Schlagwort: Gesellschaftsroman

Delphine de Vigans „Loyalitäten“: Wer vom Ich sprechen kann

Die französische Schriftstellerin Delphine de Vigan ist mit Romanen bekannt geworden, die gemeinhin als autobiografisch gelten: Von „Das Lächeln meiner Mutter“ bis zu ihrem verfilmten Bestseller „Nach einer wahren Geschichte“ – ihre Romane tangieren durch die Parallelen zwischen ihrem Lebenslauf und denen ihrer Figuren immer auch den Authentizitätsdiskurs der Gegenwartsliteratur. Als Frau ist sie dabei neben ihren männlichen Kollegen Knausgård, Glavinic oder Meyerhoff die Ausnahme und beinahe die einzige Autorin, die über authentisches Erzählen mit explizit weiblicher Erzählstimme nachdenkt. In ihrem neuen Roman „Loyalitäten“ nimmt de Vigan gleich vier Erzählperspektiven ein. Weiterlesen

Virginie Despentes‘ „Das Leben des Vernon Subutex 2“: Der Gegenwart zu nah auf die Pelle gerückt

Aufmerksamkeit kriegt heute der, der als ein Versteher gilt. Wenn man jemanden schmähen will, nennt man ihn Putinversteher. Wenn man jemand auszeichnen will, ist er ein Gegenwartsversteher. Die meisten Gegenwartsversteher scheinen momentan aus Frankreich zu kommen. Der erste große Gegenwartsversteher der jüngeren Jahre war vermutlich Didier Eribon. Mit seiner autobiographischen Herkunftserkundung traf er einen Nerv – nicht nur weil er das unstillbare zeitgenössische Verlangen nach authentischem Sprechen befriedigte, sondern auch weil er – folgt man der Rezeption – ein Erklärungsmuster für das Phänomen lieferte, dass sich der einfache Franzose von der Linken abwendete, um in den Armen des Front Nationals zu landen. Doch da der Mensch des 21. Jahrhunderts dem Gemeinplatz entsprechend in einer so schnellen und unübersichtlichen Gegenwart lebt, braucht es freilich auch immer neue Versteher. So hat das hiesige Feuilleton Virginie Despentes für sich entdeckt, aus deren „Vernon Subutex“-Reihe nun der zweite Band in deutscher Übersetzung erschienen ist. Weiterlesen

Ernst Lothar: „Heim in die Fremde“

Die meisten Entdeckungen, die Verlage heutzutage machen, sind ein Versprechen an die Zukunft. Verlagsvertreter und Literaturagenten tummeln sich auf Literaturwettbewerben und um die Schreibschulen herum, um den nächsten Literaturstern nicht zu verpassen: Der Gegenwartsliteratur eine funktionierende Infrastruktur zu bieten, ist immer noch die Hauptaufgabe der Literaturverlage. Doch manchmal lohnt auch ein Blick ins Archiv, denn viel zu oft scheitern gute Texte auf dem steinigen Weg in den literarischen Kanon.  Der Fall Ernst Lothar zeigt: Manchmal gehen echte Schätze verloren, auch wenn Eva Menasse völlig recht hat, wenn sie im Nachwort des nun wiederaufgelegten Romans schreibt: „‘Der Engel mit der Posaune‘ ist kein erstklassiger Roman; das dürfte auch zu seinem Vergessen beigetragen haben.“ Weiterlesen