur hat der Bezirk schon seit langem einen festen Platz und so streift auch die Ich-Erzählerin in „M“, dem Debütroman der Autorinnen Anna Gien und Marlene Stark, durch das Neuköllner Nachtleben. Weiterlesen

Kenah Cusanits „Babel“: Jenga!

Zu allen Zeiten war Babylon Projektionsfläche. Seit den biblischen Erzählungen vom israelitischen Exil und dem Turmbau zu Babel hat sich das Zentrum des Zweistromlandes tief ins kulturelle Gedächtnis der drei monotheistischen Religionen und deren Einflussregionen gebrannt. Bis jetzt hält sich der Mythos Babylon, wie neuere deutsche Serienproduktionen beweist. Jede Gesellschaft, jedes Jahrhundert scheint den Ort am Euphrat für sich neu zu entdecken und so legt sich kulturelle Schicht über Schicht. Wie man diese wieder abtragen kann, davon erzählt Kenah Cusanit in ihrem Debütroman „Babel“. Weiterlesen

Emanuel Maeß‘ „Gelenke des Lichts“: Ungelenk ins Dunkle

Was ist literarischer Mut? Sich an neuen Formen zu versuchen, ästhetische Konventionen zu sprengen und alles auf eine, absolute Karte zu setzen? Oder das genaue Gegenteil? Gegen alle Innovationserwartungen anzuschreiben und sich allem verwahren, das irgendwie nach hipper Literaturmode riecht? Gibt es die radikale Nichtradikalität? Falls ja, Emanuel Maeß, der gerade sein Debüt, „Gelenke des Lichts“ im Wallstein Verlag vorgelegt hat, hätte sie zur Perfektion getrieben. Leider bedeutet jedoch die Verweigerung literarischer Moden nicht zwangsläufig eine geradlinige Literatur. Das einzige, das in diesem Roman konsequent gerät, ist sein inniges Verhältnis zum Klischee. Weiterlesen

Michael Lentz‘ „Schattenfroh“: Gegen das Verstummen anschreiben

Michael Lentz‘ „Schattenfroh“ gehörte mit zu den großen Favoriten für den diesjährigen Deutschen Buchpreis – nur um dann nicht mal auf der Longlist zu stehen. Das kann man der Jury vielleicht nicht mal verübeln, schließlich ist „Schattenfroh“ sicherlich eins der herausforderndsten Bücher der letzten Zeit, obwohl man natürlich immer hofft, dass die Leute, die darüber entscheiden, welche Werke beachtet, ins Rampenlicht gestellt und ausgezeichnet werden, ein Sensorium dafür haben, wo Saisonware aufhört und große Literatur anfängt. Zu letzterem gehört „Schattenfroh“ in jedem Fall, auch oder gerade weil man sich daran die Zähne ausbeißt, verzweifelt und sich eine blutige Nase holt. Weiterlesen

Lisa Hallidays „Asymmetry“: Kein Anschluss unter dieser Nummer

Philip Roth hatte jahrelang teuflische Rückenschmerzen. Philip Roth zog im hohen Alter nach New York. Philip Roth war jüdisch und kam aus New Ark. Roth liebte Essen aus dem Deli. Er hatte ein Faible für die europäischen Schriftsteller, allen voran Kafka und Thomas Mann. Philip Roth hatte wohl selbst damit gerechnet, dass er irgendwann mal den Nobelpreis erhält. Und Philip Roth hatte einen feinen Humor. All das wusste man über Philip Roth und es bestimmte sein öffentliches Bild. Man meinte dies auch zu wissen, weil Roth diese Themen immer wieder selbst in seinen Romanen thematisiert hat und dutzende Figuren geschaffen hat, allen voran Nathan Zuckerman, die immer wieder zu Alter Egos erklärt wurden. Roth öffentliches Bild war also immer ein Amalgan aus der historisch verbürgten Person und verschiedenster literarischer Figuren. So scheint es folgerichtig, dass der US-amerikanische Schriftsteller in Lisa Hallidays „Asymmetry“ nach seinem Tod als Figur wieder auftaucht. Weiterlesen

Josefine Rieks‘ „Serverland“: Archäologie der Zukunft

Vielleicht werden in ein paar Jahrzehnten Historiker behaupten, die Entwicklung und weltweite Verbreitung des Internets hat einen größeren gesellschaftlichen Wandel ausgelöst als die industrielle Revolution. Doch längst hat sich die Sicht auf das weltweite Informationsnetz gewandelt. Stand am Anfang noch der emanzipative Gedanke im Fokus – freier Austausch von Ideen, das Zusammenwachsen der Welt etc. –, ist das Internet in der öffentlichen Wahrnehmung längst zu einem Werkzeug von Repression und Überwachung geworden. Die Großfirmen des Silicon Valleys, die sich liberal und freiheitsliebend geben, sind eine unheilige Allianz mit Sicherheitsdiensten eingegangen. Wie viel Freiheit, aber auch wie viel Unfreiheit schafft das Internet? Diese Frage stellt Josefine Rieks in ihrem Debütroman aus der Rückschau: Denn in „Serverland“ ist das Internet abgeschaltet. Weiterlesen

Virginie Despentes‘ „Das Leben des Vernon Subutex 2“: Der Gegenwart zu nah auf die Pelle gerückt

Aufmerksamkeit kriegt heute der, der als ein Versteher gilt. Wenn man jemanden schmähen will, nennt man ihn Putinversteher. Wenn man jemand auszeichnen will, ist er ein Gegenwartsversteher. Die meisten Gegenwartsversteher scheinen momentan aus Frankreich zu kommen. Der erste große Gegenwartsversteher der jüngeren Jahre war vermutlich Didier Eribon. Mit seiner autobiographischen Herkunftserkundung traf er einen Nerv – nicht nur weil er das unstillbare zeitgenössische Verlangen nach authentischem Sprechen befriedigte, sondern auch weil er – folgt man der Rezeption – ein Erklärungsmuster für das Phänomen lieferte, dass sich der einfache Franzose von der Linken abwendete, um in den Armen des Front Nationals zu landen. Doch da der Mensch des 21. Jahrhunderts dem Gemeinplatz entsprechend in einer so schnellen und unübersichtlichen Gegenwart lebt, braucht es freilich auch immer neue Versteher. So hat das hiesige Feuilleton Virginie Despentes für sich entdeckt, aus deren „Vernon Subutex“-Reihe nun der zweite Band in deutscher Übersetzung erschienen ist. Weiterlesen

Gerhard Falkners „Romeo oder Julia“: Es kann nur einen geben

He did it again: Nachdem Falkner letztes Jahr schon sein Buch auf die Longlist des Deutschen Buchpreis hieven konnte, hat er es nun mit seinem neuen Roman „Romeo oder Julia“ auf die Shortlist geschafft. Letztes Jahr hatte er mit „Apollokalypse“ eine deutsche Mentalitätsgeschichte abgeliefert und über den Zusammenhang zwischen Eros und Zerstörungswut sinniert. Obwohl Falkners Buch zu den besseren Anwärtern auf der letztjährigen Liste zählte, merkte man „Apollokalypse“ auch die Schwierigkeiten an, die der Romandebütant mit einer Gattung hatte, die bislang nicht zu seinem Repertoire gehörte. Nun, mit „Romeo oder Julia“ sitzt Falkner schon deutlich fester im Sattel und arbeitet sich am Ereignisbegriff ab. Weiterlesen

Mareike Krügels „Sieh mich an“: Das Leben, das keiner wollte

Plötzlich wacht man auf und weiß: Das war es nun. Das Leben wird keine Überraschungen mehr für einen übrig haben, alles ist eingerichtet. Wie konnte das Leben so werden wie es ist? Wo hat man die falsche Abzweigung genommen und wieso hat man es nicht früher kommen sehen? Die Frage danach, wie determiniert das Leben ist, hat die Literatur schon immer fasziniert. Bei Thomas Mann lernt man, dass Familien so etwas wie Schicksalsgemeinschaften sind, die Gesetzmäßigkeiten folgen, Max Frisch setzte der Sehnsucht nach der Flucht aus dem eigenen Leben das Spiel mit der Identität entgegen und die Ronja von Rönnisierte Literatur der Millenials klagt vor allem darüber, dass eigentlich alles gut, aber doch irgendwie langweilig ist. Auch Mareike Krügels neuer Roman „Sieh mich an“ geht der Frage nach, wie eigentlich alles so weit kommen konnte. Weiterlesen