Schlagwort: Kapitalismus

Sibylle Bergs »GRM«: »Wohlstand für viele und Elend für die Low Performer«

Kaum ein Buch wurde in diesem Jahr so stark antizipiert und dann auch so frenetisch durchgejubelt wie der neueste Roman von Sybille Berg, »GRM«. Das mag am Text liegen, es liegt aber sicherlich auch an der Person Bergs, die in der öffentlichen Wahrnehmung als ähnlich lässige Rebellin gilt wie eine Virginie Despentes – und das obwohl sie sich mit SPIEGEL Online und Jan Böhmermann eingelassen hat. Sibylle Berg ist überall: Kolumnistin, Theaterregisseurin, Schriftstellerin. Vielleicht prädestiniert sie auch das dafür nun mit »GRM« einen Text vorzulegen, der sich in das Herz der Finsternis unserer Gegenwart hineinwagt. Weiterlesen

Anja Kampmanns „Wie hoch die Wasser steigen“: Babylon Kapitalismus

Der Kapitalismus macht die Welt groß. Und gleichzeitig ganz klein. Arbeiten können die Gutausgebildeten mittlerweile fast überall. Ein Jahr in Shanghai, dann Berlin, vielleicht als nächstes Kuala Lumpur? Gleichzeitig schrumpft die Arbeit, ohne soziales Gefüge irgendwo in einer fremden Stadt, die Welt manchmal bis auf ein kleines Bürocubical zusammen. Eine Gesellschaft, die Arbeit und Sozialgefüge, so trennt, produziert laufend Orientierungslosigkeit. Die allumgreifenden Diskussionen um Begriffe wie Heimat oder Identität zeugen davon. Was macht das mit den Menschen? Anja Kampmann hat mit dieser Frage im Gepäck in „Wie hoch die Wasser steigen“ große Literatur gemacht. Weiterlesen

Ayn Rands „The Fountainhead“: Die Vorsehung des Holzkopfs

Ayn Rand-Fountainhead

Seit der Wahl von Donald Trump ist die halbe westliche Welt darum bemüht, sich selbst zu erklären, wie es dazu kommen konnte: Identitätspolitik und der weiße Arbeiter, der darüber vergessen wurde, Putins Trolle, Wut gegenüber dem Establishment, Misogynie in der amerikanischen Gesellschaft – mit der Ratlosigkeit der Medien wächst die Zahl an Gründen. Mit als letztes wird die Literatur befragt, was natürlich ein Fehler ist, denn in der Literatur hat sich meist immer schon alles abgespielt, bevor es passiert. Nicht umsonst wurde bei Trump immer wieder eine ideologische Nähe zu einer der wichtigsten Schriftstellerinnen des amerikanischen 20. Jahrhunderts festgestellt – Ayn Rand. Wer heute ihren Roman „The Fountainhead“ noch mal liest, muss sich tatsächlich fragen: wusste Ayn Rand mehr? Weiterlesen

Eugen Ruges „Follower“: Die Mirabellen-Zeit ist vorbei

Die DDR ist längst zu einer Chiffre für den Überwachungsstaat an sich geworden. Erst im letzten Jahr erschien Jonathan Franzens „Purity“, in dem die DDR nur noch als Kulissenstaat und historische Folie auftrat, um das Problem der Überwachung im digitalen Zeitalter zu bebildern und den Umgang mit Dissidenten zu erleuchten. Zwar ist die konkrete DDR und ihre Schicksale immer noch sehr präsent, wie bei Christoph Hein oder Guntram Vesper, doch je weiter sie im historischen Verlauf nach hinten rückt, wird deutlich: der Staat mag untergegangen sein, die Wunden, die er geschlagen hat, verheilen so langsam, aber das Prinzip Überwachung ist aktueller denn je. Einen ihrer letzten großen Auftritte hatte die DDR in Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, einer Familiengeschichte über sozialistische Enttäuschungen an beiden Enden; derer, die sie aufgebaut haben und derer, die spät in sie hineingeboren wurden. Nun ist Ruge mit einer Dystopie zurück und auch hier lässt ihn der ostdeutsche Staat als Erklärungsmuster nicht los. Weiterlesen