Schlagwort: Hanser Verlag

Heimat Babylon: Aura Xilonens „Gringo Champ“

Die soziokulturellen Konzepte von Heimat und Leitkultur scheinen überholt. Zu konformistisch, zu konservativ kommen die Begriffe daher, haben in den letzten Monaten einen faden, völkischen Beigeschmack entwickelt. Unlängst erschienene und viel diskutierte Bücher wie Max Czolleks „Desintegriert euch!“ oder der Sammelband „Eure Heimat ist unser Albtraum“, der gleich nach dem Erscheinen vergriffen war, zeugen davon. Was literarisch erwachsen kann, zeigt ausgerechnet eine junge Mexikanerin in ihrem Debütroman, der nun in einer sensationellen deutschsprachigen Übersetzung von Susanne Lange bei Hanser erschienen ist. Weiterlesen

Thomas Lehrs „Schlafende Sonne“: Größenwahn und nackte Angst

Wer heute das Märkische Museum in Berlin besucht, dem präsentiert sich ein ganzer Gemischtwarenladen an Ausstellungsstücken. Das Stadtmuseum erinnert noch an Zeiten, als das Museum kein didaktisch durchgestylter Wissensvermittlungsort war, sondern auch immer Kuriositätenkabinett. Einer dieser Kuriositäten, die sich dem Besucher dort eröffnen, ist ein originales Kaiserpanorama – ein Beispiel für die neue Sucht am Sehen der Jahrhundertwende. Mit der Fotographie kam eine Vorstellung des realistischen Sehens auf, Dinge waren plötzlich abbildbar, bei denen die Malerei sich vorher nur annähern konnte. Damit verbunden war auch die Idee eines bruchlosen Sehens. Die Leute wollten getäuscht werden und nicht von einem Bilderrahmen darauf aufmerksam gemacht werden, es mit einem Bildausschnitt zu tun zu haben. Das Bild sollte in seiner Totalität erkennbar sein, möglichst realitätsnah. Irgendwann war zwar die Zeit des Panoramas auch wieder vorbei, spätestens mit dem Film, doch mit „Schlafende Sonne“ holt Thomas Lehr es noch einmal ins 21. Jahrhundert. Weiterlesen

Gewachsen auf Beton: Fatma Aydemirs „Ellbogen“

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Berlin ist grau, und der Berliner Wedding ganz besonders. Spätestens seit den Boateng-Brüdern, die es „herausgeschafft“ haben, ist der Arbeiterbezirk auch deutschlandweit bekannt. Hier lebt die 17-jährige Hazal, die aus einer unmittelbaren Ich-Perspektive in Fatma Aydemirs Debütroman „Ellbogen“ vom Sommer erzählt, in dem sie ihren 18. Geburtstag feiert, bis zur Eskalation.  Weiterlesen

Darf’s noch ein bisschen mehr sein? Hanya Yanagiharas „Ein wenig Leben“

Neben Elena Ferrantes neapolitanischer Saga hat wohl kaum ein Roman in den USA in den letzten Jahren einen so großen medialen Hype ausgelöst wie „A little life“, der zweite Roman der amerikanischen Schriftstellerin Hanya Yanagihara. Beide Werke teilen die epische Länge – bei Ferrante zweitausend Seiten, immerhin auf vier Bände verteilt, im Fall von „A little Life“ knapp tausend Seiten am Stück – und in gewisser Weise auch die Thematik: Es sind die Geschichten lebenslanger Freundschaften. Während der eine Roman die Geschichte zweier Frauen aus dem italienischen Rione von ihrer Kindheit in den fünfziger Jahren an bis in die Gegenwart rekonstruiert, erzählt „A little life“ von vier Männern, die sich zu Collegezeiten in New York kennenlernen und ihr Leben lang verbunden bleiben. Nun ist „Ein wenig Leben“ in deutscher Übersetzung von Stephan Kleiner erschienen. Schwappt der Hype aus den USA rüber?

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Tilman Rammstedts „Morgen mehr“: Der Til Schweiger-Film unter den Romanen

Manche Bücher waren nie dafür geschaffen, Bücher zu werden. Dazu gehört sicherlich Wolfgang Herrndorfs „Arbeit und Struktur“, das in Buchform immer noch ein erschütternder Text ist, aber dessen Form als Blog den langsamen Verfall eines Autors und dann das Verstummen ganz unmittelbar erfahrbar gemacht hat. Auf den nächsten Blogeintrag zu warten, der dann nicht kommt, schafft eine andere Wirkung als den letzten, erwartbaren Absatz eines Buches zu lesen und jenes dann zuzuschlagen. Die Entscheidung, „Arbeit und Struktur“ dann doch handelsüblich zu veröffentlichen, ist ein Symptom dafür, dass unsere Buchkultur noch keine Werkzeuge dafür gefunden hat, mit derlei Textformen umzugehen. Ein weniger dramatischer Fall ist Tilman Rammstedts „Morgen mehr“. Dieser war zuerst als Fortsetzungsroman im Internet zugänglich, Abonnenten konnten nicht nur lesen, sondern auch kommentieren, diskutieren. Die Form des Fortsetzungsromans ist keine neue und in den meisten Fällen sind jene auch irgendwann als kompletter Text erschienen. „Morgen mehr“, unlängst bei Hanser erschienen, hätte jedoch lieber dort bleiben sollen, wo es herkommt. Denn dieser Roman ist ein Event, um das sich eine Community scharen kann, aber keine gute Literatur. Weiterlesen

Träumst du noch oder lebst du schon? Gaito Gasdanows „Die Rückkehr des Buddha“

Viel Kafka und ein bisschen Bulgakow – das ist „Die Rückkehr des Buddha“ von Gaito Gasdanow. Der Text wurde erstmalig als zweiteiliger Fortsetzungsroman in der russischen Exil-Literaturzeitschrift „The New Review“ in New York zwischen 1949 und 1950 veröffentlicht. Der Hanser Verlag, der bereits 2012 Gasdanows bekannteren Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ herausgab, hat den Roman erneut zugänglich gemacht und trägt damit maßgeblich zur Wiederentdeckung von Gasdanows Werk im deutschsprachigen Raum bei. Weiterlesen