Schlagwort: Krieg

Herfried Münklers „Der dreißigjährige Krieg“: Völker dieser Welt, schaut auf diesen Krieg

Herfried Münkler ist unzufrieden. Unzufrieden mit dem politischen Betrieb und auch unzufrieden mit der Bevölkerung. Er hat sich schon häufiger über fehlende strategische und analytische Kompetenz in der politischen Elite Deutschlands mokiert und jüngst sagte er im Interview mit dem Deutschlandradio Kultur ganz unverblümt: Das Volk ist dumm! Elite dumm, Bevölkerung dumm – da braucht es jemanden, der weiß wie es besser geht. In dieser Rolle sieht sich Herfried Münkler, nicht umsonst taufte ihn das Feuilleton „Ein-Mann-Think-Tank“. In Zeiten von verschärften weltpolitischen Konflikten kann man aber auch jeden guten Rat, den man bekommen kann, gebrauchen. Doch wie ist Münkler so viel schlauer als andere geworden? Klar, durch den Tiefenblick der Geschichtswissenschaft. Weiterlesen

Claude Simons „Das Pferd“: Lob der kleinen Form

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Lange Zeit war ein ungeschriebenes Gesetz in der deutschen, vielleicht internationalen Verlagslandschaft: Bitte nicht zu lang! Romane, die eine bestimmte Seitenanzahl überschritten, galten als unverkäuflich. Zwischen Arbeit, Glotze und sich Anschreien haben die Leute keine Zeit, Tausendwälzer mit sich durch den Alltag zu schleppen. Doch die Zeiten scheinen sich in den letzten Jahren gewaltig zu ändern. Parallel mit dem (neuerlichen) Aufstieg der Serienkultur ist die epische Länge in der Gegenwartsliteratur der heißeste Scheiß. An die Literatur wird eine Erwartungshaltung herangetragen, die sich auch im Serienkonsum wiederfindet: Ein Sog muss sich einstellen, nur wer durch die Seiten fliegt, hat die höchste Stufe des Lesens erreicht. Der neue Leser möchte sich von Literatur in die Schwachsinnigkeit quatschen lassen, bis ein Zustand der ekstatischen Besinnungslosigkeit erreicht wird, anders kann man sich die Erfolge von Knausgård oder Yanagihara nicht erklären. In diesem kulturellen Umfeld liest sich das nun erstmals in Buchform publizierte „Das Pferd“ wie ein Loblied auf die kleine Form. Weiterlesen

Jérôme Ferraris „Ein Gott ein Tier“: Im Krieg mit sich selbst

Ferrari-Ein Gott ein Tier

Ein Mann kehrt zurück in sein Heimatdorf, irgendwo in der Peripherie Frankreichs. Nichts hat sich dort verändert, nur er selbst. Er kommt aus dem Ausland, nicht aber aus einer Großstadt, er kommt aus der Wüste, aus dem Krieg. Der namenlose Protagonist blickt in „Ein Mensch ein Tier“, dem erstmals 2009 veröffentlichten Kurzroman von Jérôme Ferrari, der nun in deutscher Übersetzung im Secession Verlag vorliegt, auf sein Leben zurück und stellt die existenzialistischen Fragen des Daseins. Weiterlesen

Eichhörnchen in Bomberjacken: Tijan Silas „Tierchen unlimited“

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Tijan Sila und sein Ich-Erzähler haben viel gemeinsam. Sie stammen beide aus Sarajewo, beide flüchten 1994 vor dem Krieg nach Deutschland und leben dort zunächst in der Pfalz, später studieren sie beide in Heidelberg. Autobiographische Kurzschlüsse liegen da nah, vor allem weil diese Art der Texte, die sich zwischen Fiktion und Fakten nicht recht entscheiden mögen, im Trend liegen. Mit „Tierchen unlimited“ legt Sila, der als Berufsschullehrer arbeitet, seinen Debütroman vor. Eine klassische Migrationsgeschichte aus Kinderperspektive? Keineswegs. Weiterlesen

Isaak Babel: Pogrom ist ein russisches Wort

Um die Jahrhundertwende schien es für einen Moment so, als wäre das Judentum in Mitteleuropa angekommen. In England, Frankreich, Deutschland und Österreich war die jüdische Bevölkerung ein elementarer Teil des bürgerlichen Lebens und die Geistesgrößen der Zeit hatten nicht selten einen jüdischen Hintergrund. Schreckensnachrichten kamen hingegen aus dem Osten: Im zaristischen Russland kam es immer wieder zu tödlichen Übergriffen auf die jüdischen Gemeinden – das Wort „Pogrom“ (russisch für „Verwüstung“ oder „Zerstörung“) war geboren. Dass ein paar Jahrzehnte später die Deutschen das osteuropäische Judentum fast vollständig auslöschen sollten, ist eine der bitteren historischen Volten, die die Geschichte schreiben sollte. Als 1917 die erklärt atheistischen Bolschewiki das Ruder in Russland übernahmen, verhieß das keine Verbesserung für die praktizierenden Juden. Zwei Jahre später versuchten die Machthaber in Moskau die Weltrevolution nach Polen zu tragen, die Leidtragenden waren wieder sie. Aus den Verheerungen des Kommunismus ist der Welt ein Zeugnis erhalten geblieben, Isaak Babels „Budjonnys Reiterarmee“, das von seiner erschreckenden Eindrücklichkeit nichts verloren hat. Weiterlesen