Schlagwort: Geschichte

Frank Biess‘ „Republik der Angst“: Angst, Angst, Angst sind alle meine Farben

Die „German Angst“ ist ein internationales Phänomen. Die angeblich leichtentzündliche, leicht zu hysterisierende Art der Deutschen hat weltweit von sich Reden gemacht. Grund genug für den Historiker Frank Biess der Deutschen Angst jünger Geschichte eine eigene historische Studie zu widmen, führt sie doch zwei Themen, die gerade en vogue sind, zusammen: Politische Emotionsforschung und die Rückschau auf das westliche Nachkriegsdeutschland. Doch kann man die Geschichte der Bundesrepublik als eine Geschichte der Angst erzählen, ohne Gefahr zu laufen, in allem nur Angst zu erkennen? Es gibt Anlass zum Zweifel. Weiterlesen

Herfried Münklers „Der dreißigjährige Krieg“: Völker dieser Welt, schaut auf diesen Krieg

Herfried Münkler ist unzufrieden. Unzufrieden mit dem politischen Betrieb und auch unzufrieden mit der Bevölkerung. Er hat sich schon häufiger über fehlende strategische und analytische Kompetenz in der politischen Elite Deutschlands mokiert und jüngst sagte er im Interview mit dem Deutschlandradio Kultur ganz unverblümt: Das Volk ist dumm! Elite dumm, Bevölkerung dumm – da braucht es jemanden, der weiß wie es besser geht. In dieser Rolle sieht sich Herfried Münkler, nicht umsonst taufte ihn das Feuilleton „Ein-Mann-Think-Tank“. In Zeiten von verschärften weltpolitischen Konflikten kann man aber auch jeden guten Rat, den man bekommen kann, gebrauchen. Doch wie ist Münkler so viel schlauer als andere geworden? Klar, durch den Tiefenblick der Geschichtswissenschaft. Weiterlesen

100 Jahre Mutter sein: Ada Dorians „Schlick“

Von den Buddenbrooks bis zu Haratischwilis Epos „Das achte Leben“ – die Familiensaga hat Tradition und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Kaum ein anderes Genre ermöglicht es dem Leser, so tief in die literarische Fiktion einzutauchen, wie es der Familienepos vermag. Das liegt vor allem an der erzählerischen Dichte, den motivischen Details und der Ausführlichkeit, die auch und vor allem über die Länge der erzählten Zeit ein scheinbar vollständiges, ‚wirkliches‘ Bild zeichnet. Auch Ada Dorian erzählt in ihrem neuen Roman „Schlick“ von einer Familie, von zwei Müttern und einem Jahrhundert, mit einem Unterschied jedoch: In ihrer Familiengeschichte dominieren die Zäsuren und das Ungesagte.

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Lutz C. Klevemans „Lemberg“: Das große Nichtmehr

Wenn im Jahr 2014 auf der Krim nicht ein zweifelhaftes Referendum über den Anschluss an Russland durchgeführt worden wäre, die Ukraine würde weiterhin in der Aufmerksamkeitsperipherie Europas schlummern. Das Einzige, was man von der einstigen Sowjetrepublik in Deutschland mitbekam, waren die endlosen politischen Querelen an der ukrainischen Staatsführung und dass jeweils der eine dem anderen den Gashahn abdrehte. Doch mit dem Eingreifen Russlands war das Land am Schwarzen Meer wieder im Zentrum der politischen Auseinandersetzung – bis zur Flüchtlingskrise. Das kulturelle Desinteresse an der Region stand schon immer im Gegensatz zum territorialen Gierblick der Großmächte. Denn das Gebiet, das heute Ukraine heißt, hatte schon viele Namen. Dieses Schicksal teilt auch eine der größten Städte des Landes, Lwiw, das einst Lemberg hieß. Weiterlesen