Schlagwort: literarisches Wien

Robert Schindel und die österreichische Amnesie

Frühling 1944 in Österreich: Robert Schindel, Sohn jüdischer Kommunisten, erblickt das Licht der Welt. Das Kriegsende 1945 erlebt Schindel in einem Wiener Kinderkrankenhaus, wo zuvor seine Deportation nach Auschwitz und Theresienstadt verhindert und sein Überleben gesichert wurde. Seine Mutter kehrte aus Auschwitz und Ravensbrück zurück, während sein Vater im Dachau ermordet wurde.

Ab den 1980er Jahren macht sich Schindel vor allem in Österreich einen Namen als Lyriker. Zum Hauptthema seines prosaischen Werks macht der Schriftsteller später die Frage nach der österreichischen Schuld in der Shoah. Seine Romane „Gebürtig“ (1992) und „Der Kalte“ (2013) thematisieren den Umgang mit der Shoah aus jüdischer und nicht-jüdischer Perspektive in Österreich über die Generationen hinweg und reflektieren die Waldheim-Affäre der 1980er Jahre in Wien, der „Welthauptstadt des Vergessens“. Schindel dokumentiert und poetisiert ein Stück österreichische Zeitgeschichte. Weiterlesen

Friedrich Torberg: Das alte Tanten-Prinzip

Ich bin ein Jud. Ich lebe in Österreich. Ich war in der Emigration. Ich hab was gegen Brecht… Etwas davon schadet mir immer.

Friedrich Torberg ist der große Unbekannte in der deutschsprachigen Literatur. 1908 als Friedrich Ephraim Kantor-Berg in Wien geboren, gehörte er im jungen Erwachsenenalter schnell zu den Stammgästen der literarischen Kaffeehäusern und verkehrte mit der literarischen Prominenz der Zeit: Robert Musil, Max Brod, Alfred Polgar, Leo Perutz und Franz Werfel.

Sein größter Erfolg war der Roman „Der Schüler Gerber“ – ein Text wie Musils „Törleß“ oder Hermann Hesses „Unterm Rad“ über die Mechanismen der Grausamkeiten, in der Bildungsinstitutionen ihre Schüler einspannen. Nach dem Krieg und der Rückkehr nach Wien wird aus dem Schriftsteller Torberg ein Literaturkritiker, -förderer und –funktionär. So setzt er unter anderen zusammen mit Hans Weigel den Wiener Brecht-Boykott in den 50ern durch. Weiterlesen

Literarische Kaffeehäuser in Wien.

IMG_1844Verkehrten die Aufklärer im Café Hugelmann, wurde das “Silberne KaffeehausTreffpunkt des Kreises um Franz Schubert, Stammgäste waren auch Franz Grillparzer und Nikolaus Lenau, der hier einige seiner Gedichte konzipierte. Um 1900 wurde die Wahl des Kaffeehauses zu einer Art Glaubensfrage. Legendär war das Café Griensteidl, in dem Peter Altenberg, Arthur Schnitzler und Richard Beer-Hofmann ebenso regelmäßig verkehrten wie die Politiker Viktor Adler oder Engelbert Pernersdorfer. Dem Café Central, das Peter Altenberg 1897 als Postadresse angab, setzte Franz Werkel in seinem Roman ‘Barbara oder die Frömmigkeit’ ein literarisches Denkmal. Friedrich Torberg wurde zum Historiografen des Café Herrenhof. Auch nach 1945 lebte die Tradition des Kaffeehauses als Treffpunkt und Arbeitsplatz fort. Im Café Raimund traf sich der Kreis um Hans Weigel ( u.a. Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger), im Café Hawelka die Wiener Gruppe, Elfriede Gerstl war im Café Korb zu finden, Thomas Bernhard im Bräunerhof, Robert Menasse und Robert Schindel frequentierten das Café Sperl und das Café Engländer.

Quelle: Literaturmuseum der ÖNB