Schlagwort: Kritik

Ijoma Mangolds „Das deutsche Krokodil“: Das Unikum

Als Kritiker selbst Bücher zu schreiben, ist wohl das gefährlichste Vorhaben in der Literaturbranche. Gibt es positive Reaktionen vermutet jeder Freundschaftsdienste, wird das Buch verrissen, meint man die Messer zu hören, die schon jahrelang in Vorbereitung gewetzt wurden. So oder so, man kann es eigentlich kaum jemanden Recht machen. Früher war das eigene (literarische) Schreiben und Kritikersein noch kein Widerspruch, da war es aber auch üblicher, dass Schriftsteller als Kritiker tätig wurden. In jüngerer Vergangenheit hat Fritz J. Raddatz sich mit seinem eigenen Werk ganz passabel geschlagen, vor allem mit seinen biographischen Texten, Reich-Ranicki versuchte sich erst gar nicht am Fiktionalen, feierte dafür riesige Erfolge, vor allem mit seinem Memoir. Schlechter erging es da Helmuth Karasek, der mit seinen literarischen Gehversuchen regelmäßig auf die Nase fiel. Nun hat sich Ijoma Mangold, Literaturchef bei der ZEIT, ein Herz gefasst und in „Das deutsche Krokodil“ sein Leben beschrieben. Leider hat der literaturbeflissene Kritiker darin keinen konsequenten Umgang mit dem Autobiographischen gefunden. Weiterlesen

A.O. Scotts „Kritik üben“: Gegen die Urteilsverzagtheit

Der amerikanische Filmkritiker A.O. Scott hat eine Idee davon bekommen, wie viel Relevanz die Kritik in der Gegenwart noch hat. Nachdem er Marvels „The Avengers“ zum Anlass eines Frontalangriffs gegen die Franchise-Politik der großen US-Studios nahm, die die filmische Ästhetik zwingt, sich immer weiter ins Brachiale aufzublasen, hatte Samuel L. Jackson, Darsteller des Films, genug. Er blies auf Twitter zum Gegenangriff und hetzte zumindest digital eine Horde empfindlicher Marvel-Anhänger auf den Kritiker los. Am Ende ist niemand zu Schaden gekommen, wahrscheinlich hat die erzeugte Aufmerksamkeit sogar beiden Seiten genutzt. Dennoch zeigt die Anekdote: So oft die Kritik auch totgesagt wird, am Ende finden sich dennoch immer wieder Menschen, die sich über sie erregen und sie dadurch am Leben halten. Mit „Kritik üben“ ist A.O. Scotts neustes Buch nun in Deutschland erschienen und hat erfreulicherweise den lebensberaterischen Anklang des Originals („Better living through criticism“) hinter sich gelassen. „Kritik üben“ ist idealistisch und gleichzeitig selbstkritisch und weiß schlüssig und unterhaltsam darzulegen, wieso ein ausgeprägtes Verständnis für eine demokratische Gesellschaft unabdingbar ist. Weiterlesen

Der Großmeister der Kritik: Deborah Vietor-Engländers Alfred Kerr-Biographie

Wenn er das Theater betrat, erstarrte der Saal in ehrfürchtiger Stille. Dramatiker und Schauspieler zitterten, wenn sie am Tag nach der Premiere die Zeitung aufschlugen, um seine Besprechung zu lesen. Millionen von Lesern zwischen Königsberg und Paris berichtete er wöchentlich über die kleinen und großen Verfehlungen der Berliner Kulturelite, aber auch aus seinem Privatleben: Vor 100 Jahren gehörte Alfred Kerr zu den prominentesten Berlinern seiner Zeit. Endlich hat Deborah Vietor-Engländer dem Großmeister der Kritik eine ausführliche Biographie gewidmet. Weiterlesen

Alfred Kerr: Der Kritiker als Überkünstler

Bis zu seinem Tod im Jahr 2013 hatte die deutsche Literaturkritik ihren Großmeister in Marcel Reich-Ranicki, heute sitzt Maxim Biller im neu aufgelegten Literarischen Quartett und polarisiert – doch wer war vor einhundert Jahren der umstrittendste Literaturkritiker seiner Zeit? Die Antwort ist einfach: Alfred Kerr. Der 1867 in Breslau geborene Alfred Kempner, der seit seinem 20. Lebensjahr unter dem Pseudonym veröffentlichte und 1909 vollends seinen Geburtsnamen ablegte, um ihn in Kerr zu ändern, publizierte rund vierzig Jahre lang vornehmlich Theaterkritiken in den bedeutendesten Feuilletons im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Zunächst war „Der Tag“, ab 1919 das „Berliner Tageblatt“ sein Auftraggeber. Er schrieb nicht nur jährlich mehrere Dutzend Theaterkritiken, sondern entwickelte auch eine Poetologie der Kritik. Weiterlesen

Marcel Reich-Ranicki: Die Verteidigung der Kritik

Bloggern wird mitunter vorgeworfen, sie führen zu selten die theoretische Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Tätigkeit. Dabei ist diese zu bestimmen gar nicht so einfach, schließlich könnte das Bild, das alleine die deutschen Buchblogger ergeben, heterogener kaum sein. Zwar ist den professionellen Feuilletons längst eine ernstzunehmende Konkurrenz erwachsen – auch darüber ließe sich so manch wütender Angriff aus den journalistischen Reihen erklären – doch wo die Reise am Ende hingeht, ist offen: schließlich sind so gut wie alle Blogs immer noch im Freizeitstatus und dadurch stetig von Zeitnot oder Perspektivlosigkeit bedroht. Doch die Bekanntheit, die manch ein Vertreter der neuen Zunft mittlerweile erlangt hat, entlässt nicht aus der Verantwortung, sich ständig zu fragen: Was soll das ganze eigentlich? Wen könnte man da besser befragen als den schmerzlich vermissten Marcel Reich-Ranicki. Weiterlesen