Schlagwort: Heimito von Doderer

Eva Menasses „Tiere für Fortgeschrittene“: Die Literatur ist eine demente Frau

Wenn Eva Menasse nicht mit ihrem eigenen Werk in Erscheinung tritt, fällt sie vor allem als Botschafterin Heimito von Doderers auf, als dessen Expertin sie den Autor auch weit über die Grenzen Österreichs im kulturellen Gedächtnis hält. Wer bei Doderer in die Schule geht, hat ein Verständnis für das Formprinzip von Literatur. Kein literarischer Technokrat, aber ein verspielter Autor war er, der das Schreiben auch immer als Experiment verstand. Eva Menasse teilt diese Lust am literarischen Spiel, deren neuestes Ergebnis der Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ ist und wieder einmal beweist, wie unterschätzt die Gattung ist. Weiterlesen

Klaus Nüchterns „Kontintent Doderer“: Ein verspäteter Autor

Mit „Ein Jahr mit Thomas Bernhard“ ist Karl Ignatz Hennetmairs ein wahrer Husarenstreich gelungen. Ein Jahr machte sich Bernhards enger Freund jeden Abend Notizen über den Tag, den er mit Österreichs begabtesten Grantlers verbrachte. Das mag ethisch zwar zweifelhaft sein, denn Bernhard sagte er davon nichts, doch es ist der Grund, wieso der Nachwelt eine ganz besonders aufschlussreiche Anekdote überliefert ist: Hennetmair und Bernhard sitzen im Jahr 1966 vor dem Fernseher und schauen die Nachrichten. Plötzlich springt Bernhard auf, klatscht in die Hände und ruft: „Jetzt ist die Bahn frei, jetzt komm ich.“ Grund seiner Freude war makabererweise der Tod Heimito von Doderers. So viele diese kleine Szene über Bernhard verraten mag, noch viel mehr offenbart sie über die österreichische Nachkriegsliteratur. Denn tatsächlich schien bis zu seinem Tod kein Weg an Doderer vorbeizuführen – er war der letzte übriggebliebene Großschriftsteller der Vorkriegszeit. Damit es soweit kommen konnte, brauchte Doderer mehr Glück als er vielleicht verdiente, der deutschsprachigen Literatur wären sonst jedoch brillante Texte entgangen. Heimito von Doderers Werk ist ausufernd, weswegen die Bezeichnung „Kontinent“ keinesfalls übertrieben scheint. Diesen Kontinent entdeckt Klaus Nüchtern, der an die Bernhard-Anekdote erinnert, in seinem neuen Buch für den Leser neu. Weiterlesen

Heimito von Doderer: Der Autor hat Spaß

Wer sich in die Prosa Heimito von Doderers begibt, muss viele Treppen steigen. Seiner Obsession hat er 1951 ein Denkmal gesetzt: „Die Strudlhofstiege“ ist sein bekanntestes Werk – ein monumentales Panorama des Zwischenkriegs-Wien, ein manisches Figurengewirr, das ähnlich wie die bekannte Stiege im Wiener Alsergrund aufzeigt, wie Geschichte und Geschichten verzweigt verlaufen. Für seinen letzten, zu Lebzeiten veröffentlichten Roman „Die Wasserfälle von Slunj“ kehrte er noch einmal zu den Treppen zurück, dieses Mal in Form der kroatischen Wasserläufe. Auch in diesem Text geht es um die österreichische Gesellschaft, mit der es, ganz wie bei den Wasserfällen, bergab geht. Doch noch viel mehr ist der Roman ein großer Abenteuerspielplatz für einen Autor, der viel Spaß daran hat, den Leser hinter die Fichte zu führen. Weiterlesen