Schlagwort: Kakanien

Jaroslav Rudiš »Winterbergs letzte Reise«: Lonely Planet Kakanien

Mittel- und Osteuropa ist ein topographischer Raum, der über Jahrhunderte in deutscher Sprache verzeichnet wurde. Gerade Tschechien bzw. Böhmen schien seit der Herrschaft der Habsburger geradezu deutsches Kernland, obwohl das Deutsche eher Sache der ständischen Eliten war. Mit der Gewalt, mit der Deutsche und Österreicher das 20. Jahrhundert überzogen, zerrissen sie die Bande, die Europa mit ihrer Sprache überzogen. Zurück blieb die Erinnerung an einen deutsch-kakanischen Sprachraum, von dem »Winterbergs letzte Reise« erzäht. Weiterlesen

Heimito von Doderer: Der Autor hat Spaß

Wer sich in die Prosa Heimito von Doderers begibt, muss viele Treppen steigen. Seiner Obsession hat er 1951 ein Denkmal gesetzt: „Die Strudlhofstiege“ ist sein bekanntestes Werk – ein monumentales Panorama des Zwischenkriegs-Wien, ein manisches Figurengewirr, das ähnlich wie die bekannte Stiege im Wiener Alsergrund aufzeigt, wie Geschichte und Geschichten verzweigt verlaufen. Für seinen letzten, zu Lebzeiten veröffentlichten Roman „Die Wasserfälle von Slunj“ kehrte er noch einmal zu den Treppen zurück, dieses Mal in Form der kroatischen Wasserläufe. Auch in diesem Text geht es um die österreichische Gesellschaft, mit der es, ganz wie bei den Wasserfällen, bergab geht. Doch noch viel mehr ist der Roman ein großer Abenteuerspielplatz für einen Autor, der viel Spaß daran hat, den Leser hinter die Fichte zu führen. Weiterlesen

Ernst Lothar: „Heim in die Fremde“

Die meisten Entdeckungen, die Verlage heutzutage machen, sind ein Versprechen an die Zukunft. Verlagsvertreter und Literaturagenten tummeln sich auf Literaturwettbewerben und um die Schreibschulen herum, um den nächsten Literaturstern nicht zu verpassen: Der Gegenwartsliteratur eine funktionierende Infrastruktur zu bieten, ist immer noch die Hauptaufgabe der Literaturverlage. Doch manchmal lohnt auch ein Blick ins Archiv, denn viel zu oft scheitern gute Texte auf dem steinigen Weg in den literarischen Kanon.  Der Fall Ernst Lothar zeigt: Manchmal gehen echte Schätze verloren, auch wenn Eva Menasse völlig recht hat, wenn sie im Nachwort des nun wiederaufgelegten Romans schreibt: „‘Der Engel mit der Posaune‘ ist kein erstklassiger Roman; das dürfte auch zu seinem Vergessen beigetragen haben.“ Weiterlesen