Schlagwort: Matthes & Seitz

Éric Vuillards »14. Juli«: So viele Berichte, so viele Fragen

Der junge Mann, der dem Leser vom Cover Éric Vuillards neuer Erzählung »14. Juli« mit einer Mischung aus Euphorie und Sorge entgegenschaut, hat seinen eigentlichen Ort auf Eugène Delacroixs klassischen Bild »Die Freiheit führt das Volk«. Bildzentrum ist die Marianne, Zentralsymbol des französischen Staates, doch das Cover richtet den Blick auf den linken äußeren Rand des Bildes, auf dem der Junge zu sehen ist. Mit dem Cover ist das Programm des Textes bereits beschrieben. Denn in »14. Juli« betreibt Éric Vuillard seine Historienprosa weiter und versucht sich an einer Beschreibung der französischen Revolution, die aus der revolutionären Masse wieder Individuen macht. Weiterlesen

Matthias Senkels „Dunkle Zahlen“: Rohstoff Literatur

Als Übersetzer wird im Normalfall jemand bezeichnet, der ein Werk von einer Sprache in die andere überträgt. Nimmt man den Begriff des „Übersetzens“ jedoch ernster, eröffnen sich plötzlich ganz andere Dimensionen. Ist nicht der Autor auch ein Übersetzer? Denn was tut er anderes, als den aufregenden Mix aus Welt, Imagination und Erfahrung in Literatur zu übersetzen? Auch der Begriff der Metapher bezeichnet im Wortsinn eine „Übertragung“. Als dieses muss man Literatur verstehen – als Brücke zwischen Leser und einer Erfahrung, die ihm im besten Fall fremd ist und ihn in einen neuen Zustand versetzt. Daher ist es nur konsequent, dass Matthias Senkel in seinem neuen Roman „Dunkle Zahlen“ als Übersetzer auftritt. Weiterlesen

Jakob Noltes „Schreckliche Gewalten“: Of Wolf and Man

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Wer einmal einen kurzen Blick über die bisher zusammengetragenen Pressestimmen zu Jakob Noltes „Schreckliche Gewalten“ wirft, dem kann ganz schwindelig werden. Der junge deutsche Autor aus der niedersächsischen Provinz muss vor Selbstbewusstsein kaum laufen können: ein junger Thomas Pynchon soll er sein, tarantinoeske Literatur schreiben, der wahnsinnigste Künstler seit David Lynch. Vergleiche in der Kritik haben immer zwei Funktionen: Sie dienen der Orientierung, machen Querverbindungen auf und sollen Kontinuitätslinien aufzeigen. Und sie dienen dem Kritiker als Beweis der eigenen Belesenheit. Dass bei Nolte der Hang zum Vergleich besonders groß ist, mag einmal daran liegen, dass er noch kein Werk vorweisen kann, aus dem heraus man den Roman erklären könnte, aber auch daran, dass „Schreckliche Gewalten“, wie viele bekundeten, mit seiner Wucht überfordert. Vielleicht ist daher der Vergleich im Fall von Jakob Nolte das größte Lob – anders kriegt man ihn nicht in den Griff. Weiterlesen