Schlagwort: Longlist

Zwischen den Welten: Feridun Zaimoglus „Siebentürmeviertel“

Feridun Zaimoglu hat es mit seinem Siebentürmeviertel nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2015 geschafft. Trotzdem ist sein Roman von Relevanz und Aktualität: Zaimoglu erzählt die Geschichte eines Flüchtlings in einer multikulturellen Exilgesellschaft aus einer neuen Perspektive, die ihn von der Konkurrenz abgrenzt: der Asyl suchende Protagonist und Ich-Erzähler ist Deutscher.

Der sechsjährige Wolf flieht mit seinem Vater vor den Nationalsozialisten, sie finden Zuflucht im kulturellen Schmelztiegel Istanbul. Yedikule, das titelgebende Siebentürmeviertel, in dem das Ich aufwächst, entspricht den Stereotypen von Neukölln in Berlin: es ist ein Einwandererbezirk mit Banden- und Jugendkriminalität, in dem Menschen aus verschiedenen Kulturen mit verschiedenen Religionen aufeinander treffen. In zwei Romanteilen, die zeitlich zwischen 1939 und 1949 angesiedelt sind, und insgesamt neunundneunzig Kapiteln erzählt Zaimoglu vom Aufwachsen in einer fremden Kultur und dem Identitätskonflikt, der damit einhergeht.  Weiterlesen

Protest und Magie: Vladimir Vertlibs „Lucia Binar und die russische Seele“

Vladimir Vertlib, der in Sankt Petersburg geborene Schriftsteller, welcher in seiner Kindheit mit seinen Eltern aus Russland emigrierte und sich schließlich in Österreich niederließ, publiziert seit rund zwanzig Jahren regelmäßig Romane und Erzählungen. Lucia Binar und die russische Seele ist kein literarisches Debüt, sondern der Text eines handwerklich versierten Autors, dem man seine Erfahrung anmerkt: keine Experimente, sondern einfache, solide Erzählprosa – das ist Lucia Binar. 
Vertlibs bisherige Veröffentlichungen verhandeln überwiegend die Frage und Suche nach der jüdischen Identität, den russischen Wurzeln und dem Leben im Exil. Sein neuer Text streift diese Themen nur periphär. Lucia Binar und die russische Seele ist ein Roman über das Wien der Gegenwart: eine Stadt im Wandel, das einen Kompromiss zwischen Traditionsbewusstsein und Moderne sucht. Im Zentrum steht die titelgebende Seniorin Lucia Binar, die sich gegen die Gentrifizierung in ihrer Straße wehrt.  Weiterlesen

Die neue Wörtlichkeit: Kai Weyands „Applaus für Bronikowski“

Kai Weyands Roman Applaus für Bronikowski ist eine der Überraschungen auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2015, der in den Kritiken bislang vor allem Zustimmung und Applaus erhält.
Das mag vor allem daran liegen, dass sich der Roman inhaltlich und formal deutlich unter den anderen Kandidaten heraussticht: der quantitativ gesehen eher zu den kürzeren Einreichungen gehörende Text ist nicht in einzelne Kapitel untergliedert, sondern über einhundertachtundachtzig Seiten fortlaufend und nur durch Absätze unterbrochen, sein markantestes Merkmal ist sein Humor, eine einzige Figur steht klar im Fokus der Erzählung.
Applaus für Bronikowski ist eine leichte, kurzweilige Lektüre, die ihre Tiefe nicht über eine metasprachliche Poetizität, sondern über die existenzielle Thematik entwickelt.  Weiterlesen

Liebe (er)zählen: Monique Schwitters „Eins im Andern“

Anfang August erschien Monique Schwitters neuer Roman Eins im Andern, aus dem die in Hamburg lebende Schweizerin bereits Anfang Juli beim diesjährigen Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt vorlas [hier geht es zum vorgetragenen Auszug aus dem sechsten Kapitel des nun erschienenen Romans], einhellig positive Rückmeldung erhielt, aber trotzdem keinen der Preise gewann. Nun hat es Schwitters Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Das Autoren-Ich, aus dessen Perspektive erzählt wird, rekapituliert im Alter von etwa vierzig Jahren als Ehefrau und Mutter die Lieben ihres Lebens und was davon blieb. Von zwölf Männern berichtet Eins im Andern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Leser begleitet das Ich, die Schriftstellerin des Textes [aber nicht Monique Schwitter], in unmittelbarem Erzählmodus bei ihrer Reise in die Vergangenheit und bei ihrem Nachdenken über die Liebe: zu Männern, ihren Söhnen und ihrer Hündin.  Weiterlesen

Gertraud Klemm: Das Leben im „Aberland“

In einem Interview mit der taz sagte Gertraud Klemm unlängst, die Österreicher hätten eine natürliche Neigung zum „auskotzen“. Wer einen Blick in ihren neusten Roman „Aberland“ wagt, nimmt ihr das sofort ab. Die österreichische Autorin hat es mit ihrer wütenden Suada gegen die Situation von Frauen in unserer Gesellschaft auf die Longlist zum deutschen Buchpreis geschafft. Doch was diesen Roman überzeugen lässt, ist wohl weniger eine ehrliche Wut als kluge Alltagsbeobachtungen.

„Aberland“ erzählt aus dem Leben von Franziska und ihrer Mutter Elisabeth. Beide Frauen kennzeichnet, dass sie verheiratet sind, Kinder haben und an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben die falschen Entscheidungen getroffen haben. In dem Moment, in welchem die Handlung einsetzt, haben sich Mutter und Tochter an ihrer beider Leben wundgerieben. Weiterlesen

Bis uns der Himmel auf den Kopf fällt: Valerie Fritschs „Winters Garten“

„Winters Garten“ ist das in diesem Jahr erschienene Debüt der Österreicherin Valerie Fritsch, das bereits im März erschein, aber spätestens seit dem Antritt beim Wettlesen des diesjährigen Bachmann-Preises in Klagenfurt und nun auch mit der Longlist-Nominierung für den Deutschen Buchpreis Aufmerksamkeit erfährt, und das völlig zu Recht. Auf einhundertvierundfünfzig Seiten beweist die 26-Jährige ihr Können. Erzählt wird die Geschichte von Anton Winter und dem utopischen Garten seiner Kindheit, den er irgendwann zugunsten der Stadt verließ, um mit seiner Geliebten und der Familie seines Bruders im Angesicht des drohenden Weltuntergangs in jenen Garten zurückzukehren. Fritschs erster Text ist komplex und metasprachlich strukturiert, ohne konstruiert zu wirken, ihr Ton ist poetisch, die Metaphern sind fulminant.

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