Schlagwort: Krise

Alfred Bratts „Die Welt ohne Hunger“: Mit Maggi zum Weltfrieden

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Masse. Mit dem Aufstieg des Industrieproletariats und der damit einhergehenden Urbanisierung gab es plötzlich eine gesellschaftliche Gruppe, die sich durch ihren sozialen Status als homogene Masse verstand und gleichzeitig das Produkt und Beförderer der Moderne wurde. Je mehr sich der Arbeiter als politisches Subjekt verstand, desto entschlossener brachte er seine Forderung vor. Gleichzeitig erkannte das 20. Jahrhundert, z.B. Canetti in seinem „Masse und Macht“, das gefährliche Potenzial, das ihnen inne liegt. Die Masse ist entzündlich, hoch emotional und verführbar. Damit die Masse nicht zu Fackel und Heugabel greift, musste das 20. Jahrhundert vor allem Antworten auf die verschärften Verteilungsfragen finden. Auch davon erzählt „Die Welt ohne Hunger“ von Alfred Bratt, das 1916 zum ersten Mal erschien und nun in der edition atelier neuaufgelegt wurde. Weiterlesen

Boris Sawinkows: „Das schwarze Pferd“: Die Mitte verloren

Die Sowjetunion hat zahlreiche Künstlerbiographien verschlungen. Die bekanntesten sind die Solschenizyns, Isaak Babels oder Boris Pasternaks – manche von ihnen wurden ermordet, andere eingekerkert oder in die Verstummung getrieben. Sie alle eint, nicht auf der verordneten ästhetischen Linien zu wirken, ihr Vergehen war poetische Dissidenz. Einer der in Deutschland unbekannteren war Boris Sawinkow. Sein Schicksal besiegelte sich in dem Moment, als er entschied, Anhänger der Kerenski-Regierung zu werden, jenem Übergangsregime, das zwischen Zarismus und Kommunismus die Hoffnung auf demokratische Reformen in Russland weckte. Seine Gegnerschaft zum Kommunismus machte ihn, nachdem die Bolschewiki im Bürgerkrieg obsiegten, zum Staatsfeind. Seine Haft sollte er lebend nicht verlassen. Nun erscheint sein Werk in deutscher Übersetzung im Galiani Verlag. Weiterlesen

Don DeLillos „Zero K“: An involuntary man

Die Menschen können dem Religiösen nicht entfliehen. Die halbe westliche Welt klopft sich wegen ihres vernunftsgesteuerten Atheismus auf die Brust und verlacht die frommen Kirchengänger, die jeden Sonntagmorgen zu früh aufstehen müssen und dann noch den Rest der Welt mit ihrem Glockengeläut zur Weißglut treiben. Das sind jedoch die gleichen Leute, die trotz ihrer rationalen Aufgeklärtheit, in den Apple Store pilgern, als sei der Heiland erschienen und in der Kapelle des Kapitalismus ihr Opfer darbringen, um das neue, seelenheil-versprechende Produkt ihr eigen nennen zu können. Der Kapitalismus hat verstanden, wie wirkungsvoll religiöse Sinnstiftung ist, weswegen unsere Welt voll von solchen Strukturen und Mustern ist, obgleich sie sich nicht als diese auszeichnen. Der momentan mächtigste Kult hat sich in einem kalifornischen Tal versammelt und hat Großes vor. Im Silicon Valley soll nicht nur der neue Mensch geschaffen, sondern auch der Tod überwunden werden. Den Menschen bis an sein Äußerstes zu optimieren, ist der Leitstern, der die Gemeinde der Technikgläubigen an ihr Ziel führt. Denn – so formuliert es Don DeLillo in seinem neusten Roman „Zero K“ – „Everbody wants to own the end of the world.“ Weiterlesen