Schlagwort: Kakanien

Dana von Suffrins »Otto«: Dürfen die das?

Als am 20. August die Longlist zum Deutschen Buchpreis verkündet wurde, waren wieder die Social Media-Abteilungen der Verlage gefragt: Jubelbilder mussten her. Am meisten jubeln durfte S. Fischer, aber auch der Hanser Verlag konnte zufrieden sein. Sogar Wallstein durfte einmal kurz aufjuchzen, denn sie hatten das Kunststück vollbracht, sich mit einem der schlechtesten Romane der letzten Zeit auf die begehrten Plätze zu setzen. Nur Kiepenheuer & Witsch dürfte begossen in die Wäsche geschaut haben, als der Börsenverein in ihrem Fall schwarzen Rauch aufstiegen ließ. Und so machte der Verlag das einzig konsequente: Er präsentierte über Facebook und Twitter die wortwörtlichen leeren Hände. Das kann mal passieren, ist in diesem Fall aber ärgerlich, weil sie einen Roman im Petto gehabt hätten, der in diese Hände gehörte: »Otto« von Dana von Suffrin. Weiterlesen

Jaroslav Rudiš »Winterbergs letzte Reise«: Lonely Planet Kakanien

Mittel- und Osteuropa ist ein topographischer Raum, der über Jahrhunderte in deutscher Sprache verzeichnet wurde. Gerade Tschechien bzw. Böhmen schien seit der Herrschaft der Habsburger geradezu deutsches Kernland, obwohl das Deutsche eher Sache der ständischen Eliten war. Mit der Gewalt, mit der Deutsche und Österreicher das 20. Jahrhundert überzogen, zerrissen sie die Bande, die Europa mit ihrer Sprache überzogen. Zurück blieb die Erinnerung an einen deutsch-kakanischen Sprachraum, von dem »Winterbergs letzte Reise« erzäht. Weiterlesen

Heimito von Doderer: Der Autor hat Spaß

Wer sich in die Prosa Heimito von Doderers begibt, muss viele Treppen steigen. Seiner Obsession hat er 1951 ein Denkmal gesetzt: „Die Strudlhofstiege“ ist sein bekanntestes Werk – ein monumentales Panorama des Zwischenkriegs-Wien, ein manisches Figurengewirr, das ähnlich wie die bekannte Stiege im Wiener Alsergrund aufzeigt, wie Geschichte und Geschichten verzweigt verlaufen. Für seinen letzten, zu Lebzeiten veröffentlichten Roman „Die Wasserfälle von Slunj“ kehrte er noch einmal zu den Treppen zurück, dieses Mal in Form der kroatischen Wasserläufe. Auch in diesem Text geht es um die österreichische Gesellschaft, mit der es, ganz wie bei den Wasserfällen, bergab geht. Doch noch viel mehr ist der Roman ein großer Abenteuerspielplatz für einen Autor, der viel Spaß daran hat, den Leser hinter die Fichte zu führen. Weiterlesen

Ernst Lothar: „Heim in die Fremde“

Die meisten Entdeckungen, die Verlage heutzutage machen, sind ein Versprechen an die Zukunft. Verlagsvertreter und Literaturagenten tummeln sich auf Literaturwettbewerben und um die Schreibschulen herum, um den nächsten Literaturstern nicht zu verpassen: Der Gegenwartsliteratur eine funktionierende Infrastruktur zu bieten, ist immer noch die Hauptaufgabe der Literaturverlage. Doch manchmal lohnt auch ein Blick ins Archiv, denn viel zu oft scheitern gute Texte auf dem steinigen Weg in den literarischen Kanon.  Der Fall Ernst Lothar zeigt: Manchmal gehen echte Schätze verloren, auch wenn Eva Menasse völlig recht hat, wenn sie im Nachwort des nun wiederaufgelegten Romans schreibt: „‘Der Engel mit der Posaune‘ ist kein erstklassiger Roman; das dürfte auch zu seinem Vergessen beigetragen haben.“ Weiterlesen