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Martin Walsers „Statt etwas oder Der letzte Rank“: Von einem, der nicht anders kann

Um sein Leben schreiben ist ein weit verbreitetes Motiv in der Literatur. Manche taten es vom Sterbebett, manche vom Gefängnis aus. Thomas Bernhards ewige Wortkaskaden wurden von der Forschung immer wieder als Versuch gelesen, der eigenen Atemnot entgegenzuschreiben, dem kurzen Atem den langen Satz entgegenzustellen. Auch Martin Walser ist mittlerweile in einem Alter angelangt, in dem – bei allem Respekt – jedes neue Buch das letzte sein könnte. Erst letztes Jahr hat der Großautor einen Roman mit dem vielsagenden Titel „Ein sterbender Mann“ veröffentlicht, nun folgt der nächste Streich zugleich, wieder mal doppeldeutig: „Statt etwas oder der letzte Rank“. Rank kann Kurve, aber auch List bedeuten. Wer Walsers neuen Roman liest, wird sich an vieles erinnert fühlen – an einen Autor, der es wie kaum ein anderer versteht, den eigenen Verstehensversuchen literarischen Ausdruck zu verleihen, sich die Welt literarisch anzueignen, aber auch an einen Mann, der alte Kriegsbeile immer wieder ausgräbt. Wenn Alterswerke Fäden zusammenführen und Resümees zu ziehen, ist dieser Roman prototypisch. Oder ist alles nur eine List? Weiterlesen

Jörg Magenaus „Martin Walser“: „Was ihm zustößt, beantwortet er mit Literatur.“

Walter Jens, Siegfried Lenz, Günter Grass oder Marcel Reich-Ranicki – mit dem Tod der großen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit scheint endgültig eine Literaturepoche zu enden, die die BRD wie keine andere geprägt hat. Mit Hans Magnus Enzensberger und Martin Walser sind der Literatur nur noch zwei zentrale Gestalten dieser Zeit und der wichtigen Gruppe 47 verblieben. Während Enzensberger immer mal wieder von sich reden macht, wenn er zum Beispiel in der FAZ empfiehlt, das Smartphone wegzuwerfen, hat sich Martin Walser, seit dem Eklat um seine Rede in der Frankfurter Paulskirche, weitgehend ins Private zurückgezogen. Das scheint verständlich, denn Walser focht seine Konflikte im Rampenlicht aus. Der Autor vom Bodensee war in der öffentlichen Wahrnehmung erst als Kommunist, dann als Antisemit verschrien, womit ihn die zwei schwersten Vorwürfe trafen, die in Deutschland überhaupt erhoben werden können. Deswegen lässt sich an seinem Leben auch eine Geschichte der Bundesrepublik im pars pro toto erzählen, denn Martin Walser war ein ständiger Begleiter der großen Konfliktlinien dieses Landes. Weiterlesen

Martin Walser: Im Patentamt der Literatur

Wer Martin Walsers Werkverzeichnis überfliegt, muss schon zweimal hinschauen, um zu realisieren, es mit der Schaffenskraft eines Achtundachtzigjährigen zu tun zu haben. Walser ist so etwas wie der Helmut Schmidt der deutschsprachigen Literatur: je älter er wird, desto mehr hat er zu sagen. Das Alter des Schriftstellers im Zusammenhang mit seinem neusten Roman „Ein sterbender Mann“ zu erwähnen, ist eigentlich eine makabre Wendung. Doch fern liegt es trotzdem nicht. Denn im letzten Abschnitt seines Schaffens wendet sich der Autor den großen Themen zu: dem Sterben und der eigene Entscheidungskraft über den Tod, Leidenschaft im Alter und großen Zäsuren im Lebensweg. Leider bricht Walsers Erzählkonstrukt unter der Last derlei thematischer Schwergewichte zusammen. Weiterlesen