Schlagwort: jüdische Identität

Aharon Appelfelds „Meine Eltern“: Der letzte Sommer

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Aharon Appelfeld, der 1932 als Erwin Appelfeld bei Czernowitz geboren wurde, gehört zu den wichtigsten Schriftstellern der israelischen Gegenwartsliteratur. Nur wenige Wochen vor seinem Tod Anfang Januar 2018 ist sein Roman „Meine Eltern“ in der deutschen Übersetzung von Mirjam Pressler erschienen. Darin erinnert er den letzten Sommerurlaub mit seinen Eltern in einer Welt von gestern. Weiterlesen

Die Topographie der Heimatlosigkeit: Jana Hensels „Keinland“

Vor gut zwei Monaten führte der Streit um die ARD-Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ zu einem Aufflammen der Debatte um den auch hierzulande erstarkenden Antisemitismus. Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur der vergangenen Jahre hat sich immer wieder mit dem Thema ‚Alltags’-Antisemitismus, der oft in einer ‚Das wird man doch wohl wieder sagen dürfen’-Manier daherkommt, auseinandergesetzt. Ein literarisches Beispiel ist Mirna Funks großartiger Debütroman „Winternähe“ (2015), in dem sich die Protagonistin Lola vor lauter Antisemitismus schließlich nach Tel Aviv absetzt. Auch in Jana Hensels Debüt „Keinland“ steht das deutsch-jüdische Verhältnis im Zentrum: ein „Liebesroman“ ohne Happy End. Weiterlesen

Zwischen Brooklyn und Berlin: Deborah Feldmans „Überbitten“

Als „Unorthodox“ im vergangenen Jahr im Secession Verlag erschien, konnte Feldman auch hierzulande, wo sie mittlerweile lebt, eine große Leserschaft und die Kritik mit ihrem Bericht über die Kindheit, Jugend und den Ausstieg aus der ultraorthodoxen, chassidischen Satmar-Gemeinde begeistern. Seitdem ist sie als regelmäßiger Gast in Fernsehtalkshows zu sehen. Wer wissen will, was alles zwischen der Abkehr von ihrer Gemeinde im Jahr 2010 und dem Auftritt bei Markus Lanz passierte, kann nun in Feldmans neuem Buch „Überbitten“ nachlesen, was es bedeutet, alles hinter sich zu lassen und sich selbst zu finden. Weiterlesen

„Jenseits der Pässe“: Stephan Braeses Hildesheimer-Biographie

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Max Frisch, Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Siegfried Lenz, Christa Wolf  – über die Stars der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, deren Werke noch heute zu den meistgelesenen und meistbeforschten gehören, gibt es viele Lebensbilder. Einige von ihnen gerieten aber zunehmend in Vergessenheit, obwohl ihr Rang nicht weniger relevant war. Zu ihnen gehört Wolfgang Hildesheimer. Dabei ist seine Biographie eine der spannendsten. Der Literaturwissenschaftler Stephan Braese hat anlässlich des 100. Geburtstags von Hildesheimer eine umfassende Biographie vorgelegt. Weiterlesen

Der Großmeister der Kritik: Deborah Vietor-Engländers Alfred Kerr-Biographie

Wenn er das Theater betrat, erstarrte der Saal in ehrfürchtiger Stille. Dramatiker und Schauspieler zitterten, wenn sie am Tag nach der Premiere die Zeitung aufschlugen, um seine Besprechung zu lesen. Millionen von Lesern zwischen Königsberg und Paris berichtete er wöchentlich über die kleinen und großen Verfehlungen der Berliner Kulturelite, aber auch aus seinem Privatleben: Vor 100 Jahren gehörte Alfred Kerr zu den prominentesten Berlinern seiner Zeit. Endlich hat Deborah Vietor-Engländer dem Großmeister der Kritik eine ausführliche Biographie gewidmet. Weiterlesen

Aus dem Osten: Kathrin Schmidts „Kapoks Schwestern“

Kathrin Schmidt, die vor sieben Jahren mit „Du stirbst nicht“ den Deutschen Buchpreis gewann, hat einen neuen Roman vorgelegt. „Kapoks Schwestern“ lässt sich wohl ohne weiteres als Berlin-Roman identifizieren. Schauplatz ist jedoch kein hipper Szenebezirk wie Mitte, Neukölln oder Friedrichshain, sondern eine Einfamilienhaus-Siedlung am Baumschulenweg im Südosten von Berlin, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Die Siedlung in Köpenick ist Ausgangspunkt für eine Erinnerungsreise in die Geschichte des letzten Jahrhunderts, die anhand zweier Familien erzählt wird und von Berlin aus in den Osten führt, um am Ende nach Berlin zurückzukehren.

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Auf der Reise: Chaim Nolls Erzählband „Schlaflos in Tel Aviv“

Chaim Noll, der als Hans Noll 1954 in Ost-Berlin geboren wurde, lebt nun seit über zwanzig Jahren in Israel. Er hat sich gegen das Leben in einer der Großstädte entschieden und sich zurückgezogen in der Wüste Negev niedergelassen. Sein neuestes Buch „Schlaflos in Tel Aviv“, das im Frühjahr 2016 im Verbrecher Verlag erschien, umfasst vierzehn Erzählungen aus den letzten dreißig Jahren. Stilistisch und motivisch bleibt Noll sich treu, die Perspektiven verschieben sich jedoch. Weiterlesen

Benjamin Steins „Das Alphabet des Rabbi Löw“: Die Magie der Buchstaben

Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur wird dominiert von realistischen Prosatexten mit starkem Wirklichkeitsbezug. Das Name-Dropping bekannter Orte, Namen oder Marken wird im monumentalen BRD-Roman von Frank Witzel oder Richters „89/90“ zelebriert, unnütze Details erzeugen einen Wirklichkeitseffekt in der Literatur, der möglichst genau eine Realität abbilden möchte, die unserer eigenen möglichst nahe kommt. Immer seltener finden sich sich fantastische oder mystische Elemente, Übernatürliches wird meist als Trivialliteratur verpöhnt.
Benjamin Stein ist mit seinem Roman „Das Alphabet des Rabbi Löw“, der neuaufgelegten Bearbeitung seines bereits 1995 erschienenen Debütromans, ein bemerkenswerter Text gelungen, der sich gegen Wirklichkeitsbezüge und für das Mystische entscheidet. Weiterlesen

Daddy Issues: Maxim Billers „Biografie“

Biografie heißt der lang erwartete neue Roman von Maxim Biller, der in den letzten Monaten vor allem durch seine umstrittenen Auftritte im neuen Literarischen Quartett für Aufsehen sorgte. Fast jeder hat seitdem eine Meinung zum Kritiker Biller: man hasst ihn oder man liebt ihn. Den Schriftsteller Biller scheinen dagegen nur wenige zu kennen. Ähnlich wie der Ich-Erzähler Solomon Karubiner, der sich im Roman als der meistdiskutierte und gleichzeitig am wenigsten gelesene deutsche Schriftsteller tituliert, ist auch das literarische Werk Maxim Billers bis auf den sagenumwogenden, verbotenen Roman „Esra“ den meisten Kritikern unbekannt. Diejenigen Biller-Kritiker, die sich skeptisch an den 900 Seiten starken Roman „Biografie“ trauen, finden wahrscheinlich Grund zur Kritik, eine leichte Lektüre ist dieser Text nicht. Wer aber durchhält, wird mit dem unverwechselbaren, einzigartigen Biller-Sound, viel Humor und einem großen Werk der deutschen Gegenwartsliteratur belohnt. Weiterlesen

Zwischen Wedding und Gesundbrunnen: Georg Finks „Mich hungert“

Mit „Mich hungert“ legt der Berliner Metrolit-Verlag einen Roman auf, der 1929 erstmalig erschien. Am 10. Mai 1933 stand er auf der ersten schwarzen Liste der „schönen Literatur“, die den Nazis als Grundlage für die Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz diente. Nach 1945 geriet es in Vergessenheit. Auch wenn es verboten war: wie kann ein Buch, das laut des Vorworts ein nicht nur deutscher, sondern in dreizehn Sprachen übersetzter internationaler Bestseller war, bis ins Jahr 2014 ohne Neuauflage bleiben? Wer die knapp dreihundert Seiten liest, kennt die Antwort: „Mich hungert“ ist schlicht kein literarisches Meisterwerk.

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