Schlagwort: Heimat

Heimat Babylon: Aura Xilonens „Gringo Champ“

Die soziokulturellen Konzepte von Heimat und Leitkultur scheinen überholt. Zu konformistisch, zu konservativ kommen die Begriffe daher, haben in den letzten Monaten einen faden, völkischen Beigeschmack entwickelt. Unlängst erschienene und viel diskutierte Bücher wie Max Czolleks „Desintegriert euch!“ oder der Sammelband „Eure Heimat ist unser Albtraum“, der gleich nach dem Erscheinen vergriffen war, zeugen davon. Was literarisch erwachsen kann, zeigt ausgerechnet eine junge Mexikanerin in ihrem Debütroman, der nun in einer sensationellen deutschsprachigen Übersetzung von Susanne Lange bei Hanser erschienen ist. Weiterlesen

Im tiefen, dunklen Wald: Jovana Reisingers „Still halten“

Er ist der ultimative Sehnsuchtsort der Deutschen: der Wald. Spätestens seit der Romantik und den Grimmschen Märchen weiß jedes Kind, das im Dickicht Gefahren in Form von bösen Wölfen und noch böseren Hexen lauern. Gleichzeitig aber ist dieses Archaische, dieses Gegenbild zur vom Menschen geprägten, kultivierten Landschaft zum überhöhten Ideal geworden, das bei der Reichsgründung 1871, so zeigt sich am Hermannsschlacht-Denkmal im Teutoburger Wald, zum Symbol nationaler Identität erklärt wurde, das die Nazis dankend für ihre Propaganda nutzten. In Jovana Reisingers literarischem Debüt ist der Wald nicht Sehnsuchtsort, sondern gefürchteter Schreckensraum. Dennoch läuft der Roman zielstrebig auf eben jenen zu. In „Still halten“ erobert die Natur die Topographie zurück. Weiterlesen

F.C. Delius: Deutschlands komplizierter Beziehungsstatus

Kann man zweihundert Jahre als Liebesgeschichte erzählen? Man kann es zumindest versuchen. F. C. Delius begibt sich für seinen neusten Roman „Liebesgeschichtenerzählerin“ knietief in die deutsche Historie und zieht den Rahmen von den napoleonischen Kriegen bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Gleich drei Liebesgeschichten legt der Autor übereinander und möchte dabei zeigen, wie sich Menschheitsgeschichte immer auch als Liebesgeschichte vollzieht. Doch der eigentliche Fokus liegt auf einer vierten Beziehung, die spätestens im 20. Jahrhundert bitterlich enttäuscht werden wird: „Liebesgeschichtenerzählerin“ ist ein Roman über den Verlust der geographischen und geistigen Heimat. Das ist leider so pathetisch wie es klingt. Weiterlesen

Zwischen Exil und Heimat: Shida Bazyars „Nachts ist es leise in Teheran“

Shida Bazyar ist in ihrem Debütroman etwas Besonderes gelungen: Sie erzählt einerseits eine Flüchtlingsgeschichte, die ihren Text – wie es auch der Buchumschlag stolz verkündet – „hochaktuell“ macht, andererseits ist „Nachts ist es leise in Teheran“ aber nicht nur Flüchtlingsgeschichte, sondern ein Generationen- und ein gesellschaftspolitischer Epochenroman. Aus den verschiedenen Ich-Perspektiven der Mitglieder einer iranischen Familie, die aufgrund von politischer Verfolgung in den 1980er Jahren ins deutsche Exil flieht, erzählt Bazyars Roman vom Bedürfnis nach Freiheit, von der Sehnsucht nach der Heimat, davon, wie es ist, in der Fremde zu leben, und davon, wie es ist, nach Hause zu kommen. Weiterlesen