Schlagwort: Literatur

Thomas Hettches „Unsere leeren Herzen“: „So schönes Wetter, und – ich noch dabei“

Gibt es eine allgemeine, zeitlose Funktion der Literatur? Die Antwort auf diese Frage lauter ganz klar: Jein! Literatur, wie sie aus dem westlichen Verständnis kommt, hat sich schon immer mit den Gesellschaften, derer sie entspringt, verändert. Mal neigt sie sich ins politische Engagement, mal zieht sie sich in den Ästhetizismus zurück, mal wird sie gar von Ideologien gekapert. Literatur ließe sich anders auch schwer denken – auch wenn die Poststrukturalisten gelehrt haben, den Autor hinter dem Text verschwinden zu lassen, können (und wollen) auch sie nicht die menschliche und damit gesellschaftliche Hand hinter dem Text leugnen. Auf der anderen Seite hat die Literatur auch immer eine, unveränderliche Aufgabe übernommen: Unsere leeren Herzen (und Köpfe) zu füllen. Darüber, was es heißt, im 21. Jahrhundert Literatur zu denken und vor allem sie gegen ihre Gegner zu verteidigen, hat Thomas Hettche nun einen grandiosen Essayband geschrieben. Weiterlesen

Über Auschwitz schreiben: Martin Amis‘ „Interessengebiet“

„Ein Schriftsteller kann nur über das schreiben, was er kennt.“ – Mit seinem Roman „Interessengebiet“, der aus drei verschiedenen Ich-Perspektiven über die Geschehnisse in Auschwitz zwischen 1942 und 1943 erzählt, bringt Martin Amis neuen Schwung in die Debatte. Amis (Jahrgang 1949) ist englischer Bestseller-Autor, der sein Wissen über die Shoah aus Geschichtsbüchern bezieht. Detailliert beschreibt er Sinneseindrücke, Alltägliches und ungeheuerliche Verbrechen im polnischen ‚Interessengebiet‘ in einem sarkastisch-zynischem Ton. Ein Tabubruch? Weiterlesen

Stanislaw Lems „Die Astronauten“: Untergang eines Planeten

Das Jahr 2003 war aufregend: Im März begann die Koalition der Willigen den Dritten Golfkrieg, der schlussendlich in der Besetzung des Iraks resultierte, Arnold Schwarzenegger wurde Gouverneur von Kalifornien, der dritte „Herr der Ringe“-Film erschien in den Kinos und das Weichtier des Jahres war die bauchige Windelschnecke. Der polnische Autor Stanislaw Lem feierte in diesem Jahr seinen 82. Geburtstag. Rund fünfzig Jahre früher hatte er sich schon mal Gedanken gemacht, wie 2003 aussehen könnte. „Die Astronauten“ erzählt von einer kommunistischen Weltgesellschaft, die sich mit dem Klimawandel und seinen Folgen herumschlägt und dabei eine hundertjährige Flaschenpost aus dem All mit bedrohlicher Botschaft entdeckt. Höchste Zeit, dem Absender einen Besuch abzustatten. Weiterlesen

Heimito von Doderer: Der Autor hat Spaß

Wer sich in die Prosa Heimito von Doderers begibt, muss viele Treppen steigen. Seiner Obsession hat er 1951 ein Denkmal gesetzt: „Die Strudlhofstiege“ ist sein bekanntestes Werk – ein monumentales Panorama des Zwischenkriegs-Wien, ein manisches Figurengewirr, das ähnlich wie die bekannte Stiege im Wiener Alsergrund aufzeigt, wie Geschichte und Geschichten verzweigt verlaufen. Für seinen letzten, zu Lebzeiten veröffentlichten Roman „Die Wasserfälle von Slunj“ kehrte er noch einmal zu den Treppen zurück, dieses Mal in Form der kroatischen Wasserläufe. Auch in diesem Text geht es um die österreichische Gesellschaft, mit der es, ganz wie bei den Wasserfällen, bergab geht. Doch noch viel mehr ist der Roman ein großer Abenteuerspielplatz für einen Autor, der viel Spaß daran hat, den Leser hinter die Fichte zu führen. Weiterlesen

F.C. Delius: Deutschlands komplizierter Beziehungsstatus

Kann man zweihundert Jahre als Liebesgeschichte erzählen? Man kann es zumindest versuchen. F. C. Delius begibt sich für seinen neusten Roman „Liebesgeschichtenerzählerin“ knietief in die deutsche Historie und zieht den Rahmen von den napoleonischen Kriegen bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Gleich drei Liebesgeschichten legt der Autor übereinander und möchte dabei zeigen, wie sich Menschheitsgeschichte immer auch als Liebesgeschichte vollzieht. Doch der eigentliche Fokus liegt auf einer vierten Beziehung, die spätestens im 20. Jahrhundert bitterlich enttäuscht werden wird: „Liebesgeschichtenerzählerin“ ist ein Roman über den Verlust der geographischen und geistigen Heimat. Das ist leider so pathetisch wie es klingt. Weiterlesen

Küss die Hand: Marjana Gaponenkos „Das letzte Rennen“

Mehr ‚Wien‘ geht kaum: In Marjana Gaponenkos neuem Roman „Das letzte Rennen“ werden Fiaker gefahren, es wird über den Graben spaziert und in nächster Nachbarschaft des Praters residiert. Aus der Ich-Perspektive des 1988 geborenen Kaspar Nieć, Sohn eines aus Polen stammenden Millionärs, erzählt der dritte Roman von Gaponenko vom Untergang der höheren Wiener Gesellschaft und einer ambivalenten Vater-Sohn-Beziehung. Während thematische Konstanten durchaus vorhanden sind, unterscheidet sich „Das letzte Rennen“ stilistisch maßgeblich vom mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichneten Vorgängerroman „Wer ist Martha?“: „Das letzte Rennen“ ist weniger poetisch, dafür  sarkastisch und voller schwarzem Humor.  Weiterlesen

Louis-Ferdinand Céline: Expedition zur Kehrseite der Zivilisation

Als im letzten Jahr die sonst so belesene Sibylle Lewitscharoff in ihrer Dresdener Rede gegen unnatürliches Leben wetterte und Kinder, die aus künstlicher Befruchtung entstanden sind, als Halbwesen bezeichnete, war die Aufregung zurecht groß. Dabei unterlag die Empörung einem alten Missverständnis: Der poetische Mensch müsste auch ein intelligenter Mensch sein. Nun ist Lewitscharoff eine gute, aber keine epochenmachende Schriftstellerin und mit ihrem in der schwäbischen Provinz gegorenen Unmut gegen die Moderne steht sie im Land der Verschwörungstheoretiker und Reichsbürger nicht alleine da. Schwerer wiegt der Fall Louis-Ferdinand Céline. Denn dem 1894 geborenen Schriftsteller gelang mit seinem Debütroman „Reise ans Ende der Nacht“ ein Meisterwerk. Hätte ihn nach der Publikation der Blitz getroffen, er wäre als einer der größten Franzosen in die Geschichte eingegangen. Doch er lebte weiter. Und arbeitete zeitlebens daran, die schlimmste Version seiner selbst zu werden. Weiterlesen

Flucht in den Westen: Alexandra Friedmanns „Besserland“

Die Thematik von „Besserland“ ist tagesaktuell, nur der historische Kontext ist ein anderer: Sanja, aus deren Ich-Perspektive berichtet wird, emigriert mit ihren Eltern und sucht in Deutschland Asyl. Auf der Odyssee durch Europa lassen sie Habseligkeiten zurück, sie vertrauen auf Schlepper, um die Grenzen Europas zu überwinden und werden über den Tisch gezogen. In ihrem Debütroman „Besserland“ erzählt Alexandra Friedmann die Geschichte einer (jüdischen) Emigration von 1986 bis 1991, die von Weißrussland in die USA führen soll, dann aber doch in Deutschland endet.

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Karl Ove Knausgård: Die Blendung

Es scheint Ewigkeiten her zu sein, seit dem ein Schriftsteller es geschafft hat, eine weltumspannende Öffentlichkeit zu schaffen. Die Rede ist natürlich von Karl Ove Knausgård, dem Starautor und frischgekürten Welt-Literaturpreisträger. Wenn James Bond in Norwegen erdacht worden wäre, er sähe aus wie Knausgård: ein Mann durch dessen Gesicht sich tiefe Falten wie Fjorde ziehen. Normalerweise ist der Literaturbetrieb noch das letzte Refugium, in dem solche Oberflächlichkeiten kein Kriterium für den Erfolg ist, bei Knausgård scheint es dennoch damit zusammenzuhängen. Denn so sehr wie er Schriftsteller ist, so sehr avanciert er zum Popstar. Weiterlesen

open mike, Tag 3: Zielgerade und Preisverleihung

Der finale Sonntag des 23. open mike begann in aller Frühe um 11 Uhr mit gleich drei Lyrikern. Nach einer etwa einstündigen Besprechung wurden um etwa 15.30 Uhr, 1,5 Stunden nachdem der letzte Finalist Philipp Enders seinen Text „meerzwiebel“ las, die diesjährigen Preisträger bekannt gegeben. Weiterlesen