Schlagwort: Gruppe 47

Werner Schmidts „Peter Weiss“: Zwischen den Blöcken zerrieben

Der Schriftsteller Peter Weiss hat sich Zeit seines Lebens jeder Zugehörigkeit verwehrt. Er war Deutscher und Schwede, Sozialist, aber kein Realsozialist, Teil des deutschen Literaturbetriebs und trotzdem Randständiger. Der Widerspruch war als dialektisch geschulter Mensch Teil seiner Existenz, seine Existenz war selbst widersprüchlich. Sein Vater war Jude, hat aber aus dem Judentum nie ein großes Thema gemacht, was bis zur Selbstverleugnung ging. Dass das Jüdische dennoch Teil von Peter Weiss war, musste dieser wie so viele während des Zweiten Weltkriegs erfahren. Diesen hat Peter Weiss hauptsächlich im schwedischen Exil verbracht, das zu seiner Heimat werden sollte. Nach dem Krieg wurde er zu einem glühenden Verfechter eines menschlichen Sozialismus – ein Kampf, den Werner Schmidt nun rekonstruiert hat. Weiterlesen

„Böhmisch klingt es.“ Höller/Larcati: „Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag“

Bachmanns Winterreise nach Prag

Der Mythos Ingeborg Bachmann ist ungebrochen. Der 1926 in Kärnten geborenen Schriftstellerin, die als Lyrikerin nach ihrem legendären Auftritt bei einem Treffen der Gruppe 47 im Sommer 1952 einen kometenhaften Aufstieg feierte, bis sie nach nur zwei Gedichtbänden der Lyrik abschwor und sich der Prosa zuwandte, wird sowohl in der literaturwissenschaftlichen Forschung als auch in der breiten Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit zuteil. Auch ihre beiden Verlage – Piper und Suhrkamp – würdigen das Werk der Österreicherin mit einer großen, auf dreißig Bände ausgelegten Werkausgabe, dessen ersten beiden Bände im kommenden Februar erscheinen werden. Hans Höller und Arturo Larcati, zwei namenhafte Bachmann-Forscher, haben dies zum Anlass genommen, um mit „Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag“ einen Band zur späten Lyrik der Autorin vorzulegen. Weiterlesen

Kein Neuanfang nach ’45: Christian Adams „Der Traum vom Jahre Null“

Im Sommer 1945 liegt Deutschland in Trümmern: Der Krieg ist verloren, der NS-Staat zusammengebrochen, der Bevölkerung fehlt es am Nötigsten. Die einzige Hoffnung für viele Menschen: Im Ende des Alten sehen sie eine Chance auf einen Neuanfang, einen radikalen Umbruch, eine ‚Stunde Null‘. Die Entnazifizierungsverfahren der Alliierten scheinen ihnen auf den ersten Blick Recht zu geben. Die alten Eliten werden aus ihren leitenden Positionen entlassen und müssen Rechenschaft ablegen. Doch gab es diesen Neuanfang nach 1945 wirklich? In seiner Studie „Der Traum vom Jahre Null“ befasst sich Christian Adam mit dem deutschen Literaturbetrieb nach 1945, den Lesegewohnheiten der Deutschen, dem Umgang der Literatur mit dem Krieg und dem Personal des Literaturbetriebs und stellt fest: Der Traum von der Stunde Null ist nur ein Mythos. Weiterlesen

Jörg Magenaus „Princeton 66“: Ein Käfig voller Narren

Für die Gruppe 47 war der Besuch in Princeton der Auftritt auf der ganz großen Bühne, bevor sie ein Jahr später ein unrühmliches Ende finden sollte. 1967 in Waidenfeld wollte die sozialistisch-aufgepeitschte Jugend von ihnen nichts mehr wissen und trieb sie mit ihren „Dichter, Dichter“-Rufen in ihrem Hotel, der Pulvermühle, zusammen. Das mussten sie ein Jahr zuvor nicht fürchten. Die amerikanischen Studenten waren damit beschäftigt, den eigenen Staat für den Vietnam-Krieg anzuklagen. Dieses Princeton-Treffen im Jahr 1966 war vieles: ein letztes Aufbäumen einer literarischen Nicht-Gruppe, die die Nachkriegszeit dominiert hat, ein heftiger Kampf über die Frage, wie es die Versammelten mit der Literatur und der Politik hielten und die Geburtsstunde einer öffentlichen Figur namens Peter Handke, der ein eigentümlicher Revolutionär war. Mit Jörg Magenaus „Princeton 66“ ist nun endlich ein Text erschienen, der all diese Diskussionen, Episoden und Szenen in einem furiosen Buch zusammenführt, das zu dem besten gehört, was auf dem Feld des Sachbuchs in letzter Zeit erschienen ist. Weiterlesen

Guntram Vespers „Frohburg“: Ein literarischer Messie

Frohburg ist eine sächsische Kleinstadt, sie verfügt über rund 10.000 Einwohner, ist Teil des Landkreises Leipzig und liegt an der Grenze zu Thüringen. Otto Nuschke, der Vorsitzende der DDR-CDU, ist in Frohburg geboren, Frauke Petry soll auch mal dort gewohnt haben. Normalerweise wäre das das einzige, was der durchschnittliche Deutsche sich gerade noch von dem sächsischen Örtchen merken würde, wäre da nicht am 17. März 2016 etwas Eigentümliches geschehen: Der in Vergessenheit geratene Guntram Vesper war mit einem Ziegelstein von Buch nach Leipzig gekommen, für den ganz großen Wurf. Mit dem Gewinn des Preises der Leipziger Buchmesse stand der fünfundsiebzigjährige Schriftsteller plötzlich im Rampenlicht und mit ihm seine Heimatstadt Frohburg. In der Begründung der Jury heißt es über Vespers Roman: „Die Sätze in diesem Buch sind lang, oft bringen sie gleich mehrere Perspektiven zusammen, und sie sind stets konkret, geatmet, nah dran an der Mündlichkeit.“ Lang sind die Sätze tatsächlich, genauso wie der Roman ein langer ist. Ein furchtbar langer Roman, bei dem die Zeit noch viel länger wird. Weiterlesen

Ernst Augustin: „Der Kopf“ ist eine Schachtel

Wer es zugespitzt mag, könnte sagen: Peter Handke hat Ernst Augustin verhindert. Viele werden fragen: Ernst Augustin? Der deutschsprachige Autor schien lange unter dem Radar zu fliegen – so lange, dass sich in der Kritik das Wort vom „ewigen Geheimtipp“ verfestigt hatte – bis er es mit seinem Roman „Robinsons blaues Haus“ 2012 unerwartet erst auf die Long-, dann auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis schaffte. Augustins halbschattige Existenz im Literaturbetrieb hat sicherlich viele Gründe, doch eine Spur führt zur Tagung der Gruppe 47 in Princeton. Im April 1966 war die Stunde eines jungen Österreichers gekommen: Die einst so wirkmächtige und richtungsweisende Gruppe 47 hatte sich zu einer ihrer letzten Treffen als Delegation zusammengefunden, um an der Universität Princeton zu tagen. Aus der einstigen Avantgarde waren mittlerweile etablierte, erfolgreiche Autoren geworden. Nun gehörten die Schriftsteller Walser, Enzensberger, Grass etc. selbst zum Establishment und den gängigen Mechanismen entsprechend, scharte die jüngere Generation nun mit den Hufen, die alten Herren vom Thron zu stoßen. Weiterlesen

Wie alles begann. Joseph McVeigh: „Ingeborg Bachmanns Wien“

Ingeborg Bachmann gehört seit Jahren zu den Lieblingsautorinnen der deutschsprachigen Literaturwissenschaft. Zu kaum einer anderen Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts gibt es eine vergleichbare Masse an Forschungsliteratur, biografischen Betrachtungen und interdisziplinären Studien, obwohl das zu Lebzeiten veröffentlichte Werk mit zwei Lyrikbänden, ein dutzend weiterer Gedichte, zwei Erzählbänden und einem Roman nicht besonders umfangreich ist. Die Forschungslust liegt nicht zuletzt darin begründet, dass aufgrund von Bachmanns „Nachlassangst“ und Diskretionsbedürfnis wenig über die Umstände der Entstehung des Werks bekannt war. Die langsame Öffnung des Nachlasses ermöglichte in den letzten zwanzig Jahren neue Erkenntnisse. Joseph McVeigh widmet sich in „Ingeborg Bachmanns Wien“ den frühen Jahren der Schriftstellerin und bedient sich dazu aus neuen, bisher wenig beachteten Quellen. Weiterlesen