Schlagwort: Liebe

Bernhard Schlinks „Olga“: Kein weites Feld

Mit seinem „Vorleser“ bescherte Bernhard Schlink der deutschen Literatur Mitte der 1990er Jahre einen der seltenen weltweiten Bestseller: Sein Roman wurde in 45 Sprachen übersetzt, schaffte es auf die berüchtigte Bestsellerliste der New York Times und wurde folgerichtig mit Hollywoodbesetzung verfilmt. Obwohl Schlink danach sieben weitere Bücher veröffentlichte, blieb es bei dem internationalen One-Hit-Wonder. Kein anderer seiner Romane konnte einen vergleichbaren Erfolg erzielen. Wie sieht es also mit der achten Veröffentlichung nach dem „Vorleser“ aus? Weiterlesen

Die Topographie der Heimatlosigkeit: Jana Hensels „Keinland“

Vor gut zwei Monaten führte der Streit um die ARD-Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ zu einem Aufflammen der Debatte um den auch hierzulande erstarkenden Antisemitismus. Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur der vergangenen Jahre hat sich immer wieder mit dem Thema ‚Alltags’-Antisemitismus, der oft in einer ‚Das wird man doch wohl wieder sagen dürfen’-Manier daherkommt, auseinandergesetzt. Ein literarisches Beispiel ist Mirna Funks großartiger Debütroman „Winternähe“ (2015), in dem sich die Protagonistin Lola vor lauter Antisemitismus schließlich nach Tel Aviv absetzt. Auch in Jana Hensels Debüt „Keinland“ steht das deutsch-jüdische Verhältnis im Zentrum: ein „Liebesroman“ ohne Happy End. Weiterlesen

Don DeLillos „Zero K“: An involuntary man

Die Menschen können dem Religiösen nicht entfliehen. Die halbe westliche Welt klopft sich wegen ihres vernunftsgesteuerten Atheismus auf die Brust und verlacht die frommen Kirchengänger, die jeden Sonntagmorgen zu früh aufstehen müssen und dann noch den Rest der Welt mit ihrem Glockengeläut zur Weißglut treiben. Das sind jedoch die gleichen Leute, die trotz ihrer rationalen Aufgeklärtheit, in den Apple Store pilgern, als sei der Heiland erschienen und in der Kapelle des Kapitalismus ihr Opfer darbringen, um das neue, seelenheil-versprechende Produkt ihr eigen nennen zu können. Der Kapitalismus hat verstanden, wie wirkungsvoll religiöse Sinnstiftung ist, weswegen unsere Welt voll von solchen Strukturen und Mustern ist, obgleich sie sich nicht als diese auszeichnen. Der momentan mächtigste Kult hat sich in einem kalifornischen Tal versammelt und hat Großes vor. Im Silicon Valley soll nicht nur der neue Mensch geschaffen, sondern auch der Tod überwunden werden. Den Menschen bis an sein Äußerstes zu optimieren, ist der Leitstern, der die Gemeinde der Technikgläubigen an ihr Ziel führt. Denn – so formuliert es Don DeLillo in seinem neusten Roman „Zero K“ – „Everbody wants to own the end of the world.“ Weiterlesen

Obsessionen eines Studenten: Aljoscha Brells „Kress“

Nein, mit Kress, dem Protagonisten des gleichnamigen Debütromans von Aljoscha Brell, kann man beim besten Willen nicht sympathisieren. Der Student der Literaturwissenschaft und Philosophie an der Freien Universität Berlin ist ein Einsiedler, ein Wutbürger, ein Besserwisser, der niemandem seinen Vornamen verrät. Kress ist ein Misanthrop – bis er auf Madeleine trifft. Auf dreihundertdreißig Seiten erstellt Brell das Psychogramm eines obsessiven Charakters. Weiterlesen

Liebe (er)zählen: Monique Schwitters „Eins im Andern“

Anfang August erschien Monique Schwitters neuer Roman Eins im Andern, aus dem die in Hamburg lebende Schweizerin bereits Anfang Juli beim diesjährigen Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt vorlas [hier geht es zum vorgetragenen Auszug aus dem sechsten Kapitel des nun erschienenen Romans], einhellig positive Rückmeldung erhielt, aber trotzdem keinen der Preise gewann. Nun hat es Schwitters Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Das Autoren-Ich, aus dessen Perspektive erzählt wird, rekapituliert im Alter von etwa vierzig Jahren als Ehefrau und Mutter die Lieben ihres Lebens und was davon blieb. Von zwölf Männern berichtet Eins im Andern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Leser begleitet das Ich, die Schriftstellerin des Textes [aber nicht Monique Schwitter], in unmittelbarem Erzählmodus bei ihrer Reise in die Vergangenheit und bei ihrem Nachdenken über die Liebe: zu Männern, ihren Söhnen und ihrer Hündin.  Weiterlesen