Schlagwort: Großstadt

Leander Steinkopfs „Stadt der Feen und Wünsche“: Irgendwie auch uncool

Vermutlich hat keine Nation, zumindest keine europäische, ein derart neurotisches Verhältnis zu seiner Hauptstadt wie Deutschland. Diejenigen, die nicht dort wohnen, zeigen sich genervt vom Berliner Selbstverständnis, sich als Nabel der Welt zu verstehen, Berliner hingegen sind vor allem von Berlinern genervt und werden dadurch getrennt, dass sich die eine Hälfte in einer naiven Berlinbegeisterung ergeht, während die anderen peinlich genau darauf achtet, besonders abgeklärt zu sein. Weil Berlin für irgendjemanden immer eine Qual zu sein scheint, häufen sich die Tiraden, die gegen diese Stadt geschrieben werden. In den Chor der Misstöne reiht sich nun Leander Steinkopf mit seiner Erzählung „Stadt der Wünsche“ ein. Weiterlesen

Thorsten Nagelschmidts: „Der Abfall der Herzen“: Monoton, trist-romantisch, irgendwie urban

Jeder möchte von sich glauben, sein eigener Lebensweg wäre etwas ganz besonderes, würde auf unbefahrenen Bahnen verlaufen, gleicht keinem anderen. Gleichzeitig gibt es wohl in jeder Generation Konstanten, die sich immer wiederholen. Früher waren das vielleicht mal kirchliche Initiationsriten wie die Kommunion/Konfirmation und der Wehrdienst. Und heute? Zwar trügt das Gefühl der Berliner Glasglocke, mittlerweile wohne eigentlich jeder in Berlin, trotzdem begegnet einem an jeder Ecke der Satz: „Ich zieh nach Berlin.“ Daran ist nun erst mal nichts verwerfliches, doch was macht das mit den Orten, die man zurücklässt? Und was sagt das über eine Stadt aus, die ja gerade das Versprechen birgt, Individualität frei ausleben zu können? Thorsten Nagelschmidt, ehemaliges Bandmitglied der Muff Potters, zieht literarische Linien durch seinen Lebensweg, der auch ein vorläufiges Ende in Berlin nimmt. Weiterlesen

Kaffee statt Kokain: Julia Zanges „Realitätsgewitter“

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Julia Zange ist viel beschäftigt: Sie spielt gerade ihre erste Hauptrolle im Film „Mein Bruder Robert“, der 2017 in die Kinos kommen soll und hat ganz nebenbei ihren neuen Roman „Realitätsgewitter“ vorgelegt, der nicht wie der Vorläufer „Die Anstalt der besseren Mädchen“ im Suhrkamp Verlag, sondern bei Aufbau erschienen ist. Auf dem Buchumschlag verkündet Maxim Biller: „Das kann nur Julia Zange: Alle zehn Jahre ein Buch schreiben, das man nicht mehr vergisst!“. Es mutet ironisch an, dass nun eben jenes Buch von Zange ein Schicksal zu ereilen droht, zu dem Biller mit seinem Roman „Esra“ den Präzedenzfall lieferte: angeblich haben Zanges Eltern eine einstweilige Verfügung gegen den Roman eingereicht [mehr hier], weil sie sich wiedererkannt haben wollen. Ist der Titel des Romans also Programm? Weiterlesen

Karl Schefflers Berlin: Aufs falsche Pferd gesetzt

Berlin verändert nicht nur sich selbst, Berlin verändert auch das Gesicht der Bundesrepublik. Anstelle des verschlafenen, aber sympathischen Provinznestes Bonn ist die Millionenstadt Berlin getreten und das hatte Folgen: Mit magnetischer Wirkung zog die neue Hauptstadt politische Spieler, kulturelle Einrichtungen und Wirtschaftsunternehmen an und beendete damit eine jahrzehntelang bestehende föderale Ordnung Deutschlands, die sich nicht nur auf das Politische beschränkte. Das Berlin unserer Tage ist längst nicht mehr nur die unschuldige Partyspielwiese junger Schweden und Spanier, sondern ein Ort, an dem kulturelle und politische Macht kulminiert. Es lohnt daher unbedingt, über diese Stadt und was sie mit dem Rest Deutschlands anstellt, Überlegungen anzustellen. Florian Illies, Feuilletonist und Autor des Verkaufserfolgs „1913“, hat sich für dieses Vorhaben etwas ausgedacht: Er hat Karl Schefflers „Berlin – ein Stadtschicksal“ wieder ausgegraben, um zu zeigen, wie scharf die Kritikerklinge Schefflers auch nach hundert Jahren noch ist und wie Berlin immer noch an denselben Problemen laboriert. Doch leider hat er es versäumt, Scheffler genau zu lesen. Weiterlesen