Schlagwort: Ingeborg Bachmann

Mohn und Gedächtnis: Böttigers Doppelbiographie über Ingeborg Bachmann und Paul Celan

Es ist die vielleicht bedeutendste, die vielleicht tragischste und die vielleicht schönste Beziehung der Literaturgeschichte: Im Frühling 1948 lernen sich die 22-jährige Ingeborg Bachmann und der 27-jährige Paul Antschel, der unter dem Pseudonym Paul Celan Gedichte veröffentlicht, in Wien kennen. Sie verleben sechs gemeinsame Wochen, bis Celan nach Paris weiterzieht. Spätestens seit der Veröffentlichung des Briefwechsels der beiden Schreibenden, die ohne Zweifel zu den wichtigsten lyrischen Stimmen des 20. Jahrhunderts zählen, ist das Ausmaß jener Beziehung auch für Nicht-Literaturwissenschaftler, die sich bereits zuvor mit dem evidenten Verbindungen im Werk beschäftigten, deutlich. Helmut Böttiger, der bereits vor einigen Jahren eine umfassende Monographie zur Geschichte der Gruppe 47 veröffentlichte, hat in seinem neuen Buch die Beziehung von Bachmann und Celan zu ordnen, zu analysieren, zu fassen versucht. Weiterlesen

„Böhmisch klingt es.“ Höller/Larcati: „Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag“

Bachmanns Winterreise nach Prag

Der Mythos Ingeborg Bachmann ist ungebrochen. Der 1926 in Kärnten geborenen Schriftstellerin, die als Lyrikerin nach ihrem legendären Auftritt bei einem Treffen der Gruppe 47 im Sommer 1952 einen kometenhaften Aufstieg feierte, bis sie nach nur zwei Gedichtbänden der Lyrik abschwor und sich der Prosa zuwandte, wird sowohl in der literaturwissenschaftlichen Forschung als auch in der breiten Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit zuteil. Auch ihre beiden Verlage – Piper und Suhrkamp – würdigen das Werk der Österreicherin mit einer großen, auf dreißig Bände ausgelegten Werkausgabe, dessen ersten beiden Bände im kommenden Februar erscheinen werden. Hans Höller und Arturo Larcati, zwei namenhafte Bachmann-Forscher, haben dies zum Anlass genommen, um mit „Ingeborg Bachmanns Winterreise nach Prag“ einen Band zur späten Lyrik der Autorin vorzulegen. Weiterlesen

Ich, Ingeborg: Hans Weigels „Unvollendete Symphonie“

Hans Weigel gehört zu den schillerndsten Persönlichkeiten im Wiener Nachkriegs-Literaturbetrieb. Seine literarische Tafelrunde im Café Raimund ist legendär. Hier versammelten sich spätere Größen wie Milo Dor, Reinhard Federmann, Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann, um von den vielfältigen Verbindungen Weigels zu profitieren, der ihre Texte an Verleger und Zeitungsredaktionen vermittelte. Der Literaturmanager Weigel, der aufgrund seiner jüdischen Herkunft im März 1938 ins Schweizer Exil ging, kehrte bereits im Sommer 1945, wenige Wochen nach Kriegsende, in seine Heimatstadt Wien zurück. 1951 veröffentlicht er den Roman „Unvollendete Symphonie“, in dem er die Jahre nach der Rückkehr nach Österreich thematisiert. Aufsehen erregte nicht die literarische Qualität des Textes, sondern seine Beziehung zu Ingeborg Bachmann, die er in seinem Roman ebenfalls verarbeitet.

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Thomas Glavinics „Der Jonas-Komplex“: Ich ohne Gewähr

Im Wintersemester 1959/60 war eine österreichische Schriftstellerin nach Frankfurt gekommen und erklärte dem aufmerksamen Publikum: „Die erste Veränderung, die das Ich erfahren hat, ist, daß es sich nicht mehr in der Geschichte aufhält, sondern daß sich neuerdings die Geschichte im Ich aufhält. Das heißt: nur so lange daß Ich selber unbefragt blieb, solange man ihm zutraute, daß es seine Geschichte zu erzählen verstünde, war auch die Geschichte von ihm garantiert und war es selbst als Person mitgarantiert. Seit daß Ich aufgelöst wird, sind Ich und Geschichte, Ich und Erzählung es nicht mehr.“ Die Rede ist natürlich von Ingeborg Bachmann, die in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung unter dem Titel „Das schreibende ich“ Überlegungen zum Ich in der Literatur anstellte. Sie behauptete, dass in der Moderne die lang geglaubte Sicherheit im Umgang mit der Ich-Erzählung verloren gegangen ist. Das sprechende Ich offenbart sich als Konstruktion, dessen Motive unklar sind, in das jeweils andere Erwartungen hineingelegt werden und dessen Gesagtes daher immer kritisch hinterfragt werden muss: „Ich“ zu sagen verlor die Selbstverständlichkeit. Weiterlesen

Wie alles begann. Joseph McVeigh: „Ingeborg Bachmanns Wien“

Ingeborg Bachmann gehört seit Jahren zu den Lieblingsautorinnen der deutschsprachigen Literaturwissenschaft. Zu kaum einer anderen Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts gibt es eine vergleichbare Masse an Forschungsliteratur, biografischen Betrachtungen und interdisziplinären Studien, obwohl das zu Lebzeiten veröffentlichte Werk mit zwei Lyrikbänden, ein dutzend weiterer Gedichte, zwei Erzählbänden und einem Roman nicht besonders umfangreich ist. Die Forschungslust liegt nicht zuletzt darin begründet, dass aufgrund von Bachmanns „Nachlassangst“ und Diskretionsbedürfnis wenig über die Umstände der Entstehung des Werks bekannt war. Die langsame Öffnung des Nachlasses ermöglichte in den letzten zwanzig Jahren neue Erkenntnisse. Joseph McVeigh widmet sich in „Ingeborg Bachmanns Wien“ den frühen Jahren der Schriftstellerin und bedient sich dazu aus neuen, bisher wenig beachteten Quellen. Weiterlesen

Bis uns der Himmel auf den Kopf fällt: Valerie Fritschs „Winters Garten“

„Winters Garten“ ist das in diesem Jahr erschienene Debüt der Österreicherin Valerie Fritsch, das bereits im März erschein, aber spätestens seit dem Antritt beim Wettlesen des diesjährigen Bachmann-Preises in Klagenfurt und nun auch mit der Longlist-Nominierung für den Deutschen Buchpreis Aufmerksamkeit erfährt, und das völlig zu Recht. Auf einhundertvierundfünfzig Seiten beweist die 26-Jährige ihr Können. Erzählt wird die Geschichte von Anton Winter und dem utopischen Garten seiner Kindheit, den er irgendwann zugunsten der Stadt verließ, um mit seiner Geliebten und der Familie seines Bruders im Angesicht des drohenden Weltuntergangs in jenen Garten zurückzukehren. Fritschs erster Text ist komplex und metasprachlich strukturiert, ohne konstruiert zu wirken, ihr Ton ist poetisch, die Metaphern sind fulminant.

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Bachmanns Klagenfurt

Klagenfurt Wappen
Wer sich momentan oder in Zukunft in Klagenfurt befindet, sollte unbedingt einige Orte besuchen, die mit Ingeborg Bachmann verbunden sind – nicht nur weil es „die Bachmann“ ist, sondern weil Kreuzbergl und das Strandbad Loretto zu den schönsten Ecken Klagenfurts zählen. Im Folgenden eine Auswahl der Orte, die Eingang ins literarische Werk Bachmanns gefunden haben. Eine solche Engführung von Werk und Biographie scheint aus literaturwissenschaftlicher Sicht fragwürdig, sei an dieser Stelle jedoch vielmehr als Anregung zu einer touristischen Spurensuche gedacht. Das Konzept ist nicht neu: wer das Musil-Haus am Hauptbahnhof besucht, findet dort einen Flyer, zusammengestellt von Heimo Strempfl, der anhand eine Sightseeing-Tour von Bachmanns Klagenfurt vorschlägt. Auch Uwe Johnson entdeckt in seiner „Reise nach Klagenfurt“ die Stadt aus der Perspektive Bachmanns und verknüpft reale Orte mit Textpassagen ihrer Erzählungen. In diesem Sinne – viel Vergnügen in K.!  Weiterlesen