Schlagwort: Kalter Krieg

Harald Jähners „Wolfszeit“: „Werden die Deutschen wieder frech?“

Die deutsche Gesellschaft entdeckt gerade ihre Vergangenheit neu. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht irgendeine Serie, ein Spielfilm, ein Roman den Blick in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts richtet. Das nimmt dann mal so schlimme Züge wie bei „Stella“ oder „Werk ohne Autor“ an, mal geht es so biedermeierlich zu wie bei den „Kudamm“-Staffeln oder „Babylon Berlin“. Gerade die Weimarer Zeit wird gerne als die zentrale Chiffre für Krisenzeiten und gleichzeitige ekstatische gesellschaftliche Zustände herbeizitiert. Dagegen galt die BRD bislang als Insel der seligen Stabilität. Ein Bild, das nach und nach revidiert wird. Weiterlesen

Philip Roths „I Married a Communist“: „The tyrant of evil is Everyman!“

Wut, Wut, Wut wohin man schaut. Rund um die Welt berufen sich Politiker auf die Wut der Bevölkerung. Vor allem die USA scheinen momentan ein besonders wütendes Land zu sein, was Trump ins Weiße Haus getragen hat. Die Vereinigten Staaten hatten viele wütende Jahrzehnte, eines davon waren die Fünfziger Jahre. Dabei hätte alles so schön sein können: Aus dem Zweiten Weltkrieg war man als Hegemon der westlichen Welt herausgegangen, die Wirtschaft brummte so stark, dass das Versprechen auf Reichtum für Jedermann greifbar schien. Doch etwas verhinderte, dass man sich auf den Lorbeeren der Errungenschaften ausruhte: das Gespenst des Kommunismus. Während man im Außen den blutigen Koreakrieg führte, verfolgte der US-Senator Joseph McCarthy alle vermeintlichen kommunistischen Umtriebe im Inneren. Auch McCarthy wurde von Wut getrieben, von heiliger Wut, was wiederum Verbitterung auf der Gegenseite auslöste. In Philip Roths „I Married a Communist“ bekommt dieser Konflikt ein literarisches Gesicht. Weiterlesen

Werner Schmidts „Peter Weiss“: Zwischen den Blöcken zerrieben

Der Schriftsteller Peter Weiss hat sich Zeit seines Lebens jeder Zugehörigkeit verwehrt. Er war Deutscher und Schwede, Sozialist, aber kein Realsozialist, Teil des deutschen Literaturbetriebs und trotzdem Randständiger. Der Widerspruch war als dialektisch geschulter Mensch Teil seiner Existenz, seine Existenz war selbst widersprüchlich. Sein Vater war Jude, hat aber aus dem Judentum nie ein großes Thema gemacht, was bis zur Selbstverleugnung ging. Dass das Jüdische dennoch Teil von Peter Weiss war, musste dieser wie so viele während des Zweiten Weltkriegs erfahren. Diesen hat Peter Weiss hauptsächlich im schwedischen Exil verbracht, das zu seiner Heimat werden sollte. Nach dem Krieg wurde er zu einem glühenden Verfechter eines menschlichen Sozialismus – ein Kampf, den Werner Schmidt nun rekonstruiert hat. Weiterlesen

Arno Schmidt: Atomares Gelehrtentheater

Das Jahr 1774 war in Deutschland kein gutes Jahr, um sich literarisch hervorzutun. Denn es war das Jahr, in dem alles von dem Sensationserfolg „Die Leiden des jungen Werthers“ eines gewissen Johann Wolfgang von Goethes überstrahlt werden sollte. Doch aus dem Werther ruft es „Klopstock!“ und er verneigt sich damit vor dem Dichter, der in Goethes Gegenwart als wichtigster Vertreter der deutschsprachigen Literatur gilt. Dieser stellte im gleichen Jahr – zwei Jahre vor der Unabhängigkeitserklärung der USA und fünfzehn Jahre vor dem Sturm auf die Bastille – Überlegungen über die Zukunft des Gemeinwesens an und entwirft die Utopie der „Gelehrtenrepublik“. Der Werther mag ein Grund dafür gewesen sein, dass sich die Nachwelt nicht an Klopstocks Utopie erinnert, ein anderer, dass sie wohl damals schon zu schön war, um wahr zu sein. Weiterlesen