Schlagwort: Kosovo

Jan Böttcher: Gefangener der Perspektive

Jeder Erzählakt ist ein Gewaltakt. Die Gewalt besteht darin, sich das Recht herauszunehmen, die Stimme zu erheben und die Geschichte jemandes zu erzählen. Nun könnte man einwenden, dass im autobiographischen Erzählen diese Gewaltstrukturen nicht zu Tage treten, da man von sich spricht. Aber immer dort, wo einer spricht, müssen andere schweigen. Seit den neunziger Jahren beschäftigt sich die Kulturwissenschaft in all ihren Ausformungen mit der Frage der Sprecherpositionen: Wer spricht? Wer kommt im Diskurs vor? Und wer nimmt sich das Recht heraus, das Wort für andere zu ergreifen? Das Ergebnis dieser Beschäftigung ist eine allgemeine Verunsicherung des Denkens und Sprechens. Aussagen müssen sich nicht mehr nur auf ihre argumentative Konsistenz prüfen lassen, sondern auch darauf, ob sie die Erfahrungen anderer miteinschließen. Wenn Jennifer Lawrence die gleiche Bezahlung von Männern und Frauen fordert, dann tut sie das aus der Erfahrungswelt einer weißen, wohlstandsverwöhnten Hollywood-Schauspielerin. Der Realität einer indischen Frau aus der Kaste der Unberührbaren entspricht dies nicht, zudem hat sie Jennifer Lawrence nicht das Mandat dafür gegeben, in ihrem Namen zu sprechen. In solchen Diskussion ist der Vorwurf des Rassismus schnell erhoben. Weiterlesen