Schlagwort: Kiepenheuer & Witsch

Michael Chabons „Moonglow“: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Paratext

Chabon-Moonglow

Michael Chabon ist wahrlich kein unbeschriebenes Blatt. Der amerikanische Schriftsteller zählt zu den bedeutendsten, mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Vertretern seines Landes. Sein jüngstes Werk „Moonglow“ erschien 2016 im englischen Original und wird Anfang März in deutscher Übersetzung bei Kiepenheuer & Witsch verfügbar sein. Chabon schildere darin, so sein deutscher Verlag in der Ankündigung, „Episoden aus der Lebensgeschichte seines Großvaters“. Ein autobiographischer Roman – oder doch nicht? Weiterlesen

Eva Menasses „Tiere für Fortgeschrittene“: Die Literatur ist eine demente Frau

Wenn Eva Menasse nicht mit ihrem eigenen Werk in Erscheinung tritt, fällt sie vor allem als Botschafterin Heimito von Doderers auf, als dessen Expertin sie den Autor auch weit über die Grenzen Österreichs im kulturellen Gedächtnis hält. Wer bei Doderer in die Schule geht, hat ein Verständnis für das Formprinzip von Literatur. Kein literarischer Technokrat, aber ein verspielter Autor war er, der das Schreiben auch immer als Experiment verstand. Eva Menasse teilt diese Lust am literarischen Spiel, deren neuestes Ergebnis der Erzählband „Tiere für Fortgeschrittene“ ist und wieder einmal beweist, wie unterschätzt die Gattung ist. Weiterlesen

Feridun Zaimoglus „Evangelio“: Vorsicht, leicht entzündlich!

„Luther“ gellts von allen Zinnen – es ist mal wieder ein Jubiläum. Kaum ein Jahr geht mittlerweile vorbei, das nicht in Zeichen irgendeines runden Jahrestages steht. Beginn des ersten Weltkriegs, Wiener Kongress, Ende Zweiter Weltkrieg – die Termine schreiben sich wie von selbst und wirken gleichsam wie ein Konjunkturprogramm für die Buchbranche. Nichts füllt die Auslagen der Buchhandlungen besser als ein zünftiges Jubiläum, das ordentlich Aufmerksamkeit schafft. Nun also Luther. Der deutsche Reformator ist natürlich eigentlich Hoheitsgebiet von Theologen und Historikern, wollte man denken. Doch dann kommt Feridun Zaimoglu mit seinem neuen Roman „Evangelio“ um die Ecke und erinnert uns wieder: vielleicht ist das kostbarste, das uns Luther geschenkt hat, die deutsche Sprache. Weiterlesen

Aus dem Osten: Kathrin Schmidts „Kapoks Schwestern“

Kathrin Schmidt, die vor sieben Jahren mit „Du stirbst nicht“ den Deutschen Buchpreis gewann, hat einen neuen Roman vorgelegt. „Kapoks Schwestern“ lässt sich wohl ohne weiteres als Berlin-Roman identifizieren. Schauplatz ist jedoch kein hipper Szenebezirk wie Mitte, Neukölln oder Friedrichshain, sondern eine Einfamilienhaus-Siedlung am Baumschulenweg im Südosten von Berlin, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Die Siedlung in Köpenick ist Ausgangspunkt für eine Erinnerungsreise in die Geschichte des letzten Jahrhunderts, die anhand zweier Familien erzählt wird und von Berlin aus in den Osten führt, um am Ende nach Berlin zurückzukehren.

Weiterlesen

Michael Kumpfmüller: Die Domestizierung der Literatur

Der Mann ist in Gefahr. Schleichend, fast lautlos tritt er den Rückzug an, bedroht von einer aufstrebenden, immer stärker werdenden Gruppe: den Frauen. Was bleibt da noch für die Männer? Sollen sie sich mit ihrem Niedergang abfinden? Und wie könnte ihre neue Rolle aussehen? Auf diese Frage hatte schon Herbert Grönemeyer keine befriedigende Antwort gefunden, mittlerweile ist das Thema in der Literatur angekommen, wie Thomas Hettches „Liebe der Väter“ oder Ralf Bönts „Das entehrte Geschlecht“ zeigt. Der (westliche) Mann befindet sich zwischen Rückzugsgefecht und Neujustierung und geht damit ganz unterschiedlich um: manche lassen noch mal den alten Silberrücken aufleben, andere begleiten ihren Abstieg mit quengeliger Larmoyanz. Die nächste Reise ins Innere des neuen Mannes hat Michael Kumpfmüller mit „Die Erziehung des Mannes“ unternommen und es damit immerhin auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Weiterlesen

Christian Krachts „Die Toten“: Achtung, Sie betreten die hölderlinsche Zone

Vier Jahre ist es nun her, da rüttelte gerade der neuste Christian Kracht-Roman das deutschsprachige Feuilleton aus seiner Schläfrigkeit. Den Anfang machte Georg Diez, der mit seinem Vorwurf, Kracht sei „Türsteher des rechten Gedankens“, die Debatte lostrat. Ein gefeierter, rechter Schriftsteller? Nachdem Botho Strauß niemandem mehr die Zornesröte ins Gesicht treibt und Martin Walser das Dasein als Punchingball satt hat, war mit Kracht ein würdiger Nachfolger gefunden. Es wurde protestiert, es wurde ein bisschen zurückgerudert, schließlich wurde die Sache vergessen, nachdem sich Kracht für eine Weile ins mediale Nirwana zurückzog. Aus der Aufregung ist nun Tradition geworden. Pünktlich zur Veröffentlichung Krachts neuen Roman „Die Toten“ wurde sich wieder gründlich geärgert – dieses Mal jedoch in Form eines Sturms im Wasserglas. Weiterlesen

Don DeLillos „Zero K“: An involuntary man

Die Menschen können dem Religiösen nicht entfliehen. Die halbe westliche Welt klopft sich wegen ihres vernunftsgesteuerten Atheismus auf die Brust und verlacht die frommen Kirchengänger, die jeden Sonntagmorgen zu früh aufstehen müssen und dann noch den Rest der Welt mit ihrem Glockengeläut zur Weißglut treiben. Das sind jedoch die gleichen Leute, die trotz ihrer rationalen Aufgeklärtheit, in den Apple Store pilgern, als sei der Heiland erschienen und in der Kapelle des Kapitalismus ihr Opfer darbringen, um das neue, seelenheil-versprechende Produkt ihr eigen nennen zu können. Der Kapitalismus hat verstanden, wie wirkungsvoll religiöse Sinnstiftung ist, weswegen unsere Welt voll von solchen Strukturen und Mustern ist, obgleich sie sich nicht als diese auszeichnen. Der momentan mächtigste Kult hat sich in einem kalifornischen Tal versammelt und hat Großes vor. Im Silicon Valley soll nicht nur der neue Mensch geschaffen, sondern auch der Tod überwunden werden. Den Menschen bis an sein Äußerstes zu optimieren, ist der Leitstern, der die Gemeinde der Technikgläubigen an ihr Ziel führt. Denn – so formuliert es Don DeLillo in seinem neusten Roman „Zero K“ – „Everbody wants to own the end of the world.“ Weiterlesen

Zwischen Exil und Heimat: Shida Bazyars „Nachts ist es leise in Teheran“

Shida Bazyar ist in ihrem Debütroman etwas Besonderes gelungen: Sie erzählt einerseits eine Flüchtlingsgeschichte, die ihren Text – wie es auch der Buchumschlag stolz verkündet – „hochaktuell“ macht, andererseits ist „Nachts ist es leise in Teheran“ aber nicht nur Flüchtlingsgeschichte, sondern ein Generationen- und ein gesellschaftspolitischer Epochenroman. Aus den verschiedenen Ich-Perspektiven der Mitglieder einer iranischen Familie, die aufgrund von politischer Verfolgung in den 1980er Jahren ins deutsche Exil flieht, erzählt Bazyars Roman vom Bedürfnis nach Freiheit, von der Sehnsucht nach der Heimat, davon, wie es ist, in der Fremde zu leben, und davon, wie es ist, nach Hause zu kommen. Weiterlesen

Thomas Manns böser Zwilling: Maxim Billers „Im Kopf von Bruno Schulz“

Im April 2016 erscheint der neue Roman „Biografie“ von Maxim Biller bei Kiepenheuer & Witsch. Seit seiner letzten literarischen Publikation, dem schmalen Novellenbändchen „Im Kopf von Bruno Schulz“ aus dem Jahr 2013, steht Biller seit einigen Monaten vor allem durch seine launigen Auftritte im Literarischen Quartett im Fokus des Literaturbetriebs und wird dafür gleichermaßen gelobt und angefeindet. Dabei gerät sein eigenes literarisches Werk immer weiter aus dem Blickfeld – vollig zu Unrecht, wie sich an der Bruno Schulz-Novelle zeigen lässt. Weiterlesen