Schlagwort: Holocaust

Die Topographie der Heimatlosigkeit: Jana Hensels „Keinland“

Vor gut zwei Monaten führte der Streit um die ARD-Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ zu einem Aufflammen der Debatte um den auch hierzulande erstarkenden Antisemitismus. Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur der vergangenen Jahre hat sich immer wieder mit dem Thema ‚Alltags’-Antisemitismus, der oft in einer ‚Das wird man doch wohl wieder sagen dürfen’-Manier daherkommt, auseinandergesetzt. Ein literarisches Beispiel ist Mirna Funks großartiger Debütroman „Winternähe“ (2015), in dem sich die Protagonistin Lola vor lauter Antisemitismus schließlich nach Tel Aviv absetzt. Auch in Jana Hensels Debüt „Keinland“ steht das deutsch-jüdische Verhältnis im Zentrum: ein „Liebesroman“ ohne Happy End. Weiterlesen

Zwischen Brooklyn und Berlin: Deborah Feldmans „Überbitten“

Als „Unorthodox“ im vergangenen Jahr im Secession Verlag erschien, konnte Feldman auch hierzulande, wo sie mittlerweile lebt, eine große Leserschaft und die Kritik mit ihrem Bericht über die Kindheit, Jugend und den Ausstieg aus der ultraorthodoxen, chassidischen Satmar-Gemeinde begeistern. Seitdem ist sie als regelmäßiger Gast in Fernsehtalkshows zu sehen. Wer wissen will, was alles zwischen der Abkehr von ihrer Gemeinde im Jahr 2010 und dem Auftritt bei Markus Lanz passierte, kann nun in Feldmans neuem Buch „Überbitten“ nachlesen, was es bedeutet, alles hinter sich zu lassen und sich selbst zu finden. Weiterlesen

Werner Schmidts „Peter Weiss“: Zwischen den Blöcken zerrieben

Der Schriftsteller Peter Weiss hat sich Zeit seines Lebens jeder Zugehörigkeit verwehrt. Er war Deutscher und Schwede, Sozialist, aber kein Realsozialist, Teil des deutschen Literaturbetriebs und trotzdem Randständiger. Der Widerspruch war als dialektisch geschulter Mensch Teil seiner Existenz, seine Existenz war selbst widersprüchlich. Sein Vater war Jude, hat aber aus dem Judentum nie ein großes Thema gemacht, was bis zur Selbstverleugnung ging. Dass das Jüdische dennoch Teil von Peter Weiss war, musste dieser wie so viele während des Zweiten Weltkriegs erfahren. Diesen hat Peter Weiss hauptsächlich im schwedischen Exil verbracht, das zu seiner Heimat werden sollte. Nach dem Krieg wurde er zu einem glühenden Verfechter eines menschlichen Sozialismus – ein Kampf, den Werner Schmidt nun rekonstruiert hat. Weiterlesen

Eine Festung im Krieg: Franziska Greisings „Am Leben“

Ein Schloss in Südfrankreich am Fuße der Pyrenäen aus dem frühen 16. Jahrhundert, kleine Türme überragen die massive Anlage, die von Außen mit seinen Zinnen und dem Eingangstor wie eine Festung wirkt: das ist Château de la Hille. Während ‚La Hille‘ heute ein Bed&Breakfast-Hotel beherbergt, war das Anwesen zwischen 1941 und 1943 tatsächlich eine Festung unter Schweizer Leitung, die Kindern und Jugendlichen aus Deutschland und Österreich mit jüdischer Herkunft Schutz bot. Knapp fünfhundert Seiten stark ist Franziska Greisings Roman „Am Leben“, der von eben jenem Chateau de la Hille, seinen Bewohnern und deren Geschichte während des Zweiten Weltkriegs erzählt. Weiterlesen

Über Auschwitz schreiben: Martin Amis‘ „Interessengebiet“

„Ein Schriftsteller kann nur über das schreiben, was er kennt.“ – Mit seinem Roman „Interessengebiet“, der aus drei verschiedenen Ich-Perspektiven über die Geschehnisse in Auschwitz zwischen 1942 und 1943 erzählt, bringt Martin Amis neuen Schwung in die Debatte. Amis (Jahrgang 1949) ist englischer Bestseller-Autor, der sein Wissen über die Shoah aus Geschichtsbüchern bezieht. Detailliert beschreibt er Sinneseindrücke, Alltägliches und ungeheuerliche Verbrechen im polnischen ‚Interessengebiet‘ in einem sarkastisch-zynischem Ton. Ein Tabubruch? Weiterlesen