Schlagwort: Golem

Olaf Trunschkes „Die Kinetik der Lügen“: Genfer Grusel

Ist Genf das eigentliche Zentrum des Unheimlichen? Vor ziemlich genau zweihundert Jahren machte Mary Shelley eine Reise an den Genfer See und bekam dort die Idee für einen Roman, der das Genre des Horrors wie kaum ein anderer entscheidend beeinflussen sollte: „Frankenstein oder der moderne Prometheus“. Auch Shelleys Protagonist Dr. Victor Frankenstein wuchs in Genf auf. Und heute steht in der Nähe von Genf das europäische Forschungszentrum CERN, das vor allem für seinen riesigen Teilchenbeschleuniger bekannt ist – eine Anlage, in der Teilchen mit immenser Geschwindigkeit aufeinanderprallen und deren Imposanz die Fantasie der Nostradamusse beflügelt, die dort den kommenden Weltuntergang entstehen sehen. Olaf Trunschke nähert sich diesem unheimlichen Ort in seinem Debüt „Die Kinetik der Lügen“ und zieht eine Linie durch die Jahrhunderte: was hat das aus Leichenteilen bestehende Monster mit unserer Gegenwart zu tun? Und können Romane zu Monstern für ihre Erschaffer werden? Weiterlesen

Der GOLEM kommt! Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin

Der Golem ist die wahrscheinlich bekannteste jüdische Legendenfigur. Selbst wer die populären Verarbeitungen des Golem-Mythos aus dem frühen 20. Jahrhundert – Gustav Meyrinks Roman „Der Golem“, der zwischen 1913 und 1914 als Fortsetzungsroman erschien und die drei Golem Stummfilme von Paul Wegener von 1914, 1917 und 1920 – nicht kennt, ist zumindest mit dem Motiv oder den modernen Adaptionen vertraut: Sie sind Teil des Pokémon- oder des Marvel-Universums, seine Attribute sind in diversen modernen Filmfiguren enthalten. Das Jüdische Museum Berlin hat dem Golem nun eine großartige, differenziert-durchdachte und abwechselungsreiche Ausstellung gewidmet, die sich dem literarischen Mythos, seinen diversen Bearbeitungen und den zeitgenössischen Adaptionen widmet. Weiterlesen

Gustav Meyrinks „Walpurgisnacht“: Der Tod ist im Haus

Das Bild des alten kakanischen Habsburgerreichs ist voller Nostalgie und Verklärung. Dabei werden vor allem zwei Städte der sentimentalen Rückschau unterzogen: Wien und Prag. Während in Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“ oder Joseph Roths „Radetzkymarsch“ das prunkvolle und liberale Zentrum der Donau-Monarchie noch einmal kurz aufscheint, findet man das alte Prag bei den Prager Kreislern um Max Brodt und Autoren wie Leo Perutz oder Gustav Meyrink. Anders als die Wien-Nostalgie ist das Gedenken an ein untergegangenes Prag von Schatten überzogen: die Stadt an der Moldau war viel stärker als Wien von seinen mittelalterlichen Strukturen geprägt, was bis heute sichtbar ist. Mit seinem aus der Zeit gefallenen Antlitz haben sich die vielen Sagen und Mythen um die Stadt erhalten, Prag ist sozusagen die dunkle Kehrseite des hellen Wiens. Von der dunklen Seite des Mondes erzählt auch Gustav Meyrinks „Walpurgisnacht“, das zu Unrecht hinter dem allseits bekannten „Golem“ im Vergessenen liegt. Weiterlesen

Benjamin Steins „Das Alphabet des Rabbi Löw“: Die Magie der Buchstaben

Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur wird dominiert von realistischen Prosatexten mit starkem Wirklichkeitsbezug. Das Name-Dropping bekannter Orte, Namen oder Marken wird im monumentalen BRD-Roman von Frank Witzel oder Richters „89/90“ zelebriert, unnütze Details erzeugen einen Wirklichkeitseffekt in der Literatur, der möglichst genau eine Realität abbilden möchte, die unserer eigenen möglichst nahe kommt. Immer seltener finden sich sich fantastische oder mystische Elemente, Übernatürliches wird meist als Trivialliteratur verpöhnt.
Benjamin Stein ist mit seinem Roman „Das Alphabet des Rabbi Löw“, der neuaufgelegten Bearbeitung seines bereits 1995 erschienenen Debütromans, ein bemerkenswerter Text gelungen, der sich gegen Wirklichkeitsbezüge und für das Mystische entscheidet. Weiterlesen