Schlagwort: Gewalt

Gabriel Tallents „My Absolute Darling“: Die Wildnis der Westküste

Von „Ein wenig Leben“ über „Und es schmilzt“, von „Dann schlaf auch du“ bis zum „Inzest-Tagebuch“ – zu den meist diskutierten Texten dieses Jahres gehören Bücher, die Tabus brechen und ihre Leser mit dem verhandelten Stoff und expliziten Beschreibungen von Gewalt an ihre Grenzen bringen. In den USA erschien im August mit „My Absolute Darling“ ein Romandebüt, das im deutschen Literaturbetrieb bislang wenig Beachtung findet, aber genau jenem literarischen Trend der Neuen Tabulosigkeit entspricht.

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Édouard Louis‘ „Im Herzen der Gewalt“: Verbrechen und Strafe

Die französische Soziologie und Philosophie sind sicherlich diejenigen auf dem Kontinent mit der breitesten Strahlkraft. Ihre Hochzeit hatten die französischen Theoretiker in den 60er und 70ern; nun, da die Grandseigneurs mittlerweile abgetreten sind, treten ihre Schüler aus deren Schatten. Allen voran ein gewisser Didier Eribon, der bei Pierre Bourdieu in die Lehre ging und in Frankreich schon länger als öffentlicher Intellektueller präsent ist. In Deutschland sorgte er mit dem Überraschungshit „Rückkehr nach Reims“ für Aufsehen. Gleichsam eifrig, aber hierzulande noch nicht ganz so bekannt ist Geoffroy de Lagasnerie, der sich in der Foucaultschen Tradition mit dem Wesen der Justiz und der Strafe auseinandersetzt. Und dann ist da Édouard Louis. Er ist der jüngste der drei und derjenige, der sich der Literatur zugewandt hat. 2015 kam in der deutschen Übersetzung sein Debütroman „Das Ende von Eddy“. Nun führt er mit „Im Herzen der Gewalt“ seine Auseinandersetzung mit den großen Theorielinien der französischen Soziologie weiter. Weiterlesen

Das Trauma der Provinz: Lize Spits „Und es schmilzt“

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Wer die Debütromane der letzten Jahre verfolgte, der konnte beobachten, dass junge Autoren vor allem zwei Topographien bevorzugen: Die anonyme, kalte und brutale Großstadt wie in Fatma Aydemirs „Ellbogen“ oder das periphere Dorf, meist namenlos, zuletzt in Luise Maiers Debüt „Dass wir uns haben“ und Andreas Mosters „Wir leben hier, seit wir geboren sind“. Auch die flämische Literatur hat eine Vorliebe für die Provinz. Einer der erfolgreichsten Romane der letzten Jahre ist Lize Spits Debüt „Und es schmilzt“, der von einem Sommer in einem belgischen Dorf erzählt, der für die Ich-Erzählerin alles verändern soll. Weiterlesen

Jakob Noltes „Schreckliche Gewalten“: Of Wolf and Man

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Wer einmal einen kurzen Blick über die bisher zusammengetragenen Pressestimmen zu Jakob Noltes „Schreckliche Gewalten“ wirft, dem kann ganz schwindelig werden. Der junge deutsche Autor aus der niedersächsischen Provinz muss vor Selbstbewusstsein kaum laufen können: ein junger Thomas Pynchon soll er sein, tarantinoeske Literatur schreiben, der wahnsinnigste Künstler seit David Lynch. Vergleiche in der Kritik haben immer zwei Funktionen: Sie dienen der Orientierung, machen Querverbindungen auf und sollen Kontinuitätslinien aufzeigen. Und sie dienen dem Kritiker als Beweis der eigenen Belesenheit. Dass bei Nolte der Hang zum Vergleich besonders groß ist, mag einmal daran liegen, dass er noch kein Werk vorweisen kann, aus dem heraus man den Roman erklären könnte, aber auch daran, dass „Schreckliche Gewalten“, wie viele bekundeten, mit seiner Wucht überfordert. Vielleicht ist daher der Vergleich im Fall von Jakob Nolte das größte Lob – anders kriegt man ihn nicht in den Griff. Weiterlesen

Gewachsen auf Beton: Fatma Aydemirs „Ellbogen“

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Berlin ist grau, und der Berliner Wedding ganz besonders. Spätestens seit den Boateng-Brüdern, die es „herausgeschafft“ haben, ist der Arbeiterbezirk auch deutschlandweit bekannt. Hier lebt die 17-jährige Hazal, die aus einer unmittelbaren Ich-Perspektive in Fatma Aydemirs Debütroman „Ellbogen“ vom Sommer erzählt, in dem sie ihren 18. Geburtstag feiert, bis zur Eskalation.  Weiterlesen

Gerhard Falkners „Apollokalypse“: „Georg Autenrieth, also ich“

Die Siebziger waren die liberalsten und offensten Jahre der BRD und gleichzeitig die gewalttätigsten der jüngeren deutschen Geschichte. Die größten Unruhen der Studentenrevolte waren vorüber, mit Willy Brandt und dann mit Helmut Schmidt waren nach rund dreißig Jahren CDU-Herrschaft Sozialdemokraten an den Hebeln der Macht. Außenpolitisch entspannte sich die Lage in Europa durch die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition. Die Siebziger waren aber auch Radikalenerlass, Vietnamkrieg und vor allem RAF. Auch wenn Gerhard Falkners sehr spätes Romandebüt hauptsächlich im Berlin der Achtziger und Neunziger spielt, sind diese Jahre die Keimzelle all dessen, was sich in „Apollokalypse“  vollzieht und Erklärungsmuster für den neologistischen Titel: gleich drei Seelen wohnen in Deutschlands Brust, die des Schönen, die des Verführerischen und die der Zerstörung. Weiterlesen

Heinz Strunk: Die Nacht der lebenden-toten Scheißhausexistenzen

Karl Marx schrieb im „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“: „Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Man kann über die Richtigkeit dieses Schemas streiten, aber im Fall Franz Honka trifft es einen wunden Punkt. Bei dem Serienmörder, der im Hamburg der Siebziger sein Unwesen trieb, wiederholte sich Geschichte als grausame Farce. Im Lebensweg dieser gequält-quälenden Gestalt bildete sich der ganze Horror des 20. Jahrhunderts ab und schließlich verbreitete er selbst Angst und Schrecken: er ging in die Geschichte als Mörder vierer Frauen ein. Dieser Geschichte widmet sich nun Heinz Strunk in seinem neuen Roman „Der goldene Handschuh“ – ein kluger Text, der nie Verständnis anbieten möchte, aber um Erkenntnis ringt. Weiterlesen

„Die kleinste Einheit ist der Schlag“: Katharina Winklers „Blauschmuck“

„Beruhend auf einer wahren Geschichte“: diese Bemerkung wird derzeit zahlreichen Filmen und Texten rechtfertigend – oder als Versprechen? – zur Seite gestellt. Viele aktuelle Kinotrailer eröffnen oder schließen mit diesem Satz, er ist Ausdruck eines Authentizitäts- oder Wirklichkeitsanspruches, der in narrativen Medien en vouge zu sein scheint. Auch Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“ wird der Satz „Nach einer wahren Lebensgeschichte“ vorangestellt, auch dieses Buch wird vom Verlag mit seinem Wirklichkeitsanspruch beworben. In diesem Fall ist die Vorbemerkung jedoch gerechtfertigt, da die Geschichte der jungen Türkin Filiz, die der Roman erzählt, für jeden Leser schier unglaublich scheint und mahnend über den Text hinaus wirkt. Weiterlesen