Schlagwort: Gegenwartsliteratur

Josefine Rieks‘ „Serverland“: Archäologie der Zukunft

Vielleicht werden in ein paar Jahrzehnten Historiker behaupten, die Entwicklung und weltweite Verbreitung des Internets hat einen größeren gesellschaftlichen Wandel ausgelöst als die industrielle Revolution. Doch längst hat sich die Sicht auf das weltweite Informationsnetz gewandelt. Stand am Anfang noch der emanzipative Gedanke im Fokus – freier Austausch von Ideen, das Zusammenwachsen der Welt etc. –, ist das Internet in der öffentlichen Wahrnehmung längst zu einem Werkzeug von Repression und Überwachung geworden. Die Großfirmen des Silicon Valleys, die sich liberal und freiheitsliebend geben, sind eine unheilige Allianz mit Sicherheitsdiensten eingegangen. Wie viel Freiheit, aber auch wie viel Unfreiheit schafft das Internet? Diese Frage stellt Josefine Rieks in ihrem Debütroman aus der Rückschau: Denn in „Serverland“ ist das Internet abgeschaltet. Weiterlesen

Virginie Despentes‘ „Das Leben des Vernon Subutex 2“: Der Gegenwart zu nah auf die Pelle gerückt

Aufmerksamkeit kriegt heute der, der als ein Versteher gilt. Wenn man jemanden schmähen will, nennt man ihn Putinversteher. Wenn man jemand auszeichnen will, ist er ein Gegenwartsversteher. Die meisten Gegenwartsversteher scheinen momentan aus Frankreich zu kommen. Der erste große Gegenwartsversteher der jüngeren Jahre war vermutlich Didier Eribon. Mit seiner autobiographischen Herkunftserkundung traf er einen Nerv – nicht nur weil er das unstillbare zeitgenössische Verlangen nach authentischem Sprechen befriedigte, sondern auch weil er – folgt man der Rezeption – ein Erklärungsmuster für das Phänomen lieferte, dass sich der einfache Franzose von der Linken abwendete, um in den Armen des Front Nationals zu landen. Doch da der Mensch des 21. Jahrhunderts dem Gemeinplatz entsprechend in einer so schnellen und unübersichtlichen Gegenwart lebt, braucht es freilich auch immer neue Versteher. So hat das hiesige Feuilleton Virginie Despentes für sich entdeckt, aus deren „Vernon Subutex“-Reihe nun der zweite Band in deutscher Übersetzung erschienen ist. Weiterlesen

Gerhard Falkners „Romeo oder Julia“: Es kann nur einen geben

He did it again: Nachdem Falkner letztes Jahr schon sein Buch auf die Longlist des Deutschen Buchpreis hieven konnte, hat er es nun mit seinem neuen Roman „Romeo oder Julia“ auf die Shortlist geschafft. Letztes Jahr hatte er mit „Apollokalypse“ eine deutsche Mentalitätsgeschichte abgeliefert und über den Zusammenhang zwischen Eros und Zerstörungswut sinniert. Obwohl Falkners Buch zu den besseren Anwärtern auf der letztjährigen Liste zählte, merkte man „Apollokalypse“ auch die Schwierigkeiten an, die der Romandebütant mit einer Gattung hatte, die bislang nicht zu seinem Repertoire gehörte. Nun, mit „Romeo oder Julia“ sitzt Falkner schon deutlich fester im Sattel und arbeitet sich am Ereignisbegriff ab. Weiterlesen

Mareike Krügels „Sieh mich an“: Das Leben, das keiner wollte

Plötzlich wacht man auf und weiß: Das war es nun. Das Leben wird keine Überraschungen mehr für einen übrig haben, alles ist eingerichtet. Wie konnte das Leben so werden wie es ist? Wo hat man die falsche Abzweigung genommen und wieso hat man es nicht früher kommen sehen? Die Frage danach, wie determiniert das Leben ist, hat die Literatur schon immer fasziniert. Bei Thomas Mann lernt man, dass Familien so etwas wie Schicksalsgemeinschaften sind, die Gesetzmäßigkeiten folgen, Max Frisch setzte der Sehnsucht nach der Flucht aus dem eigenen Leben das Spiel mit der Identität entgegen und die Ronja von Rönnisierte Literatur der Millenials klagt vor allem darüber, dass eigentlich alles gut, aber doch irgendwie langweilig ist. Auch Mareike Krügels neuer Roman „Sieh mich an“ geht der Frage nach, wie eigentlich alles so weit kommen konnte. Weiterlesen

Lukas Bärfuss‘ „Hagard“: Zu Fuß durch den Untergang

Die Literatur ist eine Verfolgungsjagd. Ständig haftet jemand an den Fersen der handelnden Figuren, auf Schritt und Tritt werden sie verfolgt. Mal mit gar göttlicher Allmacht, mal mit eingeschränktem Wissen darüber, was das Handlungspersonal als nächstes machen wird. Die Rede ist natürlich vom Erzähler, der eine manische Präsenz in der Literatur ist. Manche Figur in der Weltliteratur ist über die ständige Anwesenheit eines Zweiten wahnsinnig geworden, andere wiederum nehmen sie mit besonnener Gelassenheit hin. Die Hatz des Erzählers ist ein altes Motiv, der voyeuristische Charakter des Erzählens ist ein beliebtes Thema, mit dem sich die Literatur selbst thematisiert. In diese Tradition tritt Lukas Bärfuss mit seinem neuen Roman „Hagard“, bei dem gleich zwei auf die Verfolgungsjagd gehen: Protagonist Philip und eben der Erzähler selbst. Bärfuss macht daraus eine zivilisatorische Abrechnung, die nur müde an dessen Vorbilder erinnert. Weiterlesen

Andreas Mosters „wir leben hier, seit wir geboren sind“: Wir, Ich und das Andere

Die Gegenwartsliteratur ist fest in der Hand eines tristen Realismus‘. Die ganze Gegenwartsliteratur? Nein, ein paar wenige leisten Widerstand. Doch die großen Helden unserer Tage sind die Knausgards mit ihren realistischen Klogangchroniken, die Glavinics und Meyerhoffs. Wiedererkennen möchte sich der Leser in diesen meist autobiographischen Stoffen, anschlussfähig soll es sein, an die eigene Lebenswelt. Früher hat die Literatur einmal die Aufgabe übernommen, den Leser mit dem Fremden zu konfrontieren, heute ist gute Literatur jene, die einen Alltag vorführt, der genauso öde ist, wie der des Lesers. Dabei ist es gerade die Fähigkeit der Kunst, dem Konsumenten mit Differenzerfahrungen zu konfrontieren, ihre große Leistung – wie Gesellschaften reagieren, die den Umgang mit dem Fremden verlernt hat, sieht man im Europa dieser Tage. Weil Andreas Moster, Übersetzer und Romandebütant, es wagt, die Literatur an den Punkt des Unbekannten zu führen, ist ihm ein echter Wurf gelungen. Weiterlesen

Heinz Strunks „Jürgen“: Back to earth

Häme ist im Fall Heinz Strunk unangebracht. Eigentlich kann man sich Charaktere wie ihn im Literaturbetrieb nur wünschen. Strunk ist ein Outsider. Den Weg der Literatur hat er als Quereinsteiger genommen, davor war er als etwas quatschiger Spaßvogel im Fernsehen und in der Musikbranche bekannt. Mit „Der goldene Handschuh“ katapultierte er sich selbst ins Hochfeuilleton. Anstatt sich, wie die meisten, mit Teflon zu überziehen und den Ruhm still an sich abtropfen zu lassen, stolzierte Strunk mit stolzgeschwellter Brust durch die Gegend. Die große FAZ in Form von Jürgen Kaube hatte sich dazu herabgelassen, sich mit seinem Text zu beschäftigen! Die naive Freude des Heinz S. war eine angenehme Abwechslung und berechtigt war sie auch noch, denn „Der goldene Handschuh“ war tatsächlich ein großartiger Text. Nun ist Strunks nächster Roman „Jürgen“ erschienen. Man soll das Eisen schmieden, solange es heiß ist, so war wohl der Gedanke, anders kann man dieses Tempo nicht erklären. Leider hat sich Strunk daran die Finger verbrannt. Weiterlesen

Feridun Zaimoglus „Evangelio“: Vorsicht, leicht entzündlich!

„Luther“ gellts von allen Zinnen – es ist mal wieder ein Jubiläum. Kaum ein Jahr geht mittlerweile vorbei, das nicht in Zeichen irgendeines runden Jahrestages steht. Beginn des ersten Weltkriegs, Wiener Kongress, Ende Zweiter Weltkrieg – die Termine schreiben sich wie von selbst und wirken gleichsam wie ein Konjunkturprogramm für die Buchbranche. Nichts füllt die Auslagen der Buchhandlungen besser als ein zünftiges Jubiläum, das ordentlich Aufmerksamkeit schafft. Nun also Luther. Der deutsche Reformator ist natürlich eigentlich Hoheitsgebiet von Theologen und Historikern, wollte man denken. Doch dann kommt Feridun Zaimoglu mit seinem neuen Roman „Evangelio“ um die Ecke und erinnert uns wieder: vielleicht ist das kostbarste, das uns Luther geschenkt hat, die deutsche Sprache. Weiterlesen

Gerhard Stadelmaiers „Umbruch“: Druckfarbenschwarzes Lamento

Gerhard Stadelmaier kann mit Stolz von sich behaupten, eines der letzten Schlachtrosse der guten alten FAZ gewesen zu sein. Unter dem langjährigen FAZ-Herausgeber und Feuilletonchef Joachim Fest hat er eine Zeit erlebt, in der sich Zeitungschefs wie Fürsten fühlten und das Innere einer Zeitungsredaktion ein mystischer Raum war, der nur über wilde Gerüchte und noch wildere Anekdoten zugänglich war, als die Besprechung eines wichtigen Romans oder einer aufsehenerregenden Theaterinszenierung noch herbeigesehnt und gefürchtet wurde. Kurzum: Eine Zeit, in der es den traditionellen Medien noch gut ging. Stadelmaier hat diese Ära mit seiner Theaterkritik geprägt, nun, mittlerweile im Ruhestand, hat er sich als Romanautor versucht. „Umbruch“ ist ein Buch geworden, das Stadelmaier zerfetzt hätte, hätte man ihm so etwas auf die Bühne gesetzt. Weiterlesen

Isabelle Lehns „Binde zwei Vögel zusammen“: In Twittergewittern

Liama Menina schließt ihren Bericht über ihre Zeit im US-Stützpunkt in Hohenfels mit den Worten: „Freedom, finally, enduring!“ Liama Menina ist nicht ihr richtiger Name, doch die 26 Tage, von denen sie berichtet, könnten nicht (ir)realer sein. Zur Vorbereitung auf den Afghanistan- und schließlich auch Irakkrieg nutzten die amerikanischen Streitkräfte den deutschen Stützpunkt, um ein afghanisches Dorf zu simulieren, in dem reale Gefechtssituationen trainiert werden. Die in der taz berichtende Studentin hat die Geldnot dazu bewegt, in die Haut einer afghanischen Frau zu schlüpfen, ihr Bericht konzentriert sich vor allem auf die Strapazen, das schlechte Essen, den Stress, den der andauernde Theaterdonner auslöste. Der Bericht diente der Autorin Isabelle Lehn zur Inspiration für ihren Debütroman „Binde zwei Vögel zusammen“, in dem sich in dem Potemkinschen Dorf eine waschechte Subjektkrise vollzieht. Weiterlesen